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Lesung Weltklang 2014 a.k.a. KREUZTORP am 14.10. mit RAMMSTEDT, SCHOCH und WINKLER

5 Okt

Hä, Weltklang? 2014? Nein, keine Sorge, so sehr haben wir uns während der Kreuzwort-Auszeit nicht das Hirn aufgeweicht. Obwohl, doch, ein bisschen vielleicht. So oder so: Wir stehen ja zu unseren Wörtern, deswegen kriegt der prachtvolle Ron Winkler auch das, was ich ihm mal auf Facebook versprach:

Ron Winkler Torp

Und deswegen heißt unsere Comeback-Veranstaltung jetzt eben Weltklang 2014. Klar? Es trifft sich natürlich schön, dass besagter Torp natürlich auch dabei sein und eventuell sogar prügeln wird. Keine Sorge, dabei handelt es sich nicht um das Wettspielportal TORP – Tennis Online Rheinland-Pfalz, sondern um diesen munteren Burschen. Jetzt mit noch mehr neuen Wimpern. Und nicht nur das Törpchen wird Ron bei der inoffiziellen Buchpremiere slash 3-Jahre-Kreuzwort-Sause begleiten, sondern auch Tilman Rammstedt und Julia Schoch, die sich ebenfalls am 14. Oktober bei uns die Ehre geben werden. Äh, wo noch mal? Achja, im Damensalon in der Reuterstraße 39 (Nähe U Hermannplatz oder Schönleinstraße). Und wie war das noch mal, wann fangen wir für gewöhnlich an? Achja, um 20h beginnt der Einlass und ab 21h geht es dann pünktlich mit der Lesung los. Die 3€ Eintrittsmoney solltet ihr zu allem Überfluss nicht vergessen und ruhig noch etwas mehr einstecken, denn schließlich habt ihr sicherlich seit Ewigkeiten keinen Gin Basil Smash mehr getrunken und solltet dementsprechend einiges nachholen. Wir machen auch mit, versprochen.

 

Tilman Rammstedt wurde 1975 in Bielefeld geboren und lebt in Berlin. Er studierte eine ganze Reihe von Dingen in Edinburgh, Tübingen und Berlin. Statt einer Magisterarbeit schrieb er aber sein erstes Buch.

Julia Schoch, 1974 in Bad Saarow geboren, aufgewachsen in Mecklenburg. Lebt in Potsdam. Studium der Germanistik und Romanistik. Sie veröffentlichte im Piper-Verlag Der Körper des Salamanders (2001), Verabredungen mit Mattok (2004). Ihr Roman Mit der Geschwindigkeit des Sommers (2009) war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Zuletzt erschien Selbstporträt mit Bonaparte. Sie erhielt u.a. den Preis der Jury beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und den André-Gide-Preis für Literaturübersetzungen.

aus: Steltz & Brezoianu – Ein Mosaik für Leidenschaftliche, 2007

 

Berlin/ Belém (via Frankfurt a.M. und Brasilia)

Brezoianu brachte Steltz, die zu einer weiten Reise aufbrach, zum Flughafen. Bevor sie durch die Paßkontrolle davonging, verabschiedete er sich von ihr: Ich liebe dich.

Wie sonderbar, daß du diesen Satz noch nie bei meiner Ankunft gesagt hast, erwiderte Steltz und strich nachdenklich über Brezoianus breite Koteletten.

Ron Winkler, 1973 im Bezirk Gera geboren und aufgewachsen mit Blick auf fremde Äpfelbäume und einen Bergsturz. Sechsjährige Ausbildung zum Judoka, sporadische Teilnahme an der Schülerakademie (»Tarnung, Warnung und Signal: Die Farben der Tiere«) und mit einsetzender Adoleszenz Engagement in den FKR Literatur und Sozialistische Landesgestaltung (Pflege eines Orchideeotops). Diverse Besuche der Großeltern mittels eines Ikarus 66. Ungesühnte Straftaten: Inbrandsetzung einer Mülldeponie (Zetti-Süßwaren-Tüten-Fehldrucke, Chemikalien, künstliche Nieren, Hausmüll).
Ron Winkler hat eine Leerstelle für Torp und widmet sich neuerdings der sinnlichen Katzendokumentation.

Jetzt draußen: Prachtvolle Mitternacht (Schöffling & Co.) sowie Torp. Neue Wimpern.

Torp war in eine Familie Torp hineingeboren worden. Sein Vater war lange Zeit dritter stellvertretender Direktor beim Zirkus Horoscopani. Sein Vater hatte schon als junger Mann den Fujimanjaro bestiegen. Sein Vater hatte Brauen groß wie die Raupen des Tagpfauenauges. Sein Vater litt an chthonischem Husten. Sein Vater hatte auf Schaukeln wippen können. Sein Vater fand die Nanosekunde schön. Sein Vater vermochte die jeweilige Stunde
am Klang der Stadt zu erkennen. Seine Mutter aber war etwas Besonderes.

