Archiv | Oktober, 2011

KREUZWORT am 24.10.: Marfutova, vom Brocke & Unterweger

20 Okt

Folks! Wir können endlich wieder einigermaßen geregelt schlafen, denn „außerbetrieb“ ist vorbei. Wer aus Trauer darüber leise vor sich hinweinend Johannisbeerkraut kaut, den dürfen wir ganz unhomöopathisch beruhigen: Kreuzwort übernimmtwieder den Staffelstab! Wir geben uns keine Schonzeit und bringen am 24.10. wieder Literatur in den sympathischen Damensalon in der Reuterstraße 39 in Kreuzkölln (U Schönleinstraße oder U Hermannplatz, Busse 194 oder M29). Unsere neuen Gastgeber öffnen ihre Pforten extra für uns, Einlass ist ab 20h. Diesmal auch elektrisch amplifiziert, versprochen. Wir sind doch professionell und so Kram.

Für 3€ Eintritt gibt’s auch drei Dichtermenschen und wir freuen uns auf ein sehr abwechslungsreiches Programm mit Lyrik und Prosa von YULIA MARFUTOVA, SONJA VOM BROCKE und ANDREAS UNTERWEGER, den man ja eher selten in Berlin erwischt.

YULIA MARFUTOVA, 1988 in Moskau geboren, lebt in Berlin und studiert dort Germanistik. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien.
Textprobe:

Der Ton in meinem Ohr, der immer da ist, wird überlagert vom Schreien der Nachbarn in der Wohnung unter mir und dann vom Schreien ihres Babys. Es ist ein Kanon verschiedenster Tonlagen und -stärken und ich entfliehe aufs Dach; dafür wohne ich schließlich im Dachgeschoss. Ich steige durch das Fenster, es ist nicht kompliziert, und setze mich auf meinen Lieblingsziegel, der nur deshalb mein Lieblingsziegel ist, weil ich immer auf ihm sitze; ich weiß auch nicht, warum.
Der Abend umschließt mich. Er duftet nach Regen; ich weiß nicht, ob nach vergangenem oder noch kommendem. Ich rieche an ihm. Hier auf dem Dach ist nichts außer dem Abend, seinem Duft und dem Ton in meinem Ohr, einzeln, beharrlich, hoch. Ich lausche in den Abend und in mein Ohr hinein. Mein Ohr, das sich nicht behandeln lässt, weil ich es nicht behandeln lassen will. Ich habe mein Ohr gern, wie es ist. Es leistet mir Gesellschaft.

SONJA VOM BROCKE (geb. 1980), lebt zz. in Berlin. Veröffentlichungen in Literatur- und Kunstzeitschriften (u. a. lauter niemand, Lichtungen, Meise), 2010 ›Ohne Tiere‹ im Verlag Heckler und Koch, Berlin
Textprobe:

[…] Ich liebe Sie. Zum ersten Mal kann ich das sagen. Ich denke Sie ohne Parzelle, bei Ihnen wird galoppiert, kaum Biegung am Saum. Und nach Jahrzehnten noch gäbe es keine Kartoffelchips im Ausschnitt. Zum ersten Mal kann ich das sagen, da das Lieben nicht in der Spitze seiner spitz zulaufenden Tüte erstickt; ich liebe Sie. Sie sind mir flimmernd, Sie kennen das, und zwischen uns saust das Sein. […]

ANDREAS UNTERWEGER, geboren 1978 in Graz, Studium Deutsche Philologie und Französisch, 2004 abgeschlossen. Lebt in St. Johann/Grafenwörth. Schriftsteller und Rockmusiker (Gitarrist und Sänger der Band ratlos).
Veröffentlichungen von Prosa und Lyrik in Literaturzeitschriften (u. a. manuskripte), Essays zu Wolfgang Bauer. Erhielt den manuskripte Förderpreis 2007 und den Preis der Akademie Graz 2009.

