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KREUZWORT am 10.12. mit BECKER, BUßMANN, KEMPKER & MAHLKE

3 Dez

Die Vorweihnachtszeit hat ja bereits vor ca. sechs Monaten angefangen, jetzt aber geht’s in die heiße (oder eben nasskalte, Ansichtssache) Phase: Mir zumindest glühen schon die Apfelöhrchen und Schweinsbäcklein vor Freude, wenn ich dran denke, dass bald die schöne Zeit beginnt, in der a) die Radiostationen Last Christmas auf heavy rotation setzen, damit die Menschen ein gediegenes Thema für hasserfüllten Small Talk haben, b) alle über Konsum jammern, c) alle so tun, als würden sie nur in meta-ironischer Manier über Konsum jammern und eigentlich voll drüber stehen und d) das Christkindl mir Videospiele mit Fokus auf hirnloser Gewalt aus dem Himmelreich direkt unter den Baum entsendet (ich kenn mich da nicht aus, nehme aber gerne jedes an – ständig Katzenbilder im Internet anschauen ist unzureichend, ich brauch Abwechslung!). d) wird wohl nicht eintreten.

Die bessere und weitaus sozialverträglichere Alternative zum verkniffenen CPU-Fragen ist ja so oder so ein Besuch bei Kreuzwort. Am Montag, dem 10.12. gibt’s wieder Literatur zum Anhören, diesmal mit vier Mal Prosa. Hannes Becker, Nina Bußmann, Kerstin Kempker und Inger-Maria Mahlke schauen bei uns im Damensalon in der Reuterstraße 39 vorbei und trinken vielleicht das eine oder andere Bier, auf unser dringliches Anraten bestimmt auch einen Gin Basil Smash, mit uns. Übrigens: Einlass ist wie immer um 20h, los geht es genau zwei große Krusovice später. Jedes Bier ist mit 2,90€ übrigens unerheblich günstiger als der Eintritt, der sich wie gewohnt auf 3€ beläuft. Da bleibt immer noch genug Geld übrig, um Socken und Unterhosen en masse für alle hobbylosen Großonkel zu kaufen, wette ich.

Hannes Becker, 1982 in Frankfurt am Main geboren. Studierte Neue deutsche Literatur, Amerikanistik und Geschichte in Berlin und Literarisches Schreiben in Leipzig. Lebt in Berlin, schreibt Prosa und Theaterstücke, und übersetzt aus dem Englischen, u.a. Caryl Churchill, Pamela Carter und Wayne Koestenbaum. Beiträge auf www.dasuntergehendeschiff.blogspot.de.

Auszug aus Aufruhr der Herzen:

Ich begann also doch und erzählte, was ich wußte, nicht viel.

„Also, warum ist es so wichtig zu sagen, wo alle immer gewesen sind?“

„Nein, nicht, wo alle immer gewesen sind, sondern was das für Orte waren, die sie dafür bestimmt hatten. Es ist nicht so wichtig…“

„Hm.“

„Ob sie da auch in Wirklichkeit waren.“

„Aber das ist doch das Entscheidende.“

„Nein“, sagte ich.

Das Gerät auf dem Tisch, mit seinen Ausläufern in den Raum hinein, halbwegs auf den Boden hinab, verströmte ein sanftes Licht, das kurz alles erhellte, die Schränke, die Arbeitsflächen, die Fensterbänke, Regale, Oberflächen, die Hängevorrichtungen, Ablageflächen, und nur sein Gesicht, das er wie in einen Trichter hinein zwischen seinen Händen hielt, im Dunkeln ließ.

„Doch“, sagte er.

Nina Bußmann,* 1980; Prosa, zuletzt in: BELLA triste #33, EDIT#60 sowie in der Anthologie Wie immer unverhofft (Suhrkamp). Das Debüt Große Ferien erschien in diesem Frühjahr.

Ich zeige ihn niemandem. Er ist noch zu scheu. Oft weiß ich ja selbst nicht, wo er steckt. Auch meine Freundin, die nun schon seit Tagen bei mir wohnt und nicht gehen will, hat ihn anfangs nicht zu Gesicht bekommen, nichts gerochen, sie hat ihn nicht einmal gehört. Es gibt ihn gar nicht, du versteckst etwas ganz anderes in diesem Zimmer, sagte sie zu mir und lachte laut heraus, und ich riss mich zusammen und lachte mit ihr, nicht ohne auf seinen blankgeleckten Napf zu zeigen, auf die Kratzspuren an den Tapeten im Flur, Haare, die aufflogen, als ich auf ein Sitzkissen klopfte. Sie ist meine Freundin, eine meiner ältesten Freundinnen, seit der Schule kennen wir uns, aber sie ist nun einmal zu laut für ihn, selbst wenn sie nicht spricht, ist sie zu laut. Er ist zu scheu, und er gehört mir nicht, er gehört wieder anderen Freunden, eine komplizierte Geschichte; ich könnte mir nicht verzeihen, wenn etwas passierte. 

Kerstin Kempker, 1958 am Rosenmontag in Wuppertal geboren, besuchte in Mainz die Klosterschule, wurde in Nürnberg Industriekaufmann und in Hannover Mutter. Nach Berlin kam sie 1984, studierte dies und das, leitete das Weglaufhaus, verfasste einschlägige Bücher und trat zur Belletristik über.

