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KREUZWORT am 9.12. mit crauss., Jan Skudlarek und Chloe Zeegen

4 Dez

Immerhin: Es hat noch nicht geschneit und Berlin fröstelt nur gräu(s)lich vor sich hin, statt im Schneewasserdreckmatsch zu ersaufen. Das sind doch, den Umständen entsprechend, gute Nachrichten. Und es ist mal wieder Kreuzwort, was für euch – da lass ich nichts anderes gelten – umstandslos gute Nachrichten sind. Diesmal freuen wir uns auf drei bekannte Gesichter. crauss. hatte bereits vor einiger Zeit bei uns gelesen und damals schon Jan Skudlarek im Schlepptau. Der allerdings ist ja schon vorher und nachher immer schon unser liebster Stammgast (sorry an alle anderen!) gewesen. Jan beziehungsweise der Arbeit des famosen STILL-Magazins, in deren Redaktion er sitzt (obwohl die, so vermuten wir, eher im Liegen arbeiten), haben wir es auch zu verdanken, dass wir auf Chloe Zeegen aufmerksam wurden. Sie las im Juni bei uns und ist nun mit einer anderen Geschichte aus ihrem soeben bei mikrotext erschienenen eBook I love myself ok? dabei. Jan hat auch vor Kurzem sein Debüt vorgelegt: elektrosmog ist kürzlich bei luxbooks veröffentlicht worden und kann bei uns vom Büchertisch weggegrabbelt werden. Und crauss.? Der hat doch mindestens fünf neue Bücher in die Diskurssuppe gespuckt, seitdem er vor anderthalb Jahren bei uns eine Lakritzvergiftung erlitt. Schönheit des Wassers zum Beispiel, im stets verlässlichen Verlagshaus J. Frank.

Also, wen von den Dreien sollten wir nun ins Rampenlicht rücken? Wie immer: Alle. Vor allem aber den Spaß. Das ist der Vierte im Bunde. Er kommt gegen 20h pünktlich zum Einlass in den Damensalon in der Reuterstraße 39 (leicht zu erreichen von der U Hermannplatz oder der U Schönleinstraße) und trinkt dort ein paar Gin Basil Smash, bis um 21h, wenn die Lesung beginnt. Neben dem Schnapsbudget hat er natürlich auch die 3€ Eintritt einstecken. Ist ja ein smoother Bursch, dieser Spaß. Ihr solltet ihn kennenlernen, ernsthaft. Und nebenbei natürlich noch einer schönen, abwechslungsreichen Lesung beiwohnen, die euch mit viel Feel-Good-Molekülen den Solar Plexus wärmen und den Grauschleier von der Stadt reißen wird. Versprochen.

P5307795-(Crauss-2013)locrauss., *1971 in Siegen / D, lebt dort. Literaturstudium, Dozent für Kreatives Schreiben, Museumstänzer, Werbetexter, Postsortierer. Mitglied verschiedener Literaturgruppen; ausgezeichnet mit Stipendien und Literaturpreisen. Letzte Veröffentlichungen: MOTORRADHELD (prosa, 2009), LAKRITZVERGIFTUNG (juicy transversions, 2011) und SCHÖNHEIT DES WASSERS (gedichte, 2013). Mehr auf www.crauss.de

crauss trance

1427851Jan Skudlarek, geboren 1986, wohnhaft in Berlin. Sein Gedichtband »elektrosmog« erschien vor Kurzem bei Luxbooks. Als Kreuzwortstammgast freut er sich, sein Buch vorstellen zu dürfen.

herrenlosigkeit Chloe Zeegen, born 1980 in the United Kingdom, gave up a successful career in arts management in London to move to Berlin in early 2012 and focus on her work as an artist and writer. Her writing is published online and has recently appeared in the debut issue of STILL magazine for young literature and photography. Her first ebook I love myself ok? was recently published by mikrotext.

Excerpt from Bierpinsel and Fuck Trauma

It’s called the Bierpinsel and I didn’t know it was in Steglitz until I moved there but I would have moved here if I’d known it was here so it’s a good job I moved there. Isn’t it? Isn’t it. Say it so I can hear you. I can see it from my flat and I can see it when I walk down the street and I can see it when I come in from the snow. Did you hear the one about the man who went into the field and it was snowing and there was all that stuff about stolen money?

Some people preferred it before it was repainted but I like it now that it’s all dolled up. When I’m far away from it, I can see it’s frightening but when I’m close to it, it charms me into accepting something.