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KREUZWORT am 23.01. mit BOEGE, JACKSON, STALLBAUMER & TEZKAN

17 Jan

Nach einem wunderbaren letzten Kreuzwort-Abend, der uns mit verquollenen Augen, rumpelnden Mägen und zufrieden-besonnenem Lächeln aufwachen ließ, nehmen wir nun frisch und unverkatert Fahrt auf. Am Mittwoch werden wir noch Brigitte Struzyk, Ulrich Koch und Peter Wawerzinek in der Lettrétage belauschen und -gutachten, bevor’s am Freitag wieder eine Portion Kunst gibt. Immerhin: Akute Handlungsbereitschaft im Haus am Lützowplatz. Mark Greif ist nicht dabei, der ist zu dem Zeitpunkt leider in jeder Feuilletonsparte jedes Mediums überhaupt. Dafür haben wir das pfundige Lyriksternchen Manuel „Ramboel Stalldoomer“ Stallbaumer bei uns, der nicht nur mit mir zusammen ein Buch verlosen wird, das wohl niemand haben möchte, nein, er hat einen weiteren alten Bekannten eingepackt: Hakan Tezkan kommt ebenfalls aus Leipzig herüber und liest Prosa. Unterstützung findet die Gattung auch durch Luise Boege. Zudem freuen wir uns, Hendrik Jackson begrüßen zu dürfen und mit ihm Alexej Parschtschikow – jedenfalls textlich, Hendrik liest Übersetzungen von Parschtschikows Lyrik.

Die ganz nüchternen und nackten Daten: 23.01.2012, ab 20h im Damensalon in der Reuterstraße 39 (Nähe U Hermannplatz und/oder Schönleinstraße), 3€ Damage, eventuell ein Buchgewinn. Alles klar?

Übrigens möchten wir an dieser Stelle Nora Bossong zum Peter-Huchel-Preis gratulieren. Wieder einmal zeigt sich: Wer häufig bei Kreuzwort auftaucht, kann nur gewinnen. Weitere Personen, die zukünftig noch gewinnen werden und warum:

Luise Boege, geboren 1985 in Würzburg, lebt und arbeitet in Berlin. Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Veröffentlichungen von Lyrik und Prosa in Anthologien und Zeitschriften, zuletzt Entwürfe und Lichtungen. Auszeichnungen unter anderem Open Mike 2006.

Mein Blick scheint etwas kaputtzumachen an den Dingen, denn ich träumte (nehme ich an) einmal von einem dritten Auge, das über meinem eigentlichen Auge (dem rechten) wuchs, und ich fragte mich, gemeinsam mit den bei mir seienden Menschen (Freunde oder so), ob das Bedeutung habe, oder ob dritte Augen nicht einfach so wüchsen (man hatte schon davon gehört in diesem Kreis, also sowohl von der möglichen Bedeutung dritter Augen als auch der Möglichkeit von Nichtbedeutung dritter Augen), also war beides möglich und berechtigte Annahme. Ich konnte ohnehin nicht mehr als vorher auch schon sehen, obwohl ich ja hätte müssen (mit dem dritten Auge). Das juckte (das Auge, und die anderen waren auch lang schon weggeglitten von dem Gespräch, hin zu etwas, das ich, traumüblich, nicht ansehen konnte, etwas, das ich möglicherweise selbst ausstrahlte, ins blinde Zentrum meines Blickfeldes). Seitdem bin ich sensibilisiert für meine eigene Ausdehnung (ich ahne sie).

Hendrik Jackson, geboren 1971 in Düsseldorf. Lebt als freier Autor, Übersetzer und Herausgeber (lyrikkritik.de) in Berlin. Er veröffentlichte die Bändebrausende Bulgen – 95 Thesen über die Flußwasser in der menschlichen Seele, edition per procura 2004, Einflüsterungen von seitlich, Morpheo Verlag 2001, sowie als Übersetzer aus dem Russischen Marina Zwetajewas Poem vom Ende/Neujahrsbrief, edition per procura 2003. Zuletzt erschienen der Gedichtband Dunkelströme, kookbooks 2006, und der Essayband Im Innern der zerbrechenden Schale. Poetik und Pastichen, kookbooks 2007. Hendrik Jacksons Gedichte wurden unter anderem mit dem Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium 2002, dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis 2005, dem Hans-Erich-Nossack-Förderpreis 2006 und dem Friedrich-Hölderlin-Förderpreis 2008 ausgezeichnet. Vor Kurzem erschien im Merve Verlag Helm aus Phlox. Zur Theorie des schlechtesten Werkzeugs zusammen mit Ann Cotten, Daniel Falb, Steffen Popp und Monika Rinck.

Hendrik wird Gedichte von Alexej Parschtschikow lesen, die er aus dem Russischen übersetzt hat. Erschienen sind sie im Band Erdöl bei kookbooks.

Das liest sich dann so:

Igel

Igel: ein dunkler Prophet, der die Wurzel des Himmels zieht,

dessen Nadelbett den Leib Sebastians durchspießt.

 

Sein Rücken: eine Vielheit, geschöpft wie durch ein Sieb,

und der doch in sich, ganz, abgesondert blieb.

 

Zisch ihn an – er  erlischt, gleichsam durchbohrt. Trollt

sich fort. Pass auf, daß er nicht in den Kragen rollt!

 

Der Igel – ein Schlosserutensil; Tölpel, der einen Twist hinlegt.

Abfallkorb an der Haltestelle, von einer Schneewächte verdeckt.

 

Bei Frauen stehen seine Nadeln still, wie in Futteralen.

Verträumten Männern wird er das Kinn zermahlen.

 

Das Verschwinden des Igels – ein trockener Auspuffknall.

Auferstanden? –Dann schüttel dich aus! Nadeln überall!

 

Manuel Stallbaumer, geboren 1990. Aufgewachsen und unter pompösen Umständen größtenteils erwachsen geworden in Aidlingen. Studiert seit 2009 am Literaturinstitut in Leipzig, veröffentlicht hin und wieder Gedichte. Top: War 2011 für den Open Mike nominiert. Flop: Hat nicht gewonnen.