»Andreas Unterweger schreibt zauberhafte, um alle Kanten eines von Beziehungsarbeit geprägten Alltags schwebende Prosa, die trotz ihrer Leichtigkeit nie an der Oberfläche haften bleibt. Und er beherrscht die Schubumkehr – dann bricht er rigoros mit literarischen Bildern, bis es dem Leser den Atem verschlägt.« (Alfred Kolleritsch)
http://www.andreasunterweger.at/

Auszug aus „Wie im Siebenten“:

»Nachts träumten wir vom Meer, und morgens«, schrieb ich in meinem ersten Buch, »lagen dann wirklich immer Muscheln in der Blumenkiste vor dem Fensterbrett – als hätte sie das Meer, das wir, Judith und ich, geträumt hatten, dort angespült.« – In Wirklichkeit war es natürlich ganz anders. In Wirklichkeit hatte Judith die Muscheln selbst in die Blumenkiste gelegt. Abend für Abend nahm sie ein paar Muscheln aus den Nutellagläsern, in denen sie sie aufbewahrte, wusch sie Stück für Stück unter dem Wasserhahn im Vorzimmer, das uns als Küche diente, und legte sie dann in das sandige Beet der Blumenkiste, zwischen die letzten Äste eines zähen Thymians und die paar dürren namenlosen Halme.
Ich weiß nicht, warum sie das machte. Ich habe sie, soweit ich weiß, auch nie danach gefragt. Aber ich weiß noch, was es mit mir machte, wenn ich am Morgen dort, in der Blumenkiste vor dem Fensterbrett, die Muscheln sah. Ich weiß zwar nicht, warum – aber wann immer ich, der ich mich jeden Morgen an das Fenster setzte, um zu schreiben, die Muscheln dort in der Blumenkiste liegen sah, erschien es mir mit einem Mal nicht mehr unmöglich, zumindest nicht ganz unmöglich, dass Träume – zumindest unsere Träume, Judiths und meine – tatsächlich Wirklichkeit werden können. – Und dass das In-Erfüllung-Gehen von Träumen eine gute Sache sei, das verstand sich damals, als wir, Judith und Andreas, in unserem Zimmer im Siebenten zusammenlebten, ohnehin von selbst.
Damals, am Anfang, waren wir uns da noch ganz sicher.

außerbetrieb: Abschlusspräsentation „all work and no play“

13 Okt

In drei Sitzungen hat Georg Leß nun Mikro- und Makrokosmos des Horrorfilms durchwühlt, von Kameraeinstellungen bis zu den gängigen Wirkungsmechanismen – immer im Blick: Die Figur des Autors. Klar, so ein bisschen haben wir schließlich auch mit Literatur am Hut. Wer sich also für das Crossover von Slasher, Splatter, Thriller, Gore und Guts und Poesie und Prosa interessiert, sollte seine Blutreserven am Freitag, dem 14.10. in die Lettrétage in der Methfesselstraße 23-25 tragen. 5€ oder 3€ ermäßigt (gilt für Untote, Studierende usw.) im modischen Minileichensack bei sich zu tragen wäre natürlich auch sinnig.

Neben Georg Leß‚ kleiner Zusammenfassung erwarten uns  Furcht und Schrecken von Tom Bresemann, der den Workshop kreativ genutzt hat, sowie weiteres Unheil durch den fluchbringenden Martin Lechner. Und wer weiß, welche Zombies noch in die Lesung reintaumeln – vom Dreifaltigkeitsfriedhof aus sind’s nur 1,3km bis zur Lettrétage, im Leichenwagen ist das ja schnell überbrückt. Bevor ich jetzt noch mehr peinliche Verlegenheitsanspielungen bringe: Kommt vorbei, seid froh und munter beim vorletzten außerbetrieb-Abend!

außerbetrieb: Die Lettrétage übernimmt KREUZWORT am 10.10. (ACHTUNG: Ortswechsel!)

5 Okt

So sieht’s aus: „außerbetrieb“ heißt ja nicht nur, dass wir Tom, Moritz und Katharina in der Lettrétage alle Arbeit abnehmen – nein, die müssen sich auch revanchieren. Deswegen freuen wir uns, das Ende der Sommerpause einleiten zu können und uns dabei trotzdem noch zurücklehnen dürfen.

Passend zur neuen Ära (naja, immerhin: wir gehen ins zweite Jahr!) wechseln wir auch den Veranstaltungsort und befinden uns ab nun an im Damensalon in der Reuterstraße 39, Berlin-Kreuzkölln (das muss ich jetzt schreiben, sonst wird wegen unseres Namens gemeckert).

Genauer: An der Ecke zur Pflügerstraße, erreichbar mit/durch: U Hermannplatz/Schönleinstraße, H Pflügerstraße Bus 194 (aus Fhain), M29. Eintritt beträgt 3€. Eintritt ab 19h45!