Mit Chloe habe ich mich selbst übrigens mal über den Bierpinsel unterhalten, Nikola Richter von mikrotext hat es mitgeschnitten und das Video gestaltet sich so:

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KREUZWORT/CROSSWORD Saisonfinale mit DOUGLAS-MOORE, HEROLD, ZEEGEN am 10. Juni

4 Jun

Das Poesiefestival bricht bereits am Freitag über Berlin herein und es ist uns egal. Naja, so halb. Oder eigentlich gar nicht. Zumindest jedoch starten wir den Gegenangriff in Form des Kreuzwort-Saisonfinales. Richtig: Wir haben keine Lust mehr und läuten die Sommerpause ein. Sie dauert solang, wie wir das für richtig empfinden. Isso!

Wir freuen uns auf einen bilateralen Abend mit Ian Douglas-Moore, Tobias Herold und Chloe Zeegen, die uns am 10. Juni im Damensalon in der Reuterstraße 39 beehren werden. Einlass wie gewohnt um 20h, Lesung beginnt pünktlich um 21h. 3€ Eintritt sind ebenso mitzubringen wie ein bisschen Öl für die quietschende Tür (hatte ich erwähnt, dass es wirklich pünktlich losgeht?). Eigentlich sollte ich hier noch mehr schreiben, vielleicht sogar was „Lustiges“ wie sonst auch (?). Sorry, kein Bock – Sommerpause ist notwendig, ihr seht das schon noch ein.

For all you English speaking people out there: Ian Douglas-Moore, Tobias Herold and Chloe Zeegen will be our guests at this season’s last Kreuzwort on 10th June  at Damensalon, Reuterstraße 39 (near Hermannplatz/Schönleinstraße). Entrance at 8pm, reading starts at 9pm sharp. Bring 3€ for us and enough for some beer, wine or Gin Basil Smash (highly recommended!). And don’t forget to tip or hilarity will ensue.

Ian Douglas-Moore lives in Berlin, where he plays music in bands like Church Car and the Sacred Travelers and writes occasionally.

Excerpt from „white, round“:

Look at this thing. Here it is. It’s kind of important I mean I think it might be kind of important so you should look at it. I was on the train and I thought of this thing and I thought you should look at it and I mean. But it’s in my head so I mean, you should look at it though. I’ll try to show it to you. Look. Do you see it? When it was warmer, the weather I mean, not what I want you to see, when the weather was warmer we went swimming in a lake. There are many lakes around here and some of them are very long and narrow. Some of them are round and sometimes we went swimming in one of them. It was warmer but not so warm.

Tobias Herold, *1983, liest aus den Lyrikbänden „Kruste“ und „Ausfahrt“ sowie neue, unveröffentlichte Prosagedichte. Er lebt in Berlin und veranstaltet zusammen mit Alexander Filyuta die Reihe „Lyrik im ausland“.

Ohne Hirn
keine Gespinste, keine
Seele, die man baumeln
lassen könnte, und auch

nicht dieses todschicke
Kostüm aus Nerven,
das du zum Mantel des
Schweigens so gern trägst.

Chloe Zeegen (b. 1980 in the United Kingdom) gave up a successful career in arts management in London to move to Berlin in early 2012 and focus on her work as an artist and writer. Her writing is published online and has recently appeared in the debut issue of STILL magazine for young literature and photography.

I go to a bar on Oranienstraße. There’s some random there and we chat for a bit but pretty soon he’s like just moved here have you? think you’re an artist? it’s people like you who are destroying Berlin you fucking tourist. I laugh in his face give him the finger but I don’t just give him the finger I pretend to run my tongue over it up and down to show him just how much of a creative little bitch I am and that really pisses him off and his friends are like leave it leave it. When I get home my spell check is like wtf babe I can tell you’re trying to say something but I can’t figure out what. I consider uploading my entire fucking life to first-world-problems.com but I don’t because that’s bullshit. I reflect an image in Photoshop and it creates a skull. I Google ‘Facebook Star’ and take a screenshot because the returns are irrelevant. I update my status to find everlasting life and I tell you I mean it and I tell you it’s real.