Auszug aus dem Roman Das wird ein Fest, erschienen 2012 im Verlag Nimbus. Kunst und Bücher, Wädenswil:

Ein Flattern war das auf dem Balkon, sagte der Hausmeister, wie Vögel, die schlagen mit den Flügeln und kommen nicht weg. Es war ja schon dunkel. Dieser Geruch und das Geflatter. Plötzlich war es so still. Einer der Brüder griff in ein altes Tonband. Sprich mit mir! Ich bin deine Frau, durchschnitt eine Stimme den Raum; scharf, sagte der Hausmeister, wie Kreissäge, feines Blatt, hohe Frequenz.Die Männer machten Licht, traten über Abfall und Ungeziefer in den Flur und öffneten die klemmende Schlafzimmertür. Einer
knipste Licht an, sie starrten aufs Bett. Der jüngere der Brüder soll seitdem immer nur einen Satz sagen: Ist nicht wahr! Ausgestreckt auf dem Doppelbett lagen die Kleider der Frau W. so, als habe sie eben noch in ihnen gesteckt. Aufgeplusterte Sachen, sagte der Hausmeister. Besonders erwähnte er den halsrund geöffneten, speckigen Kragen der weißen Bluse und die Puffärmel mit ihren ebenfalls kreisrund offen stehenden Enden.

Inger-Maria Mahlke, geboren 1977 in Hamburg, in Lübeck aufgewachsen, lebt in Berlin. Studium der Rechtswissenschaften an der Freien Universität Berlin, Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien. 2005 Teilnehmerin einer Werkstatt für Nachwuchsautoren unter der Leitung von Herta Müller, 2008 Autorenwerkstatt der Jürgen-Ponto-Stiftung, 2009 Autorenwerkstatt des LCB und Preis für Prosa beim 17. open mike. 2010 Veröffentlichung des Debutromans Silberfischchen im Aufbau Verlag, für den sie im selben Jahr den Klaus-Michael Kühne Preis erhielt.
2011/2012 Stipendiatin der Stiftung Preussische Seehandlung.

Reinlesen könnt ihr hier.

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Kreuzwort am 08.10: Hanna Lemke, Marie. T. Martin, Tom Schulz und Ron Winkler

28 Sep

Das Leben hat leider keine opening themes, deswegen kommen wir gleich zum Punkt: Tom Schulz bringt ein neues Buch raus, es heißt Innere Musik und er wird daraus am 08.10. bei Kreuzwort im Damensalon in der Reuterstraße 39 in Berlin-Neukölln vorlesen. Begleiten werden ihn Hanna Lemke, Marie T. Martin und der frenetische Ron Winkler. Nicht nur geistig, sondern auch textlich respektive leserlich und… Ihr wisst schon! Ihr seid auch dabei: Ab 20h und mit 3€ in der Tasche, die ihr endlich loswerden könnt, wenn ihr in unsere geldgeile Umarmung lauft. Wir freuen uns. Nach den Credits können wir dann noch alle mit einem Bier im Bauch Toms Buch und/oder seine Person feiern, oder das Leben oder eben einen bezaubernden Abend. Wird schön

Hard facts & running order:

Hanna Lemke, geboren 1981 in Wuppertal, studierte von 2002 bis 2006 am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2010 erschien ihr Debüt, der  Kurzgeschichtenband “Gesichertes” im Verlag Antje Kunstmann. 2011 die Erzählung „Geschwisterkinder“. Sie lebt in Berlin.

Auszug „Geschwisterkinder“ (Erzählung), Verlag Antje Kunstmann 2012:

„Meinst du, wir waren als Kinder auch schon so, wie wir jetzt sind?“, fragte Milla. 

„Schwer zu sagen.“ Ritschie schaute sie an, eindringlich, als würde er in ihrem Gesicht Spuren von ihrem Gesicht als Kind suchen. „Ich erinnere mich noch daran, wie du ausgesehen hast, als du neu geboren warst“, sagte er. „Du hattest diesen Marienkäferstrampler an. Du hattest ein ganz rotes Gesicht. Und ich weiß noch, dass ich dachte, dass du noch gar nicht aussiehst wie ein Mensch.“

Marie T. Martin, geboren 1982 in Freiburg, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und absolvierte eine Ausbildung zur Theaterpädagogin. Sie lebt in Köln. 2007 erhielt sie den Förderpreis des MDR-Literaturwettbewerbs und 2008 das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium. 2010 war sie Stipendiatin der Stadt Köln in Istanbul. Nach ihrem Erzählband Luftpost (poetenladen 2011) erschien 2012 mit Wisperzimmer ihr Lyrikdebüt im Poetenladen Verlag.

Heute nicht heute geht der Wind so komisch
alle Zitronen im Kreis beginnen zu leuchten
heute nicht heute liegen Waren auf dem Laufband
zur Kasse du hast wohl das meiste davon gekauft
darunter den Fisch mit den schillernden Flossen
das luftdicht verpackte Kraut ohne Namen
heute nicht heute sind die Tüten mit Wasser gefüllt
hängt wirklich ein Farnstrauß am Mantelhaken
und Regen Limetten der windstille Ort dort drüben
im Flur sieht dich die Katze dort schaffst du den Weg
zur Küche nicht mehr dort sieht dich am frühen Abend
die Katze und schließt deine grünen Augen zu schnell

Tom Schulz, geboren 1970 in der Oberlausitz, aufgewachsen in Ostberlin, lebt in Berlin. Von ihm erschienen sechs Gedichtbände, zuletzt: Innere Musik, 2012 im Berlin Verlag. Der Kurzprosaband: Liebe die Stare. Verlagshaus J. Frank, 2011.
Mitherausgeber der Kneipenbuchreihe im Berliner Taschenbuch Verlag sowie der Anthologie „Alles außer Tiernahrung – Neue politische Gedichte.“
2010 erhielt er den Bayerischen Kunstförderpreis für Literatur.