-1wodkatampons als kleinster gemeinsamer nenner
meiner generation. zum zeitpunkt des versagens
der actimelabwehrkräfte trafen wir uns zum

abarbeiten an der ödnis / an molekülgeschwadern
penibel genaue verortung im irgendwo der felder
und als hauptattraktion: german angst wo einer stand
auf dem geländer eines stegs an
einem künstlich angelegten see
und sprang / ich hinterher

(unnötig anzumerken: ’s war august
der vierundzwanzigste oder so vor uns
eine noch zu erbauende vorstadt mit
getthoprädestination)

hakan tezkan, geboren 1989, seit 2009 studium am deutschen literaturinstitut leipzig, ein paar veröffentlichungen.

Die Mutter und der Vater saßen bereits am Tisch und warteten. Darauf zu sehen: in der Mitte ein Glaskrug gefüllt mit Wasser, darum herum Schalen, aus denen es dampfte, außerdem Teller, Besteck, Servietten. M stand am Fenster und fuhr mit den Fingern über die Scheibe, zeichnete die Konturen der Geräte auf dem Spielplatz nach: bunte Klettergerüste, Rutschen, Wippen, ein Sandkasten. Es hatte geregnet, im Sandkasten lagen aufgeweichte Bieretikette und anderes Papier. Die Eltern unterhielten sich darüber, über den Regen, die Sonne, die sich nicht blicken ließ, über das Wetter allgemein; darüber konnte man immer sprechen. M verließ jetzt den Raum, man hörte Türen sich öffnen und schließen, Rascheln, Schritte, dann wieder Türen, kam zurück. Ob er sich nicht setzen wolle, sagten die Eltern dann. Das mache sie ganz nervös, dass er in der Wohnung umher laufe wie ein Streuner. Er setzte sich. Kurz darauf fing er an, mit den Füßen zu wippen, der Tisch zitterte, man hörte das Besteck auf der weißen Tischdecke, auf dem Holz, man hörte es dort ganz deutlich zittern und die Mutter und der Vater schauten M an, sagten erst nichts, schauten ihn bloß an, als würde er wissen, was sie damit meinten; und er wusste auch, was sie meinten, er reagierte bloß nicht. Er solle damit aufhören, sagte der Vater schließlich. M ließ die Beine sofort still und stand auf, stellte sich wieder ans Fenster. Ein Hund pinkelte gerade in den Sandkasten, sein Herrchen war nicht zu sehen. In einer der Wohnungen gegenüber ging das Licht an, man sah einen Schatten hinterm Vorhang auftauchen/abtauchen. Die Mutter strich sich ihren Pulloverärmel hoch und guckte auf ihre Uhr. Wiederholte das kurze Zeit danach wieder. Fragte dann, ob W später komme, ob er etwas gesagt habe. Nein, sagte M, und weiter: der wird schon gleich auftauchen. Er könne sich ja schonmal die Hände waschen, sagte die Mutter und M verließ also das Zimmer, ging ins Bad, drehte den Wasserhahn auf. Er hielt seine Hände nicht darunter, betrachtete sich bloß im Spiegel und machte Grimassen, über die er versuchte zu lachen, er lachte aber nicht. Dann drehte er den Hahn zu und ging zurück ins Esszimmer. Er kehrte den Eltern den Rücken und betrachtete die Wand, die Raufasertapete, die er an einigen Stellen schon abgekratzt hatte, über die seine Eltern immer wieder hatten streichen müssen. Man sah die übertrieben weißen Flecken, wenn man genau hinsah, sie waren dann deutlich zu erkennen.

Zeitschriften! Und: KREUZWORT am 12.12. mit D. FRÜHAUF, K. HARTWELL & D. WAGNER

5 Dez

Bevor ich mit dem Sturmhagel an Informationen zum nächsten KREUZWORT-Abend am 12.12. mit David Frühauf, Katharina Hartwell und David Wagner beginne, hier noch zwei kurze Hinweise in nur semi-eigennütziger Sache:

Wir lieben ja Zeitschriften und lesen sie vor dem Schlafgehen, nach dem Aufstehen, im Bus, beim Überqueren der Straße und auch bei gelegentlich sich ergebenden Krankenhausaufenthalten, wenn wir mal wieder angefahren wurden. Besonders angetan haben es uns die randnummer literaturhefte, die es bei unseren Lesungen ab sofort für billige 5€ zu kaufen gibt. Dafür gibt es in der vierten, soeben erschienenen (enenen!) Ausgabe nicht nur fantastisches Artwork und wahnsinnig gute Collagen von Mitherausgeberin Simone Kornappel (an der Stelle Gratulation unsererseits für eine Publikation ganz anderer Art), sondern diese hat zusammen mit ihrem Kollegen Philipp Günzel auch eine sehr schmucke Textauswahl getroffen. Es warten Konstantin Ames, Dennis Büscher-Ulbrich, Nina Bußmann, Kristoffer Patrick Cornils, Max Czollek, René Hamann, Hendrik Jackson, Bülent Kacan, Nicolai Kobus, Jan Kuhlbrodt, Tristan Marquardt, Robert Monat, Stephan Reich, Monika Rinck, Tibor Schneider, Sabine Scho, Mathias Traxler, Michael Zoch, Dmitry Golynko (übersetzt von Alexander Filyuta) und Birgit Kreipe (im Interview mit Simone Kornappel) mit neuen Texten auf. Grund genug, am 12.12. 5€ mehr einzustecken und sich eine randnummer mitzunehmen – wir verdienen da selbstverständlich nichts dran, sondern leiten das Geld an Simone und Philipp weiter, die sich mit der hochwertigen Ausgabe in Unkosten gestürzt haben.