KREUZWORT am 13.02.: FILYUTA, LANGE, L. SCHNEIDER & STOLTERFOHT

11 Feb

Selbst wir verfolgen manchmal so etwas Ähnliches wie ein Konzept und wissen es nur gut zu tarnen. Das wird uns beim nächsten KREUZWORT-Abend sicherlich schwer fallen, weil’s furchtbar offensichtlich sein wird, welche Idee hinter dem Ganzen steckt. Deswegen kann man es doch gleich auch aussprechen: Übersetzungen! Nachdem es uns sehr gut gefallen hat, dass uns Hendrik Jackson seine Übertragungen von Alexej Parschtschikows Gedichten entgegen gebrüllt hat, lag es für uns Nahe, ein ganzes Event aus der Sache zu machen. Und keine Sorge: Es wird nicht diskutiert, theoretisiert oder sonstwas. 

Es wird einfach nur gelesen. Alexander Filyuta präsentiert die Gedicht von Dimitri Golynko, Norbert Lange wird uns einen Einblick in seine bald bei luxbooks erscheinenden Übertragungen der Lyrik George Oppens, Lea Schneider stellt uns den chinesischen Dichter Yan Jun vor und zu guter letzt – jedenfalls dem Alphabet nach – wird auch Ulf Stolterfoht seinen Teil beitragen, er liest aus seinen Übertragungen von Tom Raworth.

Kommt also und hört diesen Leuten zu und lernt durch sie noch andere Dichter kennen. So ein Abend funktioniert schließlich nach dem Schneeballsystem deluxe. Also bitte mal am Montag, dem 13.02. ab 20h im wunderhübschen Damensalon in der Reuterstraße 39 eintrudeln und die 3€ Damage (wie Carolin ja immer auf Facebook schreibt) nicht vergessen.

 

Alexander Filyuta wird Gedichte von Dmitri Golynko lesen.

Dmitri Golynko wurde 1969 in Leningrad, UdSSR, geboren. Nach dem Studium der Kunsttheorie und Russischen Literatur promovierte er mit einer Arbeit über die russische Post-Avantgarde des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Er war 2004/2005 für zwei Jahre Gastprofessor am slawischen Institut der Cheongju Universität in Südkorea und ist zurzeit Forschungsbeauftragter am kunstgeschichtlichen Institut St. Petersburgs. Neben der Auseinandersetzung mit Film- und Medientheorie, die er unterrichtet, zeichnet er für zahlreiche Essays zu Themen der zeitgenössischen Kunst und Literatur verantwortlich, die in renommierten Zeitschriften Russlands erscheinen.

Для чистоты эксперимента

1
чего не сделаешь ради
чистоты эксперимента
задницу поднимешь
зароешься в каракуль

вид если болезнен
выведены все блохи
в наваленной куче
выискивая пропащую

2
получая квалификацию
рабочий становится мастером
надежным, красного кхмера
потянуло в историю

пролетающий бомбардировщик
роняет что-то тяжелое
на пролежень деревни
она жестокая, понимаете

3
уже совсем оперилась
проводила колючим взглядом
выброшенное знамя
растопырено на ветру

засаленная банкнота
с мордой родоначальника
ложного пониманья свободы
передана в грязные руки

4
она была еще чистой
когда в руки попалась
мужской цинизм
бывает милым и незлобивым

удовлетворенно кивнув
устремляется в ту сторону
откуда возврат и есть
перескок через границу

5
смалодушничал и в пролете
подозвать что ль костолома
всех тошнит, одного ли
кулачки держать принято

кто бы знал, что пробудка
обернется таким геморроем
выписывает кругали
шпана, оседлав мотороллер

6
ее еще не было в проекте
когда с ней совершил что надо
теперь она маленький динозаврик
за такое спросится строго

вставая раком и сплюнув
полагается слыть грязным
для чистоты эксперимента
благородства прибавится

7
насаждая законность
там, где ею не пахло
тиран совершает благо
пролетариат недоволен

разоренные гнезда
кукушки валяются здесь и там
кровопийца с милейшей улыбкой
делает людям приятно

8
покрыта веснушками
часть лица, так не видна
бледная кожа, мостится ад
известно чем, отродясь

не бывало такой температуры
вытирая смоченным
полотенцем пот, над собой
немного приподнимается

9
гопота подвалила
к самому краю, вспылив
развернулась и вышла
на воздух, подыхает

 хиляка, бублик преломлен 

между, жидковато, движок
переведенный в горизонтальное положенье
застывает будто на полуместе

 

27 января – 6 февраля 2004 года

 

Alexander Filyuta, geb. 1971 in Leningrad (UdSSR). Studierte an der
Humboldt Universität in Berlin. Veröffentlichungen von Übersetzungen
in Zeitschriften und Anthologien (zuletzt „Randnummer“ (Hamburg)
Nr.4/2011, demnächst (Poetenladen/Berlin) „Poet“ Nr.12, März 2012).
Organisiert zusammen mit „schleusen im ausland“-Team die Reihe „Lyrik
im ausland“ im Veranstaltungsraum „ausland e.V.“
(www.ausland-berlin.de).