Nahe der Alten Oder

wir kamen an den See, ein Kranich
Schlafplatz, im Herbst sahn wir
den Köder auf dem Blinker
die Welt im Nebel, falsche Hatz

auf einer Campingliege: ein Körper
vage, ohne Wille, müde; die Fliege
in seinem Gesicht, einen oder zwei
Tage klüger als der Menschenangler

wir wissen nicht, wie der Gesang
in einem Schwan anschwillt, hat er
sich aufgeplustert, ein spanischer
Infant mit Rüschen…

weißer Halskrause; rief ich dir
in den Röhricht nach, das Wasser
ist nicht tief… die Flatterbinsen

verglichen wir unsre Schnatterlaute

auf einem Smartphone, das zu
versinken schien, erkannten
dieses Zischen, Zischeln, jenes Futter
Betteln auf dem Vogelstimmen-App

die Kähne mit den Kohleschiffern
lauschten wir still der Dommel
auf dem Grund schwammen im flachen
seichten Schlamm Karauschen

Ron Winkler, 1973 im Bezirk Gera geboren und aufgewachsen mit Blick auf fremde Äpfelbäume und einen Bergsturz.
Sechsjährige Ausbildung zum Judoka, sporadische Teilnahme an der Schülerakademie (»Tarnung, Warnung und Signal: Die Farben der Tiere«) und mit einsetzender Adoleszenz Engagement in den FKR Literatur und Sozialistische Landesgestaltung (Pflege eines Orchideeotops).
Diverse Besuche der Großeltern mittels eines Ikarus 66. Ungesühnte Straftaten: Inbrandsetzung einer Mülldeponie (Zetti-Süßwaren-Tüten-Fehldrucke, Chemikalien, künstliche Nieren, Hausmüll).
Ron Winkler hat eine Leerstelle für Torp und widmet sich neuerdings der sinnlichen Katzendokumentation.

Einen Text Rons kriegt man auf Klick hier, kurze Peter Maffay-Reminiszenz nicht ausgeschlossen. (Text entfernt, wer zu spät kommt, den bestraft Peter Maffay! Wusste schon Boris Gorbatschow)

23.04.: Präsentation der DLL-Tippgemeinschaft mit FEIBIG, KIRCHMAYER, MADER & MAISANO

17 Apr

Wenigen mag es bisher aufgefallen sein und ich war selbst ziemlich überrascht als ich es erfuhr, aber: Die meisten der Autorinnen und Autoren, die bei uns lesen, veröffentlichen ihre Texte. Und nicht nur so auf Blogs, bei Facebook oder auf den Hauswänden von Neukölln, sondern in Büchern. Wahnsinn. Zum Beispiel kann man jetzt von Tom Bresemann eine Geschichte für ’nen Euro (auch: Teuro, Eurone, Taler, Pinke Pinke, Mark) bei SuKuLTur kaufen, die er irgendwann mal in einer frühen Fassung noch bei uns las. Überhaupt werden diese ganzen Bücher auch gelesen. Und dann schreiben Leute was darüber, wie zum Beispiel im Falle von Mathias Traxler. Der hat auch mal bei uns gelesen, und zwar aus seinem Band You’re Welcome. Ein paar von den Leuten, die damals im Publikum saßen haben sich mit ein paar anderen Leuten, die damals vielleicht auf der heimischen Couch saßen, zusammengetan und bloggen nun über den Band

Ich allerdings blogge hier gerade über KREUZWORT, aber irgendwie komm ich trotzdem von diesen Büchern nicht los: Schließlich haben wir eine Präsentation vor uns: 

Seit zehn Ausgaben steht die Jahresanthologie des Deutschen Literaturinstituts Leipzig für jüngste deutsche Literatur, seit zehn Jahren gibt sie kontinuierlich Einblicke in das Schreiben der Studierenden – 2012 feiert die Tippgemeinschaft also ein rundes Jubiläum.

Anlässlich dieses besonderen Ereignisses wurde nicht nur erstmalig ein Teil der Texte von ihren Autoren eingesprochen, es wurden darüber hinaus auch ehemalige Studierende des Instituts dazu eingeladen, mit aktuellen Texten den Bogen über die Jahre zu spannen.

Vier der im Band vertretenen Autorinnen und Autoren dürfen wir am Montag, dem 23.04. bei uns im Damensalon in der Reuterstraße 39 begrüßen. Eintritt ist wie immer ab 20h und beträgt die gewohnten 3 Teuronen (das ist jetzt neu!). Dafür gibt es vorgetragene Texte von Ulrike Feibig, Ursula Kirchenmayer, Babet Mader und Patrick Maisano, in die hier herein gelesen werden kann:

Patrick Maisano (1977) hat Architektur studiert und 2005 an der ETH Zürich diplomiert. Ab 2009 studierte er im Masterstudiengang des Deutschen Literaturinstituts Leipzig und schloss 2012 mit einem Romanmanuskript ab. Er arbeitete als Autor, Architekt, Bühnenbildner und Performancekünstler an verschiedenen Orten in Europa und in den USA. 

Ausschnitt aus dem Romanmanuskript BASTARDI:

Ja, so in dieser warmen Flüssigkeit, mit geschlossenen Augen. – So, dass du nichts sehen musst. – Einfach so, dass es schön eng ist. – So schön eng, dass du dich nicht bewegen musst. Nicht mal atmen … – Klar, die Nase ist ja zu. – Ich würd’ sagen, die ist eher offen und die Lunge ist voll mit Flüssigkeit. – Genau, die Lunge ist voll mamma. – Voll mamma? – Ja, meine mamma, die mir durch die Nase, durch den Hals, durch die Lunge, ins Blut fliesst. – Wenn du meinst. – Und ich kann nicht ersticken dabei, weil da gar nichts anderes in mich rein kann als meine mamma. Alles in mir ist ausgefüllt von meiner mamma. Meine mamma ist in mir und um mich. Und dazwischen ich. – Vielleicht mit so ein paar wenigen Haaren auf dem Kopf? So Klebhärchen? – Ja. – Allerdings, das ist schon wieder schwierig. Weil, wie sind die denn, deine Haare? – Du meinst, ob die eher blond und gerade oder eher schwarz und gekruselt sind? Oder vielleicht blond und gekruselt? Oder schwarz und gerade? – Eigentlich müssten die ja ähnlich sein wie die deiner Mutter. – Oder sonst wie die meines Vaters. – Oder halt eben ein Gemisch aus den beiden. – Oder halt eben.

