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Leave behind my wuthering, wuthering / Wuthering Heights. Nachruf auf mich selbst.

10 Dez

Machen wir es kurz: Nach fast dreieinhalb Jahren steige ich als Mitveranstalter von Kreuzwort aus.

Jetzt möchte vielleicht der eine oder die andere von euch wissen, warum ich aufhöre. Oder es ist euch egal. Für den Fall empfehle ich euch, Kate Bush-Videos zu gucken anstatt weiterzulesen. Alle, die weiterlesen möchten, können im Anschluss Kate Bush-Videos gucken. Deal? Okay. Here we go.

 

How could you leave me

Es ist der 9. Dezember 2013, ziemlich genau 19h. Ich sitze auf meinem Bett, es ist still in meiner Wohnung. Ich stopfe lustlos meine Vollkornnudeln mit rasch angefixter Tomatensauce in mich herein. Es ist die Art Essen, die ich mir immer zubereite, wenn ich wenig Zeit habe. Gerade habe ich wenig Zeit.

Ich schaue auf meinen Wecker, der sich nach einer Atomzeituhr stellt und ergo die knallharte Realität ausspricht. Ich seufze. Halblaut, aber ich tue es. Denn ich muss los. Zu Kreuzwort.

Im Damensalon angekommen, das weiß ich jetzt schon, werde ich eine halbe Stunde tatenlos rumsitzen, bevor die ersten Menschen eintreffen. So ist das eben.

Ich seufze erneut. Halblaut, aber ich tue es. Denn es ist mein letzter Kreuzwort-Abend als Mitveranstalter.

 

Out On the wiley, windy moors/

We’d roll and fall in green

Ich erinnere mich noch ganz gut an diesen Septembertag im Jahr 2010, als ich beim Einkaufen im Ostbahnhof eine SMS von Carolin erhielt. Darin stand sinngemäß:

„Ey, ich hab gestern in dieser einen Kneipe was mit dem Besitzer getrunken und eine Lesereihe ins Leben gerufen. Willst du da lesen? Wär aber schon am Montag.“

Es war, glaube ich, ein Donnerstag. Meine Antwort:

„Nein. Aber ich besorg dir ein paar Leute.“

Ein paar Worte, hektisch mit der einen getippt, während sich die Träger meiner Einkaufstasche in die andere schnitten. Die ersten Worte eines Kapitels, das sich über drei Jahre fortschreiben und mich konstant beschäftigen sollte. Mit vielen guten, aber auch schlechten Momenten.

 

Too long I roam in the night

Seit dieser SMS war ich mit an Bord. Wir starteten zu dritt, waren ab Anfang 2011 dann zu zweit und stellenweise obdachlos, nachdem wir von der Schließung unseres bisherigen Veranstaltungsorts über Facebook erfuhren. Es war ein Montag – genau eine Woche vor dem nächsten Termin. Wir fanden eine Alternative, aber es kostete Zeit und Nerven. Wie vieles in diesem Kapitel.

Im Herbst selbigen Jahres schmissen wir das Festival außerbetrieb in der von uns schon immer geschätzten Lettrétage. Neben Uni, Arbeit und diesem komischen Ding, das wir verknappt Privatleben nennen. In der heißen Phase kurz vor Beginn saß ich jede Nacht Mate süffelnd (Rekord: 6 Flaschen in einer Nacht) bis 6 Uhr morgens am PC. Nach drei bis vier Stunden Schlaf ging es dann weiter.

Auch der reguläre Kreuzwort-Betrieb lief nahtlos weiter. Nun in der neuen Location, der wir bisher gerne treu geblieben sind, dem Damensalon.

Das alles schlauchte. Unermeßlich. Und wir einigten uns darauf, dass wir uns so etwas zum letzten Mal aufgebürdet hätten. Carolin wagte sich trotzdem noch an die Veröffentlichung von Re-Covered, ich jedoch lehnte dankend ab. Der Ausnahmezustand von außerbetrieb sollte sich nicht noch weiter in mein Leben einschreiben. Der reguläre, auf so viele kleinteilige Einzeltasks verteilte Betrieb reichte mir völlig aus.

 

I’m coming back love, cruel Heathcliff

2012 kam die erste lange Sommerpause, im Herbst 2012 ging es weiter und als wir dieses Jahr die Sommerpause einläuten konnten, waren wir wieder heilfroh darüber. 2013 war für uns beide rückblickend ein irres Jahr. Nicht auf die gute Art. Es war anstrengend, zehrend. In jeglicher Hinsicht.

Denn wir hatten beide viel zu tun – Uni, Arbeit, dieses komische Ding, das wir verknappt Privatleben nennen – und bei aller Liebe zum Projekt stellte sich Kreuzwort im Terminplan quer. Hier noch mal ein Facebook-Posting, dort ein Blogeintrag, war das mit dem Mikro geklärt und hatte XY eigentlich schon Textprobe und Bio rübergerückt? YZ macht übrigens Stress wegen sonstwas.

Das war noch sowas. Diese XYs und YZs, Ausnahmen zwar, eine marginale Minderheit zwischen aufgeweckten und sympathischen Menschen, aber trotzdem da. Und nicht ganz so marginalen zusätzlichen Stress verursachend.