Für die Reinheit des Experimentes

 1

was man nicht alles macht für
die reinheit des experimentes,
sich in den Hintern treten
oder in einen persianer vergraben,

wenn das äußere krankhaft ist?
alle flöhe sind ausgerottet.
im aufgeworfenen haufen
sucht man das Verlorene.

2
qualifikationenerwerb macht
einen arbeiter zu einem tüchtigen
meister, den roten khmer
zieht es in die geschichte,

ein vorbeifliegender bomber
lässt etwas schweres fallen
auf den druckbrand des dorfes.
sie ist grausam, verstehen sie?

3

jetzt ist sie ganz flügge,
verabschiedete mit beißendem blick,
das ausgeworfene banner
ist im winde gespreizt.

eine fettige banknote
mit der visage des stammvaters
des falschen freiheitsverständnis
ist in die schmutzigen hände gedrückt.

4

sie war noch rein
als sie in die hände geriet,
männerzynismus
kann süss und sanftmütig sein.

befriedigt genickt
steuert dahin
woraus die rückkehr selbst
ein sprung über die grenze ist.

5

schiss bekommen – und rausgeschossen,
man rufe einen knochenbrecher herbei.
ob es einem übel ist oder allen?
es gehört sich daumen zu drücken.

wer hätte gedacht, dass das erwachen
sich als ein knalliges trouble erweist?
einen motoroller gesattelt
dreht das gesindel runden.

6

sie war noch nicht mal in der planung,
da beging man mit ihr, was sein musste.
nun ist sie ein kleiner dino,
auf so etwas steht strenge.

gebracht in doggystyle, gespuckt darauf,
gehört es sich dreckig zu gelten.
für die reinheit des experimentes
wird die noblesse zunehmen.

7

um gesetzlichkeit dort aufzubringen,
wo es danach nicht mal schimmert,
vollführt tyrann eine wohltat.
das proletariat bleibt unzufrieden.

geplünderte kuckucksneste
liegen zerstreut durch die gegend,
ein blutsauger mit lieblichstem lächeln
macht‘s angenehm für die menschen.

8

bedeckt mit sommersprossen
ist ein teil des gesichtes, so ist die blasse haut
nicht sichtbar, gepflastert wird die hölle
seit je her bekanntlich – womit.

 

eine unerträgliche hitze.
mit angefeuchtetem tüchlein

erhebt sich, den schweiß abwischend,
ein wenig über sich selbst.

9

das pöbel rückte bis zur grenze,
drehte sich um aufgebraust,
und ging hinaus
an die luft. der schlappschwanz

 

verreckt, die brezel ist geknickt
dazwischen, mulmig. den schieber

in die horizontale lage gefahren,
erstarrt wie am halbort.

 

27 Januar – 6 Februar 2004

 

Norbert Lange wird Gedichte von George Oppen lesen.

George Oppen (1908-1984), geboren in New Rochelle/New York, gestorben in Californien, ist eines der bekanntesten Mitglieder der Objektivisten, einer Dichtergruppe, die sich Ende der 20er-Jahre in New York um Louis Zukofsky, Carl Rakosi, Charles Reznikoff in enger Verbindung zu W.C. Williams und Ezra Pound (als Vorläufern) bildete. Einflußreich wurden die Objektivisten erst in den späten 60er-Jahren und frühen 70er-Jahren, als eine nachrückende Dichter-Generation den Versuch unternahm, das Politische mit dem Poetischen zu verbinden. Oppen gab in den 30ern das Schreiben für 25 Jahre ganz auf und widmete sich der Arbeit im Umkreis der amerikanischen kommunistischen Partei, was ihn nach dem Zweiten Weltkrieg ins Visier des Hauses für Unamerikanische Tätigkeiten geraten ließ. Erst Ende der 50er konnten er und seine Frau Mary das mexikanische Exil verlassen und wieder in New York leben, wo er wieder zu schreiben begann. 1969 erhielt er den Pulitzer Preis für „Of Being Enormous“, ein private Erfahrungen und den Vietnam Krieg thematisierendes Langgedicht. Die Übersetzungen stammen aus dem Oppens zweitem Band „The Materials“, dem ersten nach seiner Schreibabstinenz entstandenen Buch.