 

Kostenlos war allerdings die erste Ausgabe der Zeitschrift Sachen mit Wörtern, von denen letztes Mal bereits ein paar auslagen und samt und sonders in diversen Taschen verschwanden. Wer kein Printexemplar mehr abbekommen hat, sich aber trotzdem ein Interview mit uns durchlesen möchte (hier nur kurz der Hinweis, dass der im Gespräch erwähnte Abend in Kooperation mit fixpoetry schon gelaufen ist), der kann das hier in aller Ruhe tun. Interessant genug und dank der Illustrationen von Petrus Akkordeon auch schmuck anzusehen.

Aber nun Butter bei die Fische, ich halte mich kurz: Am 12.12. ist wieder KREUZWORT! Das letzte Mal im turbulenten Jahr 2011, bevor es dann im Januar weitergeht. Wir freuen uns auf drei Mal Prosa von David Frühauf, Katharina Hartwell und David Wagner (bevor jetzt jemand naseweis wird: Insgesamt drei Mal, nicht jeweils!). Das wie mittlerweile ja bestens bekannt aus unserer Lieblingstrinkanstalt, dem Damensalon in der Reuterstraße 39 nahe der U-Bahn-Stationen Hermannplatz und Schönleinstraße. Das Ganze kostet 3€, Einlass ab 20h.

David Frühauf, geboren 1987 in Braunau am Inn, Oberösterreich. Seit 2007 Germanistikstudium, 2009 Aufnahme des Studiums „Sprachkunst“ an der Universität der angewandten Kunst Wien, seit 2010 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

Ich hätte nicht zu sagen gewusst, woher du stammtest oder ob es solch eine Region überhaupt je gegeben hatte, die nicht erst durch meinen Zuspruch, mein Einsagen – mit flatternden Händen, mit flüsternden Gliedern – als Erfindung, ja, möglicherweise als Erinnerungslandschaft in mir und durch dich entstehen konnte. Doch nichts widerfuhr dir, nichts durch dich. Es schien, als wärst du von Beginn an gewesen, einzig um sagen zu können: Es gibt –; und dann darin zu verschwinden, unsichtbar zu werden, wie in Wiederholung übergangen, damit das Gedächtnis mit Sicherheit sich selbst auslösche – keine dieser Silben würde je über deine Lippen gekommen sein, oder sich als dir eigen zu verstehen gegeben haben. Dass du so flüchtig bist, rief ich, so vage und wölbend, so splitternd, zerrissen, beständig zugleich, wie mehrfach gespiegelt, meint: an meiner statt, um Stellen versetzt, verzerrt, und dich dadurch einer Anrede entzögst; revozierte Marter, ja, epiphane Bildflut und -flucht, und du zwischendurch aufschrecktest, als hätte dir jedes (weitere) Wort etwas anhaben können, hätte sich dir aufgedrängt und dich auf eines davon zu reduzieren versucht. Was für Sätze wären das, aus welchen Buchstaben wären sie gemacht? Jeder einzelne befremdete dich zutiefst, und ich wagte kaum zu atmen, befürchtete das Schlimmste eintreten gelassen zu haben: dass ich eines Tages nicht mehr aus dem Vergessen erwachen würde und all die an dich gerichteten Appellationen auch nach wiederholtem Male ungehört blieben. Welche dieser Masken würde sich dann dennoch vereinnahmen lassen, welche ließe dich zurück, in Keimen, in kleineren Mengen, um daraus zu schöpfen, zu erschließen, mich daran zu halten und welche verstünde sich noch darauf, dich in derselben Weise zu nennen, zu rufen, ohne stets denselben Namen zu verwenden und ohne zu antworten?

Katharina Hartwell, 1984 in Köln geboren. 2003 bis 2010 Studium der Anglistik und Amerikanistik in Frankfurt am Main. Seit 2010 Master „Literarisches Schreiben“ am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2006 und 2010 Preisträgerin “Junges Literaturforum Hessen-Thüringen“. 2009 MDR Literaturpreis. 2010 Arbeitsstipendium des LCB und Finalistin beim 18. Open Mike. Debüt „Im Eisluftballon – Erzählungen“ im Poetenladen Verlag erschienen. 2011 Aufenthaltsstipendium Künstlerdorf Schöppingen sowie Arbeitsstipendium der Jürgen Ponto-Stiftung.

Auszug aus dem Romanprojekt „Das fremde Meer“:

Du hörst jetzt die erste Geschichte. Du musst die Augen nicht öffnen, musst dich nicht bewegen, musst nicht mit dem Kopf nicken und ihn auch nicht schütteln. Heute Nacht nehme ich dich mit auf eine Reise, auf hundert Reisen nehme ich dich mit, und vielleicht sind wir dorthin unterwegs, wo du noch nie hin wolltest, wo keiner zu Hause sein möchte. Und vielleicht wirst du allein sein, einsam sein, wirst denken, dass ich dich nicht finden werde, nicht weiß, wo du bist, keiner weiß, wo du bist, und du warten musst, wie Rapunzel in ihrem Turm, wie Schneewittchen im Sarg aus Glas, wie Dornröschen hinter der Hecke. Mach dir keine Sorgen, halte still, halte dich gerade, halte Ausschau, warte, bis sich eine Tür öffnet, jemand den Raum betritt, jemand deinen Namen sagt, jemand durch die Fluten, durch den Wald, durch die Straßen, durch die Nacht zu dir kommt und dich an die Hand nimmt.