Wir werden uns also fein raushalten und zitieren nur aus einem Bekennervideo, welches die Lettrétage auf extremistischen Poesieseiten hochgeladen hat und in dem sie Ziele und Namen nennen:

Die Lettrétage übernimmt Kreuzwort. Aber keine Angst, euch wird weiterhin high-class-adult-entertainment-Poesie vom Feinsten geboten:

Sandra Trojan ist in der Stadt, und schreibt sich während ihres Stipendienaufenthalts in der Villa des lcb am Wannsee die Finger wund. Gönnen wir ihr eine kleine Pause und uns eine Kostprobe ihres Tuns!

Katharina Schultens, Kreuzbergerin und Katholikin, liefert gierstabile Qualität in den Versen ihres diesjährig bei luxbooks erschienen Gedichtbands. Höchste Zeit, die Prophetin der Erkenntnis auch im eigenen Lande zu Wort kommen zu lassen!

Tom Bresemann, geboren in der Hauptstadt der DDR lebt er mittlerweile in der Hauptstadt der Welt: Neukölln. Sein zweiter Gedichtband „Berliner Fenster“ ist soeben erschienen. Come in and find out!

VITEN & GEDICHTE

SCHULTENS

„Schultens’ Verse bleiben haften, ohne klebrig zu sein. So oft sie auch überfordern, so oft fordern sie zum Nachdenken heraus. Diese Lyrik ist noch auf dem Weg begriffen, entwickelt sich aber unaufhörlich fort. Wie ein Fahrzeug, das sich ohne weiteres Eingreifen von außen geradeaus bewegt. Das ist ja schließlich auch die Definition des Begriffes Gierstabilität. Einen besseren Titel hätte der Band nicht haben können.“ (Junge Welt)

Katharina Schultens, geboren 1980 in Rheinland-Pfalz, arbeitet seit 2006 als Forschungsreferentin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Diverse Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien (zuletzt ostragehege, randnummer, shampoo, bella triste, Lyrik von Jetzt II, Neubuch). 2004 ein Debütband im Rhein-Mosel-Verlag; 2011 als zweiter Band  „gierstabil“ im Wiesbadener luxbooks-Verlag. Preisgeld gabs auch, besten Dank: 2005, 2007 und 2009.

forum

um zu sprechen, vergiß zunächst alle, die diesen luxus nicht haben. erinnere dich
erst ganz am schluß. dazu später. vergiß (unvollständige liste): traumata – kindliche
inklusive – , ehemalige wie zu erledigende lieben + sorgen, dieses eine geringfügige
scheitern, das sich später als entscheidender punkt erwies, tod angehöriger und
geburt etwaiger kinder, gib überhaupt dein geschlecht ab: falls du mitten im raum
stehen solltest, wirfs nach hinten, es fängt garantiert wer, den bügel zur anderen
hand, es dir anschließend überzuziehn. die schönheit, falls du sie trägst, leg ab
falls dein spezifisches alter sich mit überzeugung zu wort melden sollte, im rahmen
von erkenntnissen darüber, was jeweils jüngere unbedingt wissen müßten, dann
ignorier es, mit überzeugung und selig. ignorier auch den impetus zur wiederholung
schieb die emphase zur seite, spar die evokation jedweder baratmosphäre oder des
zugehörigen kippens vom hocker ins bett: fort, laß bloß nicht bleiben, sondern sein
und unter diesen voraussetzungen, die ich kurz mal bezeichnete als: entferne
den schutz – steh nicht im akkord, der dann einsetzt. laß die trance denen
die sie beherrschen. sprich, was dann übrig, bestenfalls denen, die übrig
(s.o.) aus.

TROJAN

Ein kleiner zusammengekauerter König ziert das Cover. Das kann trügen. Denn die Gedichte der studierten Amerikanistin und Journalistin sind nicht märchenhaft, nicht romantisch. Und eigentlich auch nicht lyrisch. Was wohl tut, wenn man sich an sich einmal wieder den Magen verdorben hat mit gezuckerter deutscher Lyrik. (Leipziger Internetzeitung)

Sandra Trojan, geboren 1980 in Winterberg. Studium der Amerikanistik, Journalisik und Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Leipzig, anschließend am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Arbeitet als Autorin und Übersetzerin und unterrichtet kreatives Schreiben an Schulen. Derzeit ist sie Stipendiadtin des lcb.

Ihr Debüt ‚Um uns arm zu machen‘ erschien 2009 im Verlag poetenladen.

Läutern // Zu müde in Bienen zu sprechen
Ich sollte ganz einfach sprechen: von dir, und von mir, Pathogenen.
Von Lippen, schlaff hängenden Netzen, von letzten Worten
ins Dunkel gemurmelt: Machs gut. // Machs gut.

Ein wachsbeflecktes Wort deckt jedes zweite Bild ab.
Ich will doch nur gewahren, was darunter liegt:

ein Zwang, der die Mundhöhle infiziert
eine Litanei, die meist auf Assonanzen stößt.

Nie hört es auf: Zu tief hast du die Akkorde
mit deinen Händen gehämmert, geborgte Worte, spitz
wie Meißel, nur nicht so wahr. // Und endlich zu den Bienen:

nicht von Natur aus garstig, nur ihr Terrain bewahrend
mit Tendenz zum Jähzorn, ist die Dame dahin oder fort //

ist was ich schrieb, aber wurde so müde, so elend mir
von ihrem Dröhnen, dass ich die Wange gegen die Tischkante rieb

// und weinte.

BRESEMANN

Bresemanns Kritik an den Verhältnissen ist subtil – und vor allem poetisch. (Berliner Literaturkritik)

„Das ist schlechter als drittklassiger Poetryslam“ (Raoul Schrott bei der Endrunde des Leonce und Lena Preises 2011)

Tom Bresemann, geboren 1978 in Berlin, Lettrétage und S³ LiteraturWerke Mitbegründer, Herausgeber, Übersetzer, Hundebesitzer, Krawattenträger, Espressosuchtgeschädigter etc. (diese fläche steht nun ihrer werbung frei)

aktuelles Buch: Berliner Fenster (Berlin Verlag) // berlinerfenster-gedichte.de

wenn
                          Auf das Notwendige kann ich verzichten.

wenn ich reich bin ziehe ich nur noch 100%
rein zerstoßenes geld durch die nase.

wenn ich reich bin baue ich kein haus,
ich kauf mir eure.

wenn ich reich bin gestatte ich nur noch apartesten
gleichnissen meiner langweile ausdruck zu verleihen.

exquisite buffetstrecken voll ausgestorbener
köstlichkeiten werde ich, wenn ich reich bin, veranstalten.

wenn ich reich bin werde ich auch schwul.

alle werden mich lieb und teuer halten
denn ich werde verstehen die leere auszukosten.

außerbetrieb: Netzbetriebe (Prosa) – Leipzig, Hildesheim, Berlin

3 Okt

Es geht weiter und weiter und weiter – immerhin jedoch: Die letzte Woche mit vier Veranstaltungen in Folge ist überstanden, wir können alles etwas entspannter, aber immer noch mit demselben Elan und Interesse angehen. Am Mittwoch, dem 05.10. geht es ab 19h30 in der Lettrétage (Methfesselstraße 23-25) weiter. Die Veranstaltung Netzbetriebe hatten wir ja bereits, diesmal wird sich statt der Lyrik auf die Prosa konzentriert, die aus den angeblichen literarischen Zentren Deutschlands kommt.

Hakan Tezkan (Student am Deutschen Literaturinstitut Leipzig), Juan Gosze (Student an der Universität Hildesheim) und Isabel Bredenbröker (Studentin an der FU Berlin) werden nicht nur ihre Texte lesen, sondern auch die der jeweils andere diskutieren, in einer Art öffentlichen Workshop, der das Publikum nicht ausschliessen soll.

Und sofern es sich zeitlich einrichten lässt kann man überhaupt die Frage stellen: Wo sind die Unterschiede, wo die Gemeinsamkeiten, welche Klischees gibt es und wieviel ist an ihnen dran?

Eintritt 5€, mit Ermäßigung 3€.

Isabel Bredenbröker (Netzbetriebe, Prosa), geboren 1986 in Duisburg und aufgewachsen in Wermelskirchen im Bergischen Land, lebt jetzt schon eine ganze Weile in Berlin. Studierte Englische Literatur und Literaturwissenschaft in Bonn, Paris und am Peter-Szondi-Institut der Freien Universität Berlin. Teilnehmerin des Heiner-Müller-Autorenkollegs 2011 mit Thomas Lehr.

Juan S. Gosze (Netzbetriebe Prosa), geboren 1989. Ein paar Veröffentlichungen.

Hakan Tezkan (Netzbetriebe, Prosa), geboren 1989, seit 2009 Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Veröffentlichungen in Zeitschriften, unter anderem in um[laut] und der Tippgemeinschaft.