Vulcan

The householder issuing to the street
Is adrift a moment in that ice stiff
Exterior. ‘Peninsula
Low lying in the bay
And wooded—’ Native now
Are the welder and the welder’s arc
In the subway’s iron circuits:
We have not escaped each other,
Not in the forest, not here. The crippled girl hobbles
Painfully in the new depths
Of the subway, and painfully
We shift our eyes. The bare rails
And black walls contain
Labor before her birth, her twisted
Precarious birth and the men
Laborious, burly—She sits
Quiet, her eyes still. Slowly,
Deliberately she sees
An anchor’s blunt fluke sink
Thru coins and coin machines, 
The ancient iron and the voltage
In the iron beneath us in the child’s deep
Harbors into harbor sand.

Norbert Lange, geboren 1978 in Gdingen/Polen, aufgewachsen Rheinland; studierte Philosophie/Kunstgeschichte an der FU Berlin; Kreatives Schreiben am DLL 2002-2006; lebt in Berlin. Arbeit als Redakteur: Radar, eMultipoetry, Karawa.net (gemeinsam mit Tobias Amslinger und Léonce Lupette). Bücher: Rauhfasern (Gedichte), Lyrikedition, 2005; Das Geschriebene mit der Schreibhand (Aufsätze), Reinecke & Voss, 2011. Übersetzungen: Kevin Prufer, Wir wollten Amerika finden(zusammen mit Susanna Mewe), Luxbooks 2011); George Oppen, Die Rohstoffe (ebenfalls bei Luxbooks). Herausgaben: Bernhard Koller, Die Zusammenhänge Lyrikedition, 2008; Schreibheft 77 – Charles Olson (Als Mitherausgeber neben Gerd Schäfer und Norbert Wehr), Rigodon Verlag 2011.

Vulkan

Auf dem Weg zur Straße ist der Hausbesitzer
Kurz verloren in der Knochenkälte
Da draußen. Halbinsel
Die weit in die Bucht ragt
Und Waldgebiet – Heimisch geworden

Sind der Schweißer und der Schweißerbogen
Im Eisennetz der Untergrundbahn:
Wir konnten einander nicht entkommen,
Nicht in den Wäldern, nicht hier. Das lahme Mädchen hinkt
Gepeinigt in die neuen Tiefen
Der U-Bahn und unter Schmerzen
Tauschen wir Blicke. Die blanken Schienen
Und rußigen Wände bergen
Arbeit aus der Zeit vor ihrer Geburt, ihre krumme
Unsichere Herkunft und die Männer
Unermüdlich, stämmig – Sie sitzt
Reglos, ihre Augen ruhen. Schleichend,
Doch immer klarer sieht sie
Die plumpe Schaufel eines Ankers
Sinken durch Münzen und Münzmaschinen,
Das alte Eisen und die elektrische Spannung
In dem Eisen zu unseren Füßen, in der Tiefe des Kindes
Sich verbergen im Hafensand.

Lea Schneider wird ein Langgedicht des chinesischen Dichters Yan Jun vorstellen.

Im Folgenden ein Auszug aus: gegen alle organisierten lügen (反对一切有组织的欺骗) von Yan Jun. Die Übersetzung erscheint kommenden Monat im Magazin #19 der Bundeskulturstiftung.

 […]人们怀疑,是因为血压刺激着大脑,但人们也崇拜,难道是因为饥饿?所以要反对螳螂的演说,要反 对有洁癖的科学家,她伤害了我!并且进一步反对知识分子化装成流氓的样子。同理,反对森林化装成鸟类旅居的木屋,最终被卖艺的带走,囚禁到歌里,失了火, 像梦一样消

[…]

听说,声音循环着,可以唤醒夜班工人;血液坠落着,可以击中50年代出生的黑人。因为你随手记下了空气和木屐的样子,所以下午会变得更长些,让小偷从山坡上下来,呆呆地看着落日。那些在天空中开会的家伙,会跳着舞,掉下来。人们也聚集着,可以出发了。

欢迎来到地下!