David Wagner, geboren 1971, wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, darunter mit dem Walter-Serner-Preis, dem Dedalus-Preis für Neue Literatur und dem Georg-K.-Glaser-Preis. Er lebt in Berlin. Im Jahr 2000 veröffentlichte er seinen Debütroman »Meine nachtblaue Hose«. Sein jüngster Roman, »Vier Äpfel«, stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2009.

David Wagner wandert durch die Stadt, allein, manchmal in Begleitung. Was ist die Stadt? Wie lässt sie sich beschreiben? Immer wieder stößt er auf die Trümmer der deutschen Geschichte. Wagner erzählt, wie sehr sich die Stadt in den letzten zehn Jahren verändert hat. Er macht ein Praktikum als Türsteher in der »Flittchen Bar«, trifft die Füchse auf der
Pfaueninsel und einen müden Bürgermeister neben einem Bärenkostüm. Er spaziert durch die Randgebiete und durch den alten Westen. Er geht die Baustellen ab und erinnert sich an Baulücken. David Wagner läuft seit zwanzig Jahren kreuz und quer durch Berlin. Er ist ein Stadtwanderer, »in Halbtrance, gepaart mit dem Willen zur illusionslosen Genauigkeit«, wie die Wochenzeitung Die Zeit meinte.

»Welche Farbe hat Berlin?« versammelt größtenteils unveröffentlichte Texte, die in den letzten Jahren entstanden sind.

Das liest sich so:

DIE MÜLLTÜTE

Ich will bloß den Müll hinuntertragen in den Hof, unten aber, ich habe die zugeknotete Abfalltüte noch in der Hand, gefällt mir die Nacht so gut, es riecht nach Frühling, daß ich hinaus auf die Straße gehe. Ich biege um zwei Ecken und stehe schon vor dem Café Haliflor – entscheide mich aber, die Luft ist so süß, weiterzugehen.

Fast alle Fenster in den Fassaden der Choriner Straße, es ist gleich Mitternacht, sind schon dunkel. Ich komme an dem alten, zweistöckigen Molkereigebäude und der Protzbaustelle Choriner Höfe vorbei, überquere die stille Kreuzung mit der Zehdenicker Straße, auf der Torstraße halte ich mich links. Vor dem Kaffee Burger, die Reformbühne ist aus, steht ein Bekannter auf dem Bürgersteig und raucht. Wir wechseln ein paar Worte, er sagt nichts zu der Mülltüte, die ich in der Hand halte.

Ich gehe weiter und biege in die Alte Schönhauser Straße, noch immer stehen dort diese seltsamen Bürocontainer mit Camouflage-Bemalung auf dem unbebauten Grundstück Ecke Linienstraße. Die Nacht, es ist Sonntag, ist ruhig, ich höre nur eine italienische Reisegruppe singen. Sie johlen in einiger Entfernung, sie grölen, sie haben gute Laune. Ich bleibe vor dem Espresso- und Kaffeemaschinengeschäft stehen, mir gefallen finnische Porzellantassen ein paar Schaufenster weiter, schließlich betrachte ich Umhängetaschen, die aus alten LKW-Planen genäht wurden.

Ich merke, daß ich die Mülltüte immer noch mit mir herumtrage, schaue mich um, weit und breit ist kein Mülleimer zu sehen. Von der Münzstraße komme ich in die Max-Beer-Straße, kehre nach wenigen Schritten aber wieder um, mir fällt ein, daß dort eine Freundin wohnt, der ich nun lieber nicht begegnen möchte, nicht mit einer Mülltüte in der Hand. Ich bewundere die nackten Betonwände in einem zum Ladenlokal umgebauten Plattenbau-Erdgeschoß und biege in die stille Almstadtstraße ein.

Es ist dreiviertel eins, und wenn mich jemand fragen würde, was machst du um diese Zeit mit einer Abfalltüte in der Hand vor dem Schaufenster der Buchhandlung Pro qm, ich wüßte keine Antwort. Ich wollte gar nicht spazieren gehen, ich bin heute schon unterwegs gewesen, ich wollte nur den Müll hinuntertragen. Scheint so, als hätten meine Schuhe ohne mich entschieden. Sie sind einfach losgegangen. Das Gehen hat sich verselbständigt, und ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob ich selbst, ob tatsächlich ich es bin, der hier einen Fuß vor den anderen setzt. Geht die Stadt vielleicht mit mir spazieren? Die Füße unterbrechen ihre Tätigkeit, als zwei sich laut unterhaltende Amerikaner auf mich zukommen, ziemlich betrunken sagen sie Hi und fragen, natürlich auf Englisch, wo sie hier Dope kaufen könnten. Mir fällt nichts anderes ein, als sie in den Weinbergspark zu schicken.
Ich gehe weiter, finde wieder in meinen Rhythmus, den eigenen Geh-Rhythmus, der es manchmal so schwierig macht, mit oder neben anderen zu gehen. Am besten geht es sich doch allein, denke ich – widerspreche mir dann aber, fallen mir doch sofort zwei, drei, vier Personen ein, mit denen ich sehr gerne gehe und schon viel gegangen bin. Ich komme wieder zur Torstraße und stoße auf diese rätselhafte retro-avantgardistische Architekturskulptur an der Ecke Rosa-Luxemburg-Straße, ist das historistischer Expressionismus? frage ich mich, wie immer, wenn ich dieses Gebäude sehe. Und stehen dort, nirgends brennt Licht, vielleicht alle Wohnungen leer? Ein Nachbargrundstück ist noch unbebaut, hinter dem grell beleuchteten Werbezaun, der die Brache zur Alten Schönhauser hin umschließt, liegen abgerissene Plakate, leere Flaschen und ein kaputter Kinderwagen.

Einen Moment lang bin ich versucht, meine Mülltüte dazu zu werfen, trage sie dann aber, sie ist ja nicht schwer, doch die Schönhauser Allee hinauf, vorbei an der schönrenovierten Ex-Ruine Pfefferberg. Das riesige, viel zu perfekte spanische Touristenrestaurant hat schon geschlossen. Ich biege in die Schwedter Straße ein, überquere die Choriner und stehe wieder vor dem Haliflor. Anne, Sonntag ist ihr Abend an der Bar, sieht mich und winkt. Ich setze die Tüte ab, gehe hinein, bestelle ein Bier und erzähle, sie hält das natürlich für eine Ausrede, daß ich bloß den Müll hinuntertragen wollte. Zwei Franzosen, die neben mir am Tresen trinken, unterhalten sich über Neukölln. Die Tüte werfe ich später in den Müllcontainer im Hof.

Kreuzwort am 28.11.: KREIPE, MANTEL, ROLOFF & STEINBRÜCK

16 Nov

Okay, das dürfte den meisten nun schon klargeworden sein über unsere Lettrétage-Übernahme, aber: Letztens erst wurde unsere scharmante kleine Lesereihe ein Jahr alt. Yay us! Mittlerweile sind wir schon bei der dritten Location angekommen, dem bezaubernden Damensalon in der Reuterstraße 39. Wie wir eigentlich dort hingekommen sind? Mit der U8 über die Stationen Schönleinstraße oder Hermannplatz, bei größerer Abenteuerlust haben wir die Busse 194 oder M29 genutzt. Carolin kann sogar bequem zu Fuß laufen, was allerdings bei der Wahl dieser schönsten der schönen Kreuzköllner Kneipen nicht ausschlaggebend war.

Jedenfalls werden wir am 28.11. erneut dort aufschlagen und begrüßen ab 20h freudigst euch und außerdem zwei alte Bekannte sowie zwei neue Gesichter, die mitsamt ihren Körpern aus dem eventuell ja okkupierten Frankfurt am Main einreisen! Lutz Steinbrück war schon am 11.10. bei uns und verkaufte mir damals seinen ersten Lyrikband mit Widmung für seine Oma („…dies ist nun meine Dichtersprache … es ist eben alles sehr modern!“) und gut einen Monat später gab sich Birgit Kreipe am 08.11. bei uns (damals noch im Schatzi Neuberg) die Ehre. Ihr zweiter Lyrikband ist grade in Arbeit – vielleicht nimmt sie ja Vorbestellungen entgegen, sollte jemand mit einer persönlichen Widmung seiner oder ihrer Großmutter eine Freude bereiten wollen. Wir freuen uns auch sehr über Marcus Roloff und Julia Mantel, die extra aus Frankfurt anreisen werden, um bei uns zu lesen – eine Gelegenheit, die sich selten auftut.

Deswegen 3€ Eintritt und etwas Nostalgiebereitschaft sowie Entdeckungslust einpacken und sich am 28.11. in den Damensalon begeben, um dem finanzmetropolitanen Stoffwechsel (Stoff… Textilien… Text…, ihr wisst schon) mal hautnah zu erleben.

 

Birgit Kreipe,

geb. in Hildesheim. Kindheit & Jugend auf dem Land. Studium der  Psychologie und Germanistik in Marburg, Wien

und Göttingen, lebt in Berlin.

Kurzprosa und Gedichte sind in vielen Zeitschriften und Anthologien erschienen (zuletzt in lichtungen, randnummer, in: Schneegedichte, hrsg. von Ron Winkler, im Jahrbuch Lyrik 2011)

Im Juni 2010 erschien wenn ich wind sage, seid ihr weg, Verlag im Proberaum, Klingenberg.

Im Winter 2011/12 erscheint „schönheitsfarm“ im Verlagshaus J. Frank, Berlin

Birgit Kreipe ist Mitglied im „forum der 13“.

 

löwen 

 

schaumkronen des windes, geflügelt

ihr hierhier in der mündung nordost

 

antwort auf die wiederholte

frage des meers: wo ist der strand?

 

letzter zuruf für taucher und träumer

zwischen boje und windpark gespannter

 

anker für boote und wolken

schweben von blau zu blau

 

magie für bäume im hinterland

die verstreut vom wasser träumen

 

gespielt auf dem gras, auf dem dünenkamm

heute die antwort für die, die das meer suchen.

 

julia mantel,

jahrgang 1974, studium der angewandten kulturwissenschaften in lueneburg,
seit 2000 konzentration auf lyrik, teilnahme an der textwerkstatt darmstadt unter der leitung von
kurt drawert, zahlreiche publikationen in anthologien, regelmaessige lesungen bundesweit.

lebt als autorin, strickkuenstlerin und sprecherin in frankfurt am main.

www.unvermittelbar.de

letzte veröffentlichung:

„dreh mich nicht um“
mit illustrationen von petrus akkordeon
fixpoetry-verlag/ hamburg 2011

 

für thomas brasch

streich mir das haar

aus der stirn,

 

ich habe bretter

vorm kopf, die

die welt bedeuten,

 

berühre mich dort,

wo ich nie gewesen bin.

 

Marcus Roloff,

geboren 1973 in Neubrandenburg (DDR), lebt als Lyriker und Übersetzer in Frankfurt am Main. Studium der Neueren deutschen Literatur, Philosophie und Kulturwissenschaft an der HU Berlin. Literarische Veröffentlichungen seit 1997, zuletzt u.a. in „Neue Rundschau“, „wespennest“, „Lyrik von JETZT zwei“, „alles außer Tiernahrung“ und „Jahrbuch der Lyrik 2011“. Im Herbst 2010 erschien im gutleut verlag Frankfurt/M. sein dritter Gedichtband „im toten winkel des goldenen schnitts“.

 

balcke + heym

überm winter die landschaft durch watte & licht-
schrulle leer. eisiger werder. er wolle den raureif
feiern. wenn er sterbe seien die menschen tot. wie
stottern sei das nur dass nichts hängen bleibe denn
da werfe man ja die silben in eine art doppelten
boden. die welt klappe nach hinten. aber eigentlich
stottere niemand. das sei nur reminiszenz an die
rememorierte gegend zwischen havel & havel.

 

Lutz Steinbrück,

geboren 1972 in Bremen. Studierte Germanistik und Anglistik in Oldenburg/Niedersachsen. Seine Magister-Arbeit „Fremde Heimat“ über Vechta in der Lyrik Rolf Dieter Brinkmanns erschien 2007 im Oldenburger BIS-Verlag. Seit 2004 lebt er in Berlin. Schreibt Lyrik, Artikel für Print- und Onlinemedien und macht Musik mit der Band „Nördliche Gärten“. Im September 2008 erschien sein erster Lyrikband „Fluchtpunkt: Perspektiven“ im Lunardi Verlag (Berlin). Sein zweiter Gedichtband „Blickdicht“ folgte im März 2011 im Verlagshaus J. Frank (Berlin). Einzel-Veröffentlichung von Gedichten in Zeitschriften (u.a. Poet, Ostragehege, lauter niemand, randnummer), in Anthologien (u.a. Deutscher Lyrikkalender 2011, Versnetze 3) sowie in Online-Portalen (u.a. Poetenladen, Fixpoetry, Lyrikmail). Nominierung für die 2.Lesung des Münchner Lyrikpreises 2011.

„Steinbrück scheut sich nicht, gesellschaftliche Realitäten in ebenso klarer wie scharfer Sprache aufzugreifen und diese in einem Zerrspiegel ad absurdum zu führen: wir sind auf Kurs / und es ist an der Zeit / unter Deck aufzutauchen / um einzuschlafen. Eine Lyrik, die souverän ihrer eigenen Logik folgt und weit davon entfernt ist, in moralisierende oder agitatorische Banalitäten abzudriften. Kein selbstgewisses lyrisches Ich, kein Agitieren von einem sicheren Standpunkt aus. Stattdessen entwirft Steinbrück surrealistische Szenarios auf der Höhe der Zeit mit dichtem Blick auf das Alltägliche. Scheinbare Gewissheiten, die sich auflösen, Perspektiven, die gebrochen werden und pointierte Devisen, gerne als ironische Aufforderung zur Leichtigkeit, wenn es etwa heißt: bitte nehmen Sie / ihr Leben doch / nicht zu persönlich.“

 

Götterclique, geschlossen

 

Du traumhaftes Mikrofaserland

wo die Beatmung der Reisebusse stagniert

wird der mit dem längsten Steuerknüppel

Klassensprecher dieser Autobahn

 
macht noch immer in Trikot-Etagen

macht billig macht das sein Garten ein Turm wird

sein Schwager hat die Elbe neu designt

und leuchtet davon ohne anzuhalten

 
die Ausweisung der Wettkampfzonen

stimmen sie ab im Club eine Art von Heim

hier

hier bleibt die Kälte im Dorf

Kreuzwort am 14.11.: crauss. / Breyger / Krämer / Schmid

6 Nov

Wenn man keine Ahnung hat, welchen semi-humoristischen Aufhänger man für den nächsten Blogeintrag zum nächsten Kreuzwort-Abend am 14.11. ab 20h hat, weil denken irgendwie anstrengend ist, dann hilft die wordpress-Statistik weiter: „straßenstrich nähe schönleinstrasse“, so kann man uns über google finden, scheint es. Schön. Statt sex kommen aber eher – Wahnsinnskalauer – text workers zu uns und aus der voyeuristischen bzw. ecouteuristischen (gibt es wirklich, das Wort) Perspektive muss man lediglich 3€ Eintritt hinlegen. Um das zu konkretisieren: Aus der Nähe des Straßenstrichs bzw. der U Schönleinstraße oder aber der U Hermannplatz kommt man ja sehr schnell in die Reuterstraße 39 und somit in den – weitere Wahnsinnspunchline von Wortspiel in 3, 2, 1,… – (Anstands-)Damensalon. Dort warten dann Yevgeniy Breyger – welcher auch am 16.11. in der Lettrétage lesen wird, dort allerdings PROSA, bei uns LYRIK -, Thorsten Krämer mit Prosa, Annina Luzie Schmid und crauss. kommen ebenfalls lyrisch.

In alfabetischer Order:

Breyger, Yevgeni: wurde 1989 in der ukraine geboren, lebt seit 1999 in deutschland. studiert kreatives schreiben an der uni hildesheim. hat mehrere preise und stipendien gewonnen, darunter ein arbeitsstipendium der stiftung niedersachsen und den mit 2000€ dotierten selma-meerbaum-eisinger literaturpreis.hat in zeitschriften und anthologien veröffentlicht, u.a: konzepte, bella triste, poet, wortwuchs.

funker

nimm dein tierpräparat in die hand, hier kannst du
nicht bleiben: geweihe, gewehr aufgehängt. moment,

du zeichnest mich ab. etwas kleines im nacken,
bestimmst du die art, den gehalt? schiene. zurück,

nimm dein tierpräparat, behalts. du faltest einen
doppelten knoten ins bild, ziehst mich auf. schleife

zwischen die hufen, geschenkt. spul an den anfang,
klemm das ding unter die arme, spann es dir ein.

crauss.:

(1971) ist ganz aus dem takt geraten, seit er vom städtischen museum als gogo-tänzer engagiert wurde. tingelt seitdem durch verschiedene textspelunken und legt sich, wenn er genug getrunken oder eine lakritzvergiftung hat, mit motorradhelden an. bücher, burschen, bilder und brandaktuelles auf www.crauss.de

(c) marvellous

Hier wird erkenntlich dass cräuss.sche Texte mehr Fäden haben als dieser Blogeintrag, dort bekommt man eine utopische/dystopische (man weiß es nicht) Zukunfts- oder Vergangenheitsvision zu Florians in Berlin, die vielleicht am 14. eintrefen wird oder Teil der Vergangenheit gewesen sein könnte. Kurz: Klicken & crauss. lesen!

Krämer, Thorsten: geboren 1971, lebt in Köln. 1998 erschien sein erstes Buch, „Ich heiße Hal Hartley“, seit diesem Sommer ist das fünfte erhältlich: „Der graue Cardigan“. Daneben zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien sowie Arbeiten für Radio und Fernsehen.

Ab Januar 2012 startet die Reihe krämer’s monthly mit jeweils einem Band pro Monat. www.thorstenkraemer.de

Aus „Der graue Cardigan“:

Meistens bin ich es, der das Besteck vom Frühstück in die Spülmaschine räumt. Aber nicht direkt. Vom Tisch wandert es zunächst in die Spüle, entgegen aller Weisheit in Sachen Organisation und Prozesse. Die besagt, dass man einen Gegenstand nicht öfter als notwendig in die Hand nehmen soll. Es ist schlicht ineffizient, das schmutzige Besteck erst einmal in die Spüle zu legen und dann, vielleicht eine halbe Stunde später, von der Spüle in die Spülmaschine zu befördern. In Wahrheit ist diese Handlungsweise natürlich nicht nach den Kriterien der Wirtschaftlichkeit ausgerichtet, vielmehr steht die Kommunikation im Vordergrund. Das schmutzige Besteck in der Spüle ist ein Angebot zur Teilhabe, ich biete ihr damit die Möglichkeit, ihrerseits aktiv zu werden. Ich lege das Besteck in die Spüle, sie räumt es von dort in die Spülmaschine. Auf diese Weise sind wir beide beteiligt, das Besteck verbindet uns. Das ist ein schöner Gedanke, finde ich, aber in der Praxis funktioniert das leider nicht so gut. Entweder ignoriert sie das Besteck in der Spüle einfach, oder sie fragt mich, warum ich es nicht gleich in die Spüle geräumt habe. Auf diese Frage aber antworte ich nicht, sie muss schon selbst dahinter kommen. Wenn man genau hinhörte, könnte man sogar einen leicht vorwurfsvollen Unterton in ihrer Stimme heraushören, aber ich bin meistens zu unkonzentriert, um so genau auf jede Nuance ihrer Stimme zu achten.

Schmid, Annina Luzie: Bloggerin, Social Media Beraterin, freie Autorin. Urheberin des GIRLS CAN BLOG Projektes (seit 2010) und des Litblogs Words On A Watch (seit 2007). Veröffentlicht in diversen Print- und Online-Magazinen. Geboren in Zürich im Jahr 1983, derzeit wohnhaft in Berlin.
www.anninaluzieschmid.net und http://wordsonawatch.blogspot.com/

ich in tüll laken lackkleid nag am fensterrahmen bricht licht in triangelstrahlen staub wendet sich blendet und ich urban es urbakterium will unter wasser ober flächen molekül sein mir von dir mit spitzen lippen zeigen lassen wie die fische machen algen mähen zwischen heiligen korallen mit dir fieberpirouetten drehen in tiefsee kissengraben sinken auferstehen als dampf noch einmal durch die nacht als regen wieder niedergehen…

außerbetrieb: Die Lettrétage übernimmt KREUZWORT am 10.10. (ACHTUNG: Ortswechsel!)

5 Okt

So sieht’s aus: „außerbetrieb“ heißt ja nicht nur, dass wir Tom, Moritz und Katharina in der Lettrétage alle Arbeit abnehmen – nein, die müssen sich auch revanchieren. Deswegen freuen wir uns, das Ende der Sommerpause einleiten zu können und uns dabei trotzdem noch zurücklehnen dürfen.

Passend zur neuen Ära (naja, immerhin: wir gehen ins zweite Jahr!) wechseln wir auch den Veranstaltungsort und befinden uns ab nun an im Damensalon in der Reuterstraße 39, Berlin-Kreuzkölln (das muss ich jetzt schreiben, sonst wird wegen unseres Namens gemeckert).

Genauer: An der Ecke zur Pflügerstraße, erreichbar mit/durch: U Hermannplatz/Schönleinstraße, H Pflügerstraße Bus 194 (aus Fhain), M29. Eintritt beträgt 3€. Eintritt ab 19h45!

Wir werden uns also fein raushalten und zitieren nur aus einem Bekennervideo, welches die Lettrétage auf extremistischen Poesieseiten hochgeladen hat und in dem sie Ziele und Namen nennen:

Die Lettrétage übernimmt Kreuzwort. Aber keine Angst, euch wird weiterhin high-class-adult-entertainment-Poesie vom