babet mader 1982 geboren studiert am deutschen literaturinstitut leipzig seit 2010 und hat schon einiges gemacht

Auszug aus Ich versteh nicht was ihr von mir wollt

wenn man überlegt wie viel zeit man mit aktivitäten verbringt die einen langweilen wie viel zeit auch mit bürokratie und arbeit verschwendet wird gibt es eine aufschlüsselung dafür bestimmt verbringt man 60 prozent seines lebens mit unerwünschten angelegenheiten ich dachte früher das liegt am besitz den man hat und wollte punk werden aber das ist der totale irrtum als punk hast du genau die gleichen probleme viele aktivitäten die langweilen und auch viele unerwünschte angelegenheiten es ändert sich nicht bei den superreichen ist es genau das gleiche oben und unten verbindet die langeweile und das leben das wir leben scheint deshalb so kurz weil wir die meiste zeit mit anderen dingen beschäftigt sind ich habe schiss dass ich erst lebe wenn sich andere menschen um meine angelegenheiten kümmern dann wenn ich mir nicht mal mehr meinen eigenen arsch abwischen kann ich habe versucht mich all meinen verpflichtungen und aktivitäten zu entledigen ich habe versucht genau das zu machen worauf ich lust hatte wenn ich auf etwas lust habe dachte ich bleibt die langeweile aus das geht nämlich nicht dachte ich dass ich mich bei etwas worauf ich lust habe langweile also habe ich mir einen film den ich schon immer sehen wollte ausgeliehen ich habe mein handy ausgemacht und habe mir eine schöne schaumige wanne voll dampfendem wasser eingelassen und dann habe ich mir zigaretten vorgedreht und eine flasche wein geöffnet ich lag in der wanne trank den wein schaute den film rauchte die zigaretten und habe nichts dabei empfunden ich habe nur das bild der perfekten entspannung gesehen ich habe gesehen wie das von außen wirkt es wirkt entspannend wenn man das erzählt weil alle denken gott wie entspannend ich konnte mich überhaupt nicht entspannen ich habe es gemacht wie ich alles mache ich mache es mir gemütlich ich mache mir etwa zu essen ich mache mal ne Pause aber entspannen kann ich so nicht ehrlich gesagt weiß ich gar nicht wie das geht ich habe mich noch nie damit beschäftigt meine eigene form von entspannung zu finden ich falle auf die gesellschaftlich anerkannten formen der entspannung rein vielleicht ist meine form von entspannung wände streichen oder cds sortieren wer weiß das schon die vorgegebenen entspannungsmethoden funktionieren bei mir jedenfalls nicht

theater konzert essen gehen und sex das sind keine relax momente in meinem leben ich mach das alles aber es entspannt mich nicht drogen und feiern auch nicht das ist das anstrengendste was es gibt schlimmer noch als arbeiten oder langstreckenflüge langstreckenflüge sind jedoch das allerschlimmste qualvoll muss der job als stewardess sein das sagt man nicht mehr oder bevor ich in den zug gestiegen bin stand ich lange am hauptbahnhof rum und habe von ganz oben nach ganz unten auf die gleise geschaut als erstes wollte ich unbedingt runter spucken und dann wollte ich runterspringen der boden sah so weich aus wie eine hüpfburg ich dachte vielleicht federt das und ich fliege wieder hoch

Ursula Kirchenmayer wurde 1984 in Lugosch (Rumänien) geboren und lebt in Berlin. Sie studierte Literaturwissenschaft und Romanistik (Spanische Philologie) an der Universität Potsdam sowie an der Universidad Nacional Mayor de San Marcos in Lima (Peru), und unternahm ausgedehnte Reisen durch verschiedene Länder Lateinamerikas. Seit 2010 studiert sie „Literarisches Schreiben“ am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 

(…) Der Vater hatte die Fähigkeit, von einer Sekunde auf die andere aus seinem Sessel zu verschwinden und an einem anderen Tag, in einer anderen Sekunde, in einem anderen Sessel wieder aufzutauchen. Es gab verschiedene Möglichkeiten, das Verschwinden des Vaters zu verhindern. Man konnte sich in seiner Armbeuge verstecken oder unter seinen Pullover klettern, an seinem Hosenbein konnte man sich festkrallen, auch das Zusammenbinden seiner Schnürsenkel hat sich in der Vergangenheit als hilfreich erwiesen. Weiterhin konnte man den Vater auf Trab halten, indem man den blondgelockten Bruder an den Haaren zog, nur übertreiben durfte man es nicht. Sonst wurde man alleine ins Schlafzimmer gesperrt. Und dann half nur das Wippen wieder, der harte und regelmäßige Schlag der Gitterstäbe im Rücken, die kleine Erschütterung im Kopf.