从来就没有朋克理论,
只有朋克行动。

死便埋我。

相信爱情和其他日常用品的无限性。

世界是你们的。 

反对娱乐记者扭曲的笑容。

在生锈的钉子上歌唱。

走得开心点。

[…]

Lea Schneider wurde 1989 in Köln geboren und hat seitdem in Galway, Shanghai und Berlin gelebt, wo sie seit 2008 Komparatistik und Sinologie studiert. 2009 war sie Mitbegründerin der Lyrikgruppe G13 (http://gdreizehn.wordpress.com), seitdem sind ihre Texte u.a. in open poems 2010, Poetry East West Vol 4 undBelletristik 11 erschienen. 2011 wurde sie zum poesiefestival berlin, zum Zeitkunstfestival, zum International Poetry Festival Beijing und zum poet bewegt-Wettbewerb eingeladen. Sie arbeitet momentan an ihrem Debütband, der im Herbst 2013 beim Verlagshaus J. Frank | Berlin erscheinen wird, koordiniert ein deutsch-chinesisches Buchprojekt und übersetzt chinesische und taiwanesische Lyrik ins Deutsche.
[…]wenn man zweifelt, liegt es am blutdruck im großhirn, aber entsteht verehrung wirklich aus hunger? darum – gegen die rede der gottesanbeterin, gegen die mysophobische naturwissenschaftlerin, vor allem aber gegen intellektuelle, die sich als diebe verkleiden. außerdem gegen wälder, die so tun, als seien sie holzhäuser für fremde vögel; sie werden fortgetragen von straßenkünstlern, die ihre kunst verkaufen, in träume gesperrt, die feuer fangen und in den tälern dieser kunst verschwinden, für immer…

[…]

man sagt, dass geräusche herumgehen können und die nachtschichtarbeiter wecken, dass blut fallen kann und die gesichter schwarzer menschen trifft, die in den 50ern geboren wurden. deine gleichgültigen skizzen von holzsandalen und luft werden den nachmittag verlängern, bis die diebe von allen hängen kommen und entgeistert den sonnenuntergang betrachten.

willkommen im untergrund!

es gibt hier keine punktheorie, höchstens punkpraxis.

begrabt mich falls ich tot bin.

glaubt an die ewigkeit der liebe und anderer dinge des täglichen gebrauchs.

die welt gehört euch.

gegen unterhaltungsjournalisten und ihr verzerrtes grinsen.

singt ein lied auf rostigen nägeln.

geht ein bisschen glücklicher.

[…]

Ulf Stolterfoht präsentiert uns seine vor Kurzem im Verlag Wunderhorn erschienenen Übertragungen der Texte von Tom Raworth
Tom Raworth, geboren 1938 in London, hat seit Mitte der sechziger Jahre mehr als vierzig Bücher veröffentlicht, zuletzt 2009 unter dem Titel »Earn Your Milk« gesammelte Prosa bei „Salt Publishing“. Die Gedichte des Bands »Logbuch« entstammen den 2003 bei „Carcanet Press“ erschienenen »Collected Poems«, einem 576-seitigen Rückblick auf ein reiches, lyrisches Lebenswerk.

You’ve ruined my evening / You’ve ruined my life

i would be eight people and then the difficulties vanish
only as one i contain the complications
in a warm house roofed with the rib-cage of an elephant
i pass my grey mornings re-running the reels
and the images are the same but the emphasis shifts
the actors bow gently to me and i envy them
their repeated parts, their constant presence in that world

i would be eight people each inhabiting the others’ dreams
walking through corridors of glass framed pages
telling each other the final lines of letters
picking fruit in one dream and storing it in another
only as one i contain the complications
and the images are the same, their constant presence in that world
the actors bow gently to me and envy my grey mornings

i would be eight people with the rib-cage of an elephant
picking fruit in a warm house above actors bowing
re-running the reels of my presence in this world
the difficulties vanish and the images are the same
eight people, glass corridors, page lines repeated
inhabiting grey mornings roofed with my complications
only as one walking gently storing my dream

Ulf Stolterfoht, geboren 1963 in Stuttgart, lebt in Berlin.
Lyriker und Übersetzer, zuletzt: Tom Raworth – Logbuch,
Heidelberg: Wunderhorn 2011. Knappe der Lyrikknappschaft
Schöneberg.