 

I hated you

Das waren so Sachen wie: Irgendjemand hatte mal auf unsere Kosten Kumpels zum Saufen eingeladen, wir brauchten drei Monate, um das Geld zurückzubekommen.

Oder sowas: Eines Tages fand ich mich in einer Tokyoter Wohnung wieder, eigentlich im Urlaub und nebenbei an einer Hausarbeit werkelnd, musste mich aber mit ZZ rumschlagen, weil wir den Blogeintrag für das nächste Event noch nicht oben hatten.

Schlechte Organisation wurde uns vorgeworfen.

Die Wahrheit war, dass wir einfach noch nicht alle Texte von Autor_innenseite beisammen hatten. Nicht unsere Schuld also. Als ich darauf hinwies, schien das egal. Ich unterstrich, dass wir aus freiwilligem (!), unbezahlten (!!) Engagement versuchen, in unserer Freizeit (!!!) Infrastrukturen bereitzustellen und bat darum, uns unsere vermeintliche „Lieblosigkeit“ und „Trantütigkeit“ doch bitte direkt vorzuwerfen statt e-Mails an Mitlesende zu senden, die dann aus Versehen an uns weitergeleitet werden.

Mir wurde daraufhin vorgeworfen, ich würde mich als Mäzen aufspielen und sollte stattdessen Solidarität walten lassen.

Solidarität.

Cool. Klar.

Muss ich die Ironie ausbuchstabieren?

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I loved you too

Das waren Ausnahmen, natürlich. Ich habe durch Kreuzwort vor allem viele interessante und nette Menschen kennengelernt. Mit manchen konnte ich aus Zeitgründen kaum mehr als fünf Worte wechseln, mit manchen bin ich mittlerweile befreundet.

Aber es gab auch eben diese kräftezehrenden Momente, in denen die Egos bis zum Platzen anschwollen und ich mich wirklich fragen musste, warum ich mir das gebe. Und anfing, mich rückblickend zu fragen, ob ich – vom Eintrag im Lebenslauf bis hin zu den guten Freundschaften – nicht bereits alles erreicht und derweil tolle Texte gehört, meinen Horizont erweitert, Spaß gehabt sowie meine Passion für Literatur auf eine mir entsprechende Art ausgelebt hätte.

Ich glaube, das habe ich.

Und jetzt habe ich Lust drauf, mehr Zeit zum Kochen zu haben. Oder für andere Dinge. Uni, Arbeit und dieses komische Ding, das wir verknappt Privatleben nennen.

Ich habe Kreuzwort immer gern gemacht. Am Anfang aus einem gewissen Idealismus – DIY-punkiger Lesereihenismus, Wasserglas go home! etc. pp. – am Ende aber vor allem aus dem Gedanken heraus, bekannte Gesichter zu sehen und mir ein wenig Bier und mehr als genug Gin Basil Smash in mein eigenes zu schütten.

Was nicht unbedingt heißt, ich hätte nicht gerne, aufmerksam und manchmal begeistert zugehört. Das habe ich. Aber im Laufe der letzten Monate reifte in mir der Gedanke, dass ich das genauso gut tun könnte, ohne die Verantwortung zu übernehmen. Selbstbezogen und -gerecht? Mag sein.

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Leave behind my wuthering, wuthering /

Wuthering Heights

Mein zweiter Seufzer um ziemlich genau 19h an diesem 9. Dezember  fiel halb schuldzerfressen, halb erleichtert aus. Denn ich lasse Carolin aus plump gesagt egoistischen Gründen im Stich und das tut mir leid. Es tut mir überdies leid, weil ich vielleicht Menschen enttäusche, die an mein Engagement geglaubt haben, meine Blogeinträge witzig fanden (ganz ehrlich: spätestens 30 Minuten nach Verfassen wusste ich für gewöhnlich nicht mehr, was ich da zusammengeschustert hatte und war nur froh, diesen Task abgehakt zu haben) oder meinen hyperdilettantischen Moderationsstil mochten.

Aber ich war eben auch erleichtert. Aller Schuldgefühle, aller Wehmut zum Trotz.

Mein letzter Kreuzwort-Abend war schlecht besucht. Das war okay. crauss., Jan Skudlarek und Chloe Zeegen waren da, haben tolle Texte gelesen. Das war schön. Ich stotterte zum Abschluss ein paar Abschiedsworte heraus. Das war merkwürdig. Einfach so per Ansage ein Kapitel meines Lebens zu schließen.

 

I’m coming home to wuthering, wuthering  /

Wuthering Heights

Carolin wird, wie gesagt, weitermachen. Wie, dazu wird sie sich in näherer Zukunft äußern. Wenn ihr meinen Platz einnehmen wollte, meldet euch bei ihr.

Wir sehen uns trotzdem da. Ich steh nur nicht mehr hinter dem Mikrofon, sondern sitz in der Ecke auf dem Sofa. Ich werde vermutlich ein ausgewogenes, ausgefeiltes Abendessen im Magen liegen haben. Und etwas weniger Stress, vielleicht sogar mehr Freude an der Sache im Gesicht stehen haben.

Und jetzt Kate Bush. Die Red Dress-Version, auf die Carolin und ich uns immer so gut einigen konnten. Danke euch allen. Insbesondere Carolin.

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