(…)  Jedes Jahr im Sommer trug der Vater die Mutter auf den Armen ins Meer. Zuhause in Deutschland aber haftete allen Gegenständen, Gesten und Blicken eine sonderbare Spannung an. Unsichtbar, wie eine feine Staubschicht, die nur das Kind wahrnahm, hatte sie sich auf die Dinge gelegt: über das geblümte Wachstischtuch zwischen den Eltern zuerst, um dann Besitz zu ergreifen von den Händen des Vaters, die mit schnellen Bewegungen eine Orange schälten und sich dabei beinahe in den Finger schnitten; auch auf die Hände der Mutter, die reglos im Schoß lagen, war sie übergegangen. Eine einzige Unachtsamkeit des Kindes konnte reichen, und die stumme Zweisamkeit der Eltern war aus dem Gefüge gebracht. Das versehentliche Auftreten mit der Ferse vielleicht, ein Bissen mit offenem Mund, ein Wort in Kindersprache. Solange aber der Vater die Mutter durch das Meer trug, dachte das Kind, so lange würde alles an seinem Platz bleiben auf der Welt.

Ulrike Feibig, geboren 1984 in Magdeburg, studierte/studiert Germanistik, Slavistik, Kunstpädagogik, Literarisches Schreiben, lebte/lebt in Magdeburg, Wettin, Quedlinburg, Dresden, Leipzig, arbeitete/arbeitet in einem Kulturzentrum, als Bühnen- und Kostümbildassistentin, als Spielzeug- verkäuferin auf Märkten, als studentische Hilfskraft, im Kinderheim, als Aufsicht in einem Museum, als Kindermädchen und Fischverkäuferin

Miniaturen

Das Kreuztier hinter dem Tuch (1)

Das Kreuztier ist in doppelter Hinsicht ein Kreuztier. Einmal, weil es meinen Weg kreuzt oder ich seinen Weg kreuze. Zudem trägt das Kreuztier ein Kreuz auf dem Rücken. Du sagst: Ich lasse mich doch von Dir nicht aufs Kreuz legen. Das Kreuztier mag das auch nicht. Es stirbt dann.

Das Kreuztier hinter dem Tuch (2)

Das Kreuztier ist in doppelter Hinsicht ein Kreuztier. Einmal, weil es meinen Weg kreuzt oder ich seinen Weg kreuze. Zudem trägt das Kreuztier ein Kreuz auf dem Rücken. Du sagst: Ich lasse mich doch von Dir nicht aufs Kreuz legen. Das Kreuztier liegt hingegen gerne auf dem Rücken. Es zieht die Beine an und wartet. Manchmal mache ich es ihm nach.

Das Kreuztier hinter dem Tuch (3)

Das Kreuztier ist in doppelter Hinsicht ein Kreuztier. Einmal, weil es meinen Weg kreuzt oder ich seinen Weg kreuze. Zudem trägt das Kreuztier ein Kreuz auf dem Rücken. Ich habe gesehen, wie es auf dem Rücken liegt, die Beine anzieht und wartet. Manchmal mache ich es ihm nach.

Zeitschriften! Und: KREUZWORT am 12.12. mit D. FRÜHAUF, K. HARTWELL & D. WAGNER

5 Dez

Bevor ich mit dem Sturmhagel an Informationen zum nächsten KREUZWORT-Abend am 12.12. mit David Frühauf, Katharina Hartwell und David Wagner beginne, hier noch zwei kurze Hinweise in nur semi-eigennütziger Sache:

Wir lieben ja Zeitschriften und lesen sie vor dem Schlafgehen, nach dem Aufstehen, im Bus, beim Überqueren der Straße und auch bei gelegentlich sich ergebenden Krankenhausaufenthalten, wenn wir mal wieder angefahren wurden. Besonders angetan haben es uns die randnummer literaturhefte, die es bei unseren Lesungen ab sofort für billige 5€ zu kaufen gibt. Dafür gibt es in der vierten, soeben erschienenen (enenen!) Ausgabe nicht nur fantastisches Artwork und wahnsinnig gute Collagen von Mitherausgeberin Simone Kornappel (an der Stelle Gratulation unsererseits für eine Publikation ganz anderer Art), sondern diese hat zusammen mit ihrem Kollegen Philipp Günzel auch eine sehr schmucke Textauswahl getroffen. Es warten Konstantin Ames, Dennis Büscher-Ulbrich, Nina Bußmann, Kristoffer Patrick Cornils, Max Czollek, René Hamann, Hendrik Jackson, Bülent Kacan, Nicolai Kobus, Jan Kuhlbrodt, Tristan Marquardt, Robert Monat, Stephan Reich, Monika Rinck, Tibor Schneider, Sabine Scho, Mathias Traxler, Michael Zoch, Dmitry Golynko (übersetzt von Alexander Filyuta) und Birgit Kreipe (im Interview mit Simone Kornappel) mit neuen Texten auf. Grund genug, am 12.12. 5€ mehr einzustecken und sich eine randnummer mitzunehmen – wir verdienen da selbstverständlich nichts dran, sondern leiten das Geld an Simone und Philipp weiter, die sich mit der hochwertigen Ausgabe in Unkosten gestürzt haben.

 

Kostenlos war allerdings die erste Ausgabe der Zeitschrift Sachen mit Wörtern, von denen letztes Mal bereits ein paar auslagen und samt und sonders in diversen Taschen verschwanden. Wer kein Printexemplar mehr abbekommen hat, sich aber trotzdem ein Interview mit uns durchlesen möchte (hier nur kurz der Hinweis, dass der im Gespräch erwähnte Abend in Kooperation mit fixpoetry schon gelaufen ist), der kann das hier in aller Ruhe tun. Interessant genug und dank der Illustrationen von Petrus Akkordeon auch schmuck anzusehen.

Aber nun Butter bei die Fische, ich halte mich kurz: Am 12.12. ist wieder KREUZWORT! Das letzte Mal im turbulenten Jahr 2011, bevor es dann im Januar weitergeht. Wir freuen uns auf drei Mal Prosa von David Frühauf, Katharina Hartwell und David Wagner (bevor jetzt jemand naseweis wird: Insgesamt drei Mal, nicht jeweils!). Das wie mittlerweile ja bestens bekannt aus unserer Lieblingstrinkanstalt, dem Damensalon in der Reuterstraße 39 nahe der U-Bahn-Stationen Hermannplatz und Schönleinstraße. Das Ganze kostet 3€, Einlass ab 20h.

David Frühauf, geboren 1987 in Braunau am Inn, Oberösterreich. Seit 2007 Germanistikstudium, 2009 Aufnahme des Studiums „Sprachkunst“ an der Universität der angewandten Kunst Wien, seit 2010 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

Ich hätte nicht zu sagen gewusst, woher du stammtest oder ob es solch eine Region überhaupt je gegeben hatte, die nicht erst durch meinen Zuspruch, mein Einsagen – mit flatternden Händen, mit flüsternden Gliedern – als Erfindung, ja, möglicherweise als Erinnerungslandschaft in mir und durch dich entstehen konnte. Doch nichts widerfuhr dir, nichts durch dich. Es schien, als wärst du von Beginn an gewesen, einzig um sagen zu können: Es gibt –; und dann darin zu verschwinden, unsichtbar zu werden, wie in Wiederholung übergangen, damit das Gedächtnis mit Sicherheit sich selbst auslösche – keine dieser Silben würde je über deine Lippen gekommen sein, oder sich als dir eigen zu verstehen gegeben haben. Dass du so flüchtig bist, rief ich, so vage und wölbend, so splitternd, zerrissen, beständig zugleich, wie mehrfach gespiegelt, meint: an meiner statt, um Stellen versetzt, verzerrt, und dich dadurch einer Anrede entzögst; revozierte Marter, ja, epiphane Bildflut und -flucht, und du zwischendurch aufschrecktest, als hätte dir jedes (weitere) Wort etwas anhaben können, hätte sich dir aufgedrängt und dich auf eines davon zu reduzieren versucht. Was für Sätze wären das, aus welchen Buchstaben wären sie gemacht? Jeder einzelne befremdete dich zutiefst, und ich wagte kaum zu atmen, befürchtete das Schlimmste eintreten gelassen zu haben: dass ich eines Tages nicht mehr aus dem Vergessen erwachen würde und all die an dich gerichteten Appellationen auch nach wiederholtem Male ungehört blieben. Welche dieser Masken würde sich dann dennoch vereinnahmen lassen, welche ließe dich zurück, in Keimen, in kleineren Mengen, um daraus zu schöpfen, zu erschließen, mich daran zu halten und welche verstünde sich noch darauf, dich in derselben Weise zu nennen, zu rufen, ohne stets denselben Namen zu verwenden und ohne zu antworten?

Katharina Hartwell, 1984 in Köln geboren. 2003 bis 2010 Studium der Anglistik und Amerikanistik in Frankfurt am Main. Seit 2010 Master „Literarisches Schreiben“ am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2006 und 2010 Preisträgerin “Junges Literaturforum Hessen-Thüringen“. 2009 MDR Literaturpreis. 2010 Arbeitsstipendium des LCB und Finalistin beim 18. Open Mike. Debüt „Im Eisluftballon – Erzählungen“ im Poetenladen Verlag erschienen. 2011 Aufenthaltsstipendium Künstlerdorf Schöppingen sowie Arbeitsstipendium der Jürgen Ponto-Stiftung.

Auszug aus dem Romanprojekt „Das fremde Meer“:

Du hörst jetzt die erste Geschichte. Du musst die Augen nicht öffnen, musst dich nicht bewegen, musst nicht mit dem Kopf nicken und ihn auch nicht schütteln. Heute Nacht nehme ich dich mit auf eine Reise, auf hundert Reisen nehme ich dich mit, und vielleicht sind wir dorthin unterwegs, wo du noch nie hin wolltest, wo keiner zu Hause sein möchte. Und vielleicht wirst du allein sein, einsam sein, wirst denken, dass ich dich nicht finden werde, nicht weiß, wo du bist, keiner weiß, wo du bist, und du warten musst, wie Rapunzel in ihrem Turm, wie Schneewittchen im Sarg aus Glas, wie Dornröschen hinter der Hecke. Mach dir keine Sorgen, halte still, halte dich gerade, halte Ausschau, warte, bis sich eine Tür öffnet, jemand den Raum betritt, jemand deinen Namen sagt, jemand durch die Fluten, durch den Wald, durch die Straßen, durch die Nacht zu dir kommt und dich an die Hand nimmt.

David Wagner, geboren 1971, wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, darunter mit dem Walter-Serner-Preis, dem Dedalus-Preis für Neue Literatur und dem Georg-K.-Glaser-Preis. Er lebt in Berlin. Im Jahr 2000 veröffentlichte er seinen Debütroman »Meine nachtblaue Hose«. Sein jüngster Roman, »Vier Äpfel«, stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2009.

David Wagner wandert durch die Stadt, allein, manchmal in Begleitung. Was ist die Stadt? Wie lässt sie sich beschreiben? Immer wieder stößt er auf die Trümmer der deutschen Geschichte. Wagner erzählt, wie sehr sich die Stadt in den letzten zehn Jahren verändert hat. Er macht ein Praktikum als Türsteher in der »Flittchen Bar«, trifft die Füchse auf der
Pfaueninsel und einen müden Bürgermeister neben einem Bärenkostüm. Er spaziert durch die Randgebiete und durch den alten Westen. Er geht die Baustellen ab und erinnert sich an Baulücken. David Wagner läuft seit zwanzig Jahren kreuz und quer durch Berlin. Er ist ein Stadtwanderer, »in Halbtrance, gepaart mit dem Willen zur illusionslosen Genauigkeit«, wie die Wochenzeitung Die Zeit meinte.

»Welche Farbe hat Berlin?« versammelt größtenteils unveröffentlichte Texte, die in den letzten Jahren entstanden sind.

Das liest sich so:

DIE MÜLLTÜTE

Ich will bloß den Müll hinuntertragen in den Hof, unten aber, ich habe die zugeknotete Abfalltüte noch in der Hand, gefällt mir die Nacht so gut, es riecht nach Frühling, daß ich hinaus auf die Straße gehe. Ich biege um zwei Ecken und stehe schon vor dem Café Haliflor – entscheide mich aber, die Luft ist so süß, weiterzugehen.

Fast alle Fenster in den Fassaden der Choriner Straße, es ist gleich Mitternacht, sind schon dunkel. Ich komme an dem alten, zweistöckigen Molkereigebäude und der Protzbaustelle Choriner Höfe vorbei, überquere die stille Kreuzung mit der Zehdenicker Straße, auf der Torstraße halte ich mich links. Vor dem Kaffee Burger, die Reformbühne ist aus, steht ein Bekannter auf dem Bürgersteig und raucht. Wir wechseln ein paar Worte, er sagt nichts zu der Mülltüte, die ich in der Hand halte.

Ich gehe weiter und biege in die Alte Schönhauser Straße, noch immer stehen dort diese seltsamen Bürocontainer mit Camouflage-Bemalung auf dem unbebauten Grundstück Ecke Linienstraße. Die Nacht, es ist Sonntag, ist ruhig, ich höre nur eine italienische Reisegruppe singen. Sie johlen in einiger Entfernung, sie grölen, sie haben gute Laune. Ich bleibe vor dem Espresso- und Kaffeemaschinengeschäft stehen, mir gefallen finnische Porzellantassen ein paar Schaufenster weiter, schließlich betrachte ich Umhängetaschen, die aus alten LKW-Planen genäht wurden.

Ich merke, daß ich die Mülltüte immer noch mit mir herumtrage, schaue mich um, weit und breit ist kein Mülleimer zu sehen. Von der Münzstraße komme ich in die Max-Beer-Straße, kehre nach wenigen Schritten aber wieder um, mir fällt ein, daß dort eine Freundin wohnt, der ich nun lieber nicht begegnen möchte, nicht mit einer Mülltüte in der Hand. Ich bewundere die nackten Betonwände in einem zum Ladenlokal umgebauten Plattenbau-Erdgeschoß und biege in die stille Almstadtstraße ein.

Es ist dreiviertel eins, und wenn mich jemand fragen würde, was machst du um diese Zeit mit einer Abfalltüte in der Hand vor dem Schaufenster der Buchhandlung Pro qm, ich wüßte keine Antwort. Ich wollte gar nicht spazieren gehen, ich bin heute schon unterwegs gewesen, ich wollte nur den Müll hinuntertragen. Scheint so, als hätten meine Schuhe ohne mich entschieden. Sie sind einfach losgegangen. Das Gehen hat sich verselbständigt, und ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob ich selbst, ob tatsächlich ich es bin, der hier einen Fuß vor den anderen setzt. Geht die Stadt vielleicht mit mir spazieren? Die Füße unterbrechen ihre Tätigkeit, als zwei sich laut unterhaltende Amerikaner auf mich zukommen, ziemlich betrunken sagen sie Hi und fragen, natürlich auf Englisch, wo sie hier Dope kaufen könnten. Mir fällt nichts anderes ein, als sie in den Weinbergspark zu schicken.
Ich gehe weiter, finde wieder in meinen Rhythmus, den eigenen Geh-Rhythmus, der es manchmal so schwierig macht, mit oder neben anderen zu gehen. Am besten geht es sich doch allein, denke ich – widerspreche mir dann aber, fallen mir doch sofort zwei, drei, vier Personen ein, mit denen ich sehr gerne gehe und schon viel gegangen bin. Ich komme wieder zur Torstraße und stoße auf diese rätselhafte retro-avantgardistische Architekturskulptur an der Ecke Rosa-Luxemburg-Straße, ist das historistischer Expressionismus? frage ich mich, wie immer, wenn ich dieses Gebäude sehe. Und stehen dort, nirgends brennt Licht, vielleicht alle Wohnungen leer? Ein Nachbargrundstück ist noch unbebaut, hinter dem grell beleuchteten Werbezaun, der die Brache zur Alten Schönhauser hin umschließt, liegen abgerissene Plakate, leere Flaschen und ein kaputter Kinderwagen.

Einen Moment lang bin ich versucht, meine Mülltüte dazu zu werfen, trage sie dann aber, sie ist ja nicht schwer, doch die Schönhauser Allee hinauf, vorbei an der schönrenovierten Ex-Ruine Pfefferberg. Das riesige, viel zu perfekte spanische Touristenrestaurant hat schon geschlossen. Ich biege in die Schwedter Straße ein, überquere die Choriner und stehe wieder vor dem Haliflor. Anne, Sonntag ist ihr Abend an der Bar, sieht mich und winkt. Ich setze die Tüte ab, gehe hinein, bestelle ein Bier und erzähle, sie hält das natürlich für eine Ausrede, daß ich bloß den Müll hinuntertragen wollte. Zwei Franzosen, die neben mir am Tresen trinken, unterhalten sich über Neukölln. Die Tüte werfe ich später in den Müllcontainer im Hof.

KREUZWORT am 24.10.: Marfutova, vom Brocke & Unterweger

20 Okt

Folks! Wir können endlich wieder einigermaßen geregelt schlafen, denn „außerbetrieb“ ist vorbei. Wer aus Trauer darüber leise vor sich hinweinend Johannisbeerkraut kaut, den dürfen wir ganz unhomöopathisch beruhigen: Kreuzwort übernimmtwieder den Staffelstab! Wir geben uns keine Schonzeit und bringen am 24.10. wieder Literatur in den sympathischen Damensalon in der Reuterstraße 39 in Kreuzkölln (U Schönleinstraße oder U Hermannplatz, Busse 194 oder M29). Unsere neuen Gastgeber öffnen ihre Pforten extra für uns, Einlass ist ab 20h. Diesmal auch elektrisch amplifiziert, versprochen. Wir sind doch professionell und so Kram.

Für 3€ Eintritt gibt’s auch drei Dichtermenschen und wir freuen uns auf ein sehr abwechslungsreiches Programm mit Lyrik und Prosa von YULIA MARFUTOVA, SONJA VOM BROCKE und ANDREAS UNTERWEGER, den man ja eher selten in Berlin erwischt.

YULIA MARFUTOVA, 1988 in Moskau geboren, lebt in Berlin und studiert dort Germanistik. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien.
Textprobe:

Der Ton in meinem Ohr, der immer da ist, wird überlagert vom Schreien der Nachbarn in der Wohnung unter mir und dann vom Schreien ihres Babys. Es ist ein Kanon verschiedenster Tonlagen und -stärken und ich entfliehe aufs Dach; dafür wohne ich schließlich im Dachgeschoss. Ich steige durch das Fenster, es ist nicht kompliziert, und setze mich auf meinen Lieblingsziegel, der nur deshalb mein Lieblingsziegel ist, weil ich immer auf ihm sitze; ich weiß auch nicht, warum.
Der Abend umschließt mich. Er duftet nach Regen; ich weiß nicht, ob nach vergangenem oder noch kommendem. Ich rieche an ihm. Hier auf dem Dach ist nichts außer dem Abend, seinem Duft und dem Ton in meinem Ohr, einzeln, beharrlich, hoch. Ich lausche in den Abend und in mein Ohr hinein. Mein Ohr, das sich nicht behandeln lässt, weil ich es nicht behandeln lassen will. Ich habe mein Ohr gern, wie es ist. Es leistet mir Gesellschaft.

SONJA VOM BROCKE (geb. 1980), lebt zz. in Berlin. Veröffentlichungen in Literatur- und Kunstzeitschriften (u. a. lauter niemand, Lichtungen, Meise), 2010 ›Ohne Tiere‹ im Verlag Heckler und Koch, Berlin
Textprobe:

[…] Ich liebe Sie. Zum ersten Mal kann ich das sagen. Ich denke Sie ohne Parzelle, bei Ihnen wird galoppiert, kaum Biegung am Saum. Und nach Jahrzehnten noch gäbe es keine Kartoffelchips im Ausschnitt. Zum ersten Mal kann ich das sagen, da das Lieben nicht in der Spitze seiner spitz zulaufenden Tüte erstickt; ich liebe Sie. Sie sind mir flimmernd, Sie kennen das, und zwischen uns saust das Sein. […]

ANDREAS UNTERWEGER, geboren 1978 in Graz, Studium Deutsche Philologie und Französisch, 2004 abgeschlossen. Lebt in St. Johann/Grafenwörth. Schriftsteller und Rockmusiker (Gitarrist und Sänger der Band ratlos).
Veröffentlichungen von Prosa und Lyrik in Literaturzeitschriften (u. a. manuskripte), Essays zu Wolfgang Bauer. Erhielt den manuskripte Förderpreis 2007 und den Preis der Akademie Graz 2009.

»Andreas Unterweger schreibt zauberhafte, um alle Kanten eines von Beziehungsarbeit geprägten Alltags schwebende Prosa, die trotz ihrer Leichtigkeit nie an der Oberfläche haften bleibt. Und er beherrscht die Schubumkehr – dann bricht er rigoros mit literarischen Bildern, bis es dem Leser den Atem verschlägt.« (Alfred Kolleritsch)
http://www.andreasunterweger.at/

Auszug aus „Wie im Siebenten“:

»Nachts träumten wir vom Meer, und morgens«, schrieb ich in meinem ersten Buch, »lagen dann wirklich immer Muscheln in der Blumenkiste vor dem Fensterbrett – als hätte sie das Meer, das wir, Judith und ich, geträumt hatten, dort angespült.« – In Wirklichkeit war es natürlich ganz anders. In Wirklichkeit hatte Judith die Muscheln selbst in die Blumenkiste gelegt. Abend für Abend nahm sie ein paar Muscheln aus den Nutellagläsern, in denen sie sie aufbewahrte, wusch sie Stück für Stück unter dem Wasserhahn im Vorzimmer, das uns als Küche diente, und legte sie dann in das sandige Beet der Blumenkiste, zwischen die letzten Äste eines zähen Thymians und die paar dürren namenlosen Halme.
Ich weiß nicht, warum sie das machte. Ich habe sie, soweit ich weiß, auch nie danach gefragt. Aber ich weiß noch, was es mit mir machte, wenn ich am Morgen dort, in der Blumenkiste vor dem Fensterbrett, die Muscheln sah. Ich weiß zwar nicht, warum – aber wann immer ich, der ich mich jeden Morgen an das Fenster setzte, um zu schreiben, die Muscheln dort in der Blumenkiste liegen sah, erschien es mir mit einem Mal nicht mehr unmöglich, zumindest nicht ganz unmöglich, dass Träume – zumindest unsere Träume, Judiths und meine – tatsächlich Wirklichkeit werden können. – Und dass das In-Erfüllung-Gehen von Träumen eine gute Sache sei, das verstand sich damals, als wir, Judith und Andreas, in unserem Zimmer im Siebenten zusammenlebten, ohnehin von selbst.
Damals, am Anfang, waren wir uns da noch ganz sicher.