Du hast mir meinen Abend kaputt gemacht /
Du hast mir mein Leben kaputt gemacht

ich würde gern acht leute sein und alle schwierigkeiten wären verschwunden
nur als einer stecke ich voller komplikationen
in einem warmen haus mit dem brustkorb eines elefanten als dach
verbringe ich meine morgende damit die filme noch mal abzuspielen
und die bilder sind dieselben doch der akzent verschiebt sich
die darsteller verbeugen sich freundlich vor mir und ich beneide sie
um ihre wiederkehrenden rollen, ihre unablässige präsenz auf dieser welt

ich würde gern acht leute sein jeder bewohnte die träume der anderen
sie wanderten durch korridore mit glasgerahmten seiten
verrieten sich gegenseitig die schlußzeilen von briefen
pflückten in einem traum obst und kellerten es ein im nächsten
nur als einer stecke ich voller komplikationen
und die bilder sind dieselben, ihre unablässige präsenz auf dieser welt
die darsteller verbeugen sich freundlich vor mir und beneiden mich um meine
grauen morgende

ich würde gern acht leute sein mit dem brustkorb eines elefanten
obst pflücken in einem warmen haus darüber sich verbeugende darsteller
noch mal die filme abzuspielen über meine präsenz auf dieser welt
alle schwierigkeiten wären verschwunden und die bilder sind dieselben
acht leute, glaskorridore, seite zeilen wiederholt
graue morgende bewohnen mit meinen komplikationen als dach
allein als ein freundlicher wanderer der meinen traum verstaut


außerbetrieb: Die Lettrétage übernimmt KREUZWORT am 10.10. (ACHTUNG: Ortswechsel!)

5 Okt

So sieht’s aus: „außerbetrieb“ heißt ja nicht nur, dass wir Tom, Moritz und Katharina in der Lettrétage alle Arbeit abnehmen – nein, die müssen sich auch revanchieren. Deswegen freuen wir uns, das Ende der Sommerpause einleiten zu können und uns dabei trotzdem noch zurücklehnen dürfen.

Passend zur neuen Ära (naja, immerhin: wir gehen ins zweite Jahr!) wechseln wir auch den Veranstaltungsort und befinden uns ab nun an im Damensalon in der Reuterstraße 39, Berlin-Kreuzkölln (das muss ich jetzt schreiben, sonst wird wegen unseres Namens gemeckert).

Genauer: An der Ecke zur Pflügerstraße, erreichbar mit/durch: U Hermannplatz/Schönleinstraße, H Pflügerstraße Bus 194 (aus Fhain), M29. Eintritt beträgt 3€. Eintritt ab 19h45!

Wir werden uns also fein raushalten und zitieren nur aus einem Bekennervideo, welches die Lettrétage auf extremistischen Poesieseiten hochgeladen hat und in dem sie Ziele und Namen nennen:

Die Lettrétage übernimmt Kreuzwort. Aber keine Angst, euch wird weiterhin high-class-adult-entertainment-Poesie vom Feinsten geboten:

Sandra Trojan ist in der Stadt, und schreibt sich während ihres Stipendienaufenthalts in der Villa des lcb am Wannsee die Finger wund. Gönnen wir ihr eine kleine Pause und uns eine Kostprobe ihres Tuns!

Katharina Schultens, Kreuzbergerin und Katholikin, liefert gierstabile Qualität in den Versen ihres diesjährig bei luxbooks erschienen Gedichtbands. Höchste Zeit, die Prophetin der Erkenntnis auch im eigenen Lande zu Wort kommen zu lassen!

Tom Bresemann, geboren in der Hauptstadt der DDR lebt er mittlerweile in der Hauptstadt der Welt: Neukölln. Sein zweiter Gedichtband „Berliner Fenster“ ist soeben erschienen. Come in and find out!

VITEN & GEDICHTE

SCHULTENS

„Schultens’ Verse bleiben haften, ohne klebrig zu sein. So oft sie auch überfordern, so oft fordern sie zum Nachdenken heraus. Diese Lyrik ist noch auf dem Weg begriffen, entwickelt sich aber unaufhörlich fort. Wie ein Fahrzeug, das sich ohne weiteres Eingreifen von außen geradeaus bewegt. Das ist ja schließlich auch die Definition des Begriffes Gierstabilität. Einen besseren Titel hätte der Band nicht haben können.“ (Junge Welt)

Katharina Schultens, geboren 1980 in Rheinland-Pfalz, arbeitet seit 2006 als Forschungsreferentin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Diverse Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien (zuletzt ostragehege, randnummer, shampoo, bella triste, Lyrik von Jetzt II, Neubuch). 2004 ein Debütband im Rhein-Mosel-Verlag; 2011 als zweiter Band  „gierstabil“ im Wiesbadener luxbooks-Verlag. Preisgeld gabs auch, besten Dank: 2005, 2007 und 2009.

forum

um zu sprechen, vergiß zunächst alle, die diesen luxus nicht haben. erinnere dich
erst ganz am schluß. dazu später. vergiß (unvollständige liste): traumata – kindliche
inklusive – , ehemalige wie zu erledigende lieben + sorgen, dieses eine geringfügige
scheitern, das sich später als entscheidender punkt erwies, tod angehöriger und
geburt etwaiger kinder, gib überhaupt dein geschlecht ab: falls du mitten im raum
stehen solltest, wirfs nach hinten, es fängt garantiert wer, den bügel zur anderen
hand, es dir anschließend überzuziehn. die schönheit, falls du sie trägst, leg ab
falls dein spezifisches alter sich mit überzeugung zu wort melden sollte, im rahmen
von erkenntnissen darüber, was jeweils jüngere unbedingt wissen müßten, dann
ignorier es, mit überzeugung und selig. ignorier auch den impetus zur wiederholung
schieb die emphase zur seite, spar die evokation jedweder baratmosphäre oder des
zugehörigen kippens vom hocker ins bett: fort, laß bloß nicht bleiben, sondern sein
und unter diesen voraussetzungen, die ich kurz mal bezeichnete als: entferne
den schutz – steh nicht im akkord, der dann einsetzt. laß die trance denen
die sie beherrschen. sprich, was dann übrig, bestenfalls denen, die übrig
(s.o.) aus.

TROJAN

Ein kleiner zusammengekauerter König ziert das Cover. Das kann trügen. Denn die Gedichte der studierten Amerikanistin und Journalistin sind nicht märchenhaft, nicht romantisch. Und eigentlich auch nicht lyrisch. Was wohl tut, wenn man sich an sich einmal wieder den Magen verdorben hat mit gezuckerter deutscher Lyrik. (Leipziger Internetzeitung)

Sandra Trojan, geboren 1980 in Winterberg. Studium der Amerikanistik, Journalisik und Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Leipzig, anschließend am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Arbeitet als Autorin und Übersetzerin und unterrichtet kreatives Schreiben an Schulen. Derzeit ist sie Stipendiadtin des lcb.

Ihr Debüt ‚Um uns arm zu machen‘ erschien 2009 im Verlag poetenladen.

Läutern // Zu müde in Bienen zu sprechen
Ich sollte ganz einfach sprechen: von dir, und von mir, Pathogenen.
Von Lippen, schlaff hängenden Netzen, von letzten Worten
ins Dunkel gemurmelt: Machs gut. // Machs gut.

Ein wachsbeflecktes Wort deckt jedes zweite Bild ab.
Ich will doch nur gewahren, was darunter liegt:

ein Zwang, der die Mundhöhle infiziert
eine Litanei, die meist auf Assonanzen stößt.

Nie hört es auf: Zu tief hast du die Akkorde
mit deinen Händen gehämmert, geborgte Worte, spitz
wie Meißel, nur nicht so wahr. // Und endlich zu den Bienen:

nicht von Natur aus garstig, nur ihr Terrain bewahrend
mit Tendenz zum Jähzorn, ist die Dame dahin oder fort //

ist was ich schrieb, aber wurde so müde, so elend mir
von ihrem Dröhnen, dass ich die Wange gegen die Tischkante rieb

// und weinte.

BRESEMANN

Bresemanns Kritik an den Verhältnissen ist subtil – und vor allem poetisch. (Berliner Literaturkritik)

„Das ist schlechter als drittklassiger Poetryslam“ (Raoul Schrott bei der Endrunde des Leonce und Lena Preises 2011)

Tom Bresemann, geboren 1978 in Berlin, Lettrétage und S³ LiteraturWerke Mitbegründer, Herausgeber, Übersetzer, Hundebesitzer, Krawattenträger, Espressosuchtgeschädigter etc. (diese fläche steht nun ihrer werbung frei)

aktuelles Buch: Berliner Fenster (Berlin Verlag) // berlinerfenster-gedichte.de

wenn
                          Auf das Notwendige kann ich verzichten.

wenn ich reich bin ziehe ich nur noch 100%
rein zerstoßenes geld durch die nase.

wenn ich reich bin baue ich kein haus,
ich kauf mir eure.

wenn ich reich bin gestatte ich nur noch apartesten
gleichnissen meiner langweile ausdruck zu verleihen.

exquisite buffetstrecken voll ausgestorbener
köstlichkeiten werde ich, wenn ich reich bin, veranstalten.

wenn ich reich bin werde ich auch schwul.

alle werden mich lieb und teuer halten
denn ich werde verstehen die leere auszukosten.