Archiv | September, 2012

Kreuzwort am 08.10: Hanna Lemke, Marie. T. Martin, Tom Schulz und Ron Winkler

28 Sep

Das Leben hat leider keine opening themes, deswegen kommen wir gleich zum Punkt: Tom Schulz bringt ein neues Buch raus, es heißt Innere Musik und er wird daraus am 08.10. bei Kreuzwort im Damensalon in der Reuterstraße 39 in Berlin-Neukölln vorlesen. Begleiten werden ihn Hanna Lemke, Marie T. Martin und der frenetische Ron Winkler. Nicht nur geistig, sondern auch textlich respektive leserlich und… Ihr wisst schon! Ihr seid auch dabei: Ab 20h und mit 3€ in der Tasche, die ihr endlich loswerden könnt, wenn ihr in unsere geldgeile Umarmung lauft. Wir freuen uns. Nach den Credits können wir dann noch alle mit einem Bier im Bauch Toms Buch und/oder seine Person feiern, oder das Leben oder eben einen bezaubernden Abend. Wird schön

Hard facts & running order:

Hanna Lemke, geboren 1981 in Wuppertal, studierte von 2002 bis 2006 am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2010 erschien ihr Debüt, der  Kurzgeschichtenband “Gesichertes” im Verlag Antje Kunstmann. 2011 die Erzählung „Geschwisterkinder“. Sie lebt in Berlin.

Auszug „Geschwisterkinder“ (Erzählung), Verlag Antje Kunstmann 2012:

„Meinst du, wir waren als Kinder auch schon so, wie wir jetzt sind?“, fragte Milla. 

„Schwer zu sagen.“ Ritschie schaute sie an, eindringlich, als würde er in ihrem Gesicht Spuren von ihrem Gesicht als Kind suchen. „Ich erinnere mich noch daran, wie du ausgesehen hast, als du neu geboren warst“, sagte er. „Du hattest diesen Marienkäferstrampler an. Du hattest ein ganz rotes Gesicht. Und ich weiß noch, dass ich dachte, dass du noch gar nicht aussiehst wie ein Mensch.“

Marie T. Martin, geboren 1982 in Freiburg, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und absolvierte eine Ausbildung zur Theaterpädagogin. Sie lebt in Köln. 2007 erhielt sie den Förderpreis des MDR-Literaturwettbewerbs und 2008 das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium. 2010 war sie Stipendiatin der Stadt Köln in Istanbul. Nach ihrem Erzählband Luftpost (poetenladen 2011) erschien 2012 mit Wisperzimmer ihr Lyrikdebüt im Poetenladen Verlag.

Heute nicht heute geht der Wind so komisch
alle Zitronen im Kreis beginnen zu leuchten
heute nicht heute liegen Waren auf dem Laufband
zur Kasse du hast wohl das meiste davon gekauft
darunter den Fisch mit den schillernden Flossen
das luftdicht verpackte Kraut ohne Namen
heute nicht heute sind die Tüten mit Wasser gefüllt
hängt wirklich ein Farnstrauß am Mantelhaken
und Regen Limetten der windstille Ort dort drüben
im Flur sieht dich die Katze dort schaffst du den Weg
zur Küche nicht mehr dort sieht dich am frühen Abend
die Katze und schließt deine grünen Augen zu schnell

Tom Schulz, geboren 1970 in der Oberlausitz, aufgewachsen in Ostberlin, lebt in Berlin. Von ihm erschienen sechs Gedichtbände, zuletzt: Innere Musik, 2012 im Berlin Verlag. Der Kurzprosaband: Liebe die Stare. Verlagshaus J. Frank, 2011.
Mitherausgeber der Kneipenbuchreihe im Berliner Taschenbuch Verlag sowie der Anthologie „Alles außer Tiernahrung – Neue politische Gedichte.“
2010 erhielt er den Bayerischen Kunstförderpreis für Literatur.

Nahe der Alten Oder

wir kamen an den See, ein Kranich
Schlafplatz, im Herbst sahn wir
den Köder auf dem Blinker
die Welt im Nebel, falsche Hatz

auf einer Campingliege: ein Körper
vage, ohne Wille, müde; die Fliege
in seinem Gesicht, einen oder zwei
Tage klüger als der Menschenangler

wir wissen nicht, wie der Gesang
in einem Schwan anschwillt, hat er
sich aufgeplustert, ein spanischer
Infant mit Rüschen…

weißer Halskrause; rief ich dir
in den Röhricht nach, das Wasser
ist nicht tief… die Flatterbinsen

verglichen wir unsre Schnatterlaute

auf einem Smartphone, das zu
versinken schien, erkannten
dieses Zischen, Zischeln, jenes Futter
Betteln auf dem Vogelstimmen-App

die Kähne mit den Kohleschiffern
lauschten wir still der Dommel
auf dem Grund schwammen im flachen
seichten Schlamm Karauschen

Ron Winkler, 1973 im Bezirk Gera geboren und aufgewachsen mit Blick auf fremde Äpfelbäume und einen Bergsturz.
Sechsjährige Ausbildung zum Judoka, sporadische Teilnahme an der Schülerakademie (»Tarnung, Warnung und Signal: Die Farben der Tiere«) und mit einsetzender Adoleszenz Engagement in den FKR Literatur und Sozialistische Landesgestaltung (Pflege eines Orchideeotops).
Diverse Besuche der Großeltern mittels eines Ikarus 66. Ungesühnte Straftaten: Inbrandsetzung einer Mülldeponie (Zetti-Süßwaren-Tüten-Fehldrucke, Chemikalien, künstliche Nieren, Hausmüll).
Ron Winkler hat eine Leerstelle für Torp und widmet sich neuerdings der sinnlichen Katzendokumentation.

Einen Text Rons kriegt man auf Klick hier, kurze Peter Maffay-Reminiszenz nicht ausgeschlossen. (Text entfernt, wer zu spät kommt, den bestraft Peter Maffay! Wusste schon Boris Gorbatschow)

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Kreuzwort am 10.09.: Georg HEYM, Birgit KREIPE, Stephan REICH, Friederike SCHEFFLER & Katharina SCHULTENS

4 Sep

OH MEINE SPIRITUELLE PROJEKTIONSFIGUR, KREUZWORT IST ZURÜCK! Und startet natürlich gewohnt fulminant mit Literatur und Drinks in die nächste Saison. Am 10. September können wir im innig geliebten Damensalon in der Reuterstraße 39 sogar mit einem Verstorbenen aufwarten. Naja, zumindest mittelbar. Vor gut 100 1/2 Jahren ertrank Georg Heym auf einer Schlittschuhfahrt und hinterließ ein für sein zartes Alter ziemlich umfangreiches Oeuvre (nimm das, Optimierungsgesellschaft des 21.!). Der Schriftsteller und Herausgeber Florian Voß, der diesen Abend bei uns moderieren wird, wollte den expressionistischen Dichter wieder ins kollektive Gedächtnis zurück heben, indem er ihm eine Anthologie widmete. Nicht nur Heyms eigene Arbeiten sind darin versammelt, sondern auch Texte von Lyrikerinnen und Lyrikern, die sich intensiv mit dem vorgegebenen Material auseinandersetzen. Wir dürfen mit Birgit KreipeStephan ReichFriederike Scheffler und Katharina Schultens vier Personen bei uns begrüßen, die zu dem fantastisch gelungenen Band (das sag nicht nur, das sagt auch meine Rezension bei Fixpoetry, hier zu lesen) beigetragen haben. Die vier werden neben ihren Erwiderungen, Antworten und Pastichen auch eigene Texte vortragen. Toll? Toll!

Deswegen die Beine in die Hand genommen und vorbeigeschneit (hoffentlich kein prophetischer Ausdruck) kommen. Einlass ist wie gewohnt ab 20h, Eintritt beträgt wie gewohnt 3€, wir werden wie gewohnt Gin Basil Smash trinken und euch raten, dasselbe zu tun. Ihr braucht Teaser? Ihr kriegt Teaser!

Birgit Kreipe, geb. in Hildesheim. Kindheit & Jugend auf dem Land. Studium der  Psychologie und Germanistik in Marburg, Wien und Göttingen, lebt in Berlin. Kurzprosa und Gedichte sind in vielen Zeitschriften und Anthologien erschienen (zuletzt in lichtungen, randnummer, in: Schneegedichte, hrsg. von Ron Winkler, im Jahrbuch Lyrik 2011)

Im Juni 2010 erschien wenn ich wind sage, seid ihr weg, Verlag im Proberaum, Klingenberg. Im Frühjahr 2013 erschien „schönheitsfarm“ im Verlagshaus J. Frank, Berlin. 

Birgit Kreipe ist Mitglied im „forum der 13“.

 

Georg Heym

Der Winter          

Der blaue Schnee liegt auf dem ebenen Land,
das Winter dehnt. Und die Wegweiser zeigen
einander mit der ausgestreckten Hand
der Horizonte violettes Schweigen.

hier treffen sich auf ihrem Weg ins Leere
vier Strassen an. Die niedren Bäume stehen
wie Bettler kahl. Das Rot der Vogelbeere
glänzt wie ihr Auge trübe. die Chausseen

verweilen kurz und sprechen aus den Ästen
dann ziehn sie in die Einsamkeit
gen Nord und Süden und nach Ost und Westen.
wo bleicht der niedre Tag der Winterzeit.

Ein hoher Korb mit rissigem Geflecht
blieb von der Ernte noch im Ackerfeld
Weißbärtig, ein Soldat, der nach Gefecht
und heißem Tag der Toten Wache hält.

der Schnee wird bleicher, und der Tag vergeht
der Sonne Atem dampft am Firmament
davon das Eis, das in den Lachen brennt
hinab die Strasse rot wie Feuer brennt.

Birgit Kreipe

havel, himmel, blauer käfer, der am wasser fliegt

der wind bricht, krachen, in den bäumen auf
kühlt ab, im wasser tauchen flüchtig träume
erinnerungen. hirngespinste. auf.

chausseen wehn am ufer, in den ästen reste
atmen, mai. die uferphlox und meisen
gleißen, zitterschiffe, die in lichterfetzen treiben.

flammengrünes laub. im schatten eine uferwarnung
nicht weiter. dünnes eis: als letzte wachsoldatin
durchs jahr mit rost wie blut, darüber laub wie tarnung.

der wind zerrt abend auf ein boot, das dort vertäut
dahinter spätes mondkalb, hat ‘nen stern im maul
und stiert ins wasser, kaut betäubt.

das eis, das nicht mehr trug, ist hundertmal im meer
und in die blauen flügelschalen aufgestiegen.
brennt in den lachen. dann nicht mehr.

 

Stephan Reich, geboren, aufgewachsen, lebt.
Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, zuletzt Wortwuchs Magazin # 5, randnummer literaturhefte # 4, Jahrbuch der Lyrik 2011, Versnetze Vier, etc. Finalist beim 18. Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin 2010.

 

havel

 

Im Haar ein Nest

aus sauerstoff & an das ufer

dröhnt geschichte

fast wie vorhergesagt

da geht er hin

als ironie

(das muss einer der träume sein)

Und die beringten Hände

berlins im rücken die schlote winken

statisch zum abschied

während er Unsichtbar schwimmt

mit dem mund voller eis & letzte gedanken

verschwinden wie luftblasen

in der Flut

& im Dunkelgrün der Wiesen

bleibt es still, kein Widerhall,

die Melodie der atmung weicht

Maschinenkreischen, Wasser

ratten an den lippen noch reste

strenger,

nie wuchernder Sprache

 

Friederike Scheffler, geboren 1985 in Berlin, wo sie auch lebt. Veröffentlichungen in Zeitschriften (zuletzt Wortwuchs 7) und Anthologien. Mitgründerin des Berliner Lyrikkollektivs G13, eine Anthologie mit Texten der Gruppe wird im Oktober 2012 bei luxbooks erscheinen. Zum Wintersemester 2012 beginnt sie ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig.

 

dicke luft in der landschaft, strommasten
füllen den schönsten zenit. windstärke? drei.
denkst das wetter, wie immer, mimöschen,
fühlt sich so schwach. all die hochhäuser,
schwimmer in dünnen hosen am see.
und weiter drin in der stadt zeig die stelle
am ellenbogen, wos mit uns hingeht.
was das denn soll, dieses wir vorzubringen,
eine kerze, dicht vors gesicht.
fahr zwischen die finger. rückbildung. ringe.
stehen sie zu nah? stehen ohne geräusch.
web deinen ehrgeiz in türme aus stahl.
und denk an die flauten, bitte, die sinken
verzeichne ihr hellblau, die rotierenden parks.

 

Katharina Schultens, geboren 1980 in Rheinland-Pfalz, arbeitet seit 2006 als Forschungsreferentin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Diverse Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien (zuletzt ostragehege, randnummer, shampoo, bella triste, Lyrik von Jetzt II, Neubuch). 2004 ein Debütband im Rhein-Mosel-Verlag; 2011 als zweiter Band  “gierstabil” im Wiesbadener luxbooks-Verlag. Preisgeld gabs auch, besten Dank: 2005, 2007 und 2009.

 

der busch auf dem kopf meines kindes ist kein dornbusch

auch wenn es darum wogt als ob in einem gräserfeld
auch wenn es darin wispert wie in pappelkronen

und es stecken kleine vögel aus salz darin
deren flügel glitzern und es glänzt das gras

aber golden: durchquert meine hände
auf quantenmechanische weise.

dennoch ist der busch auf dem kopf meines kindes absolut
kein dornbusch bloß ein strauch der federn sprüht

und funken. man kann – das weiß ich – leuchten
ohne zu brennen, behauptet hazelelponi.

nur wollte sie vorübergehend festhalten:
ein weicher weicher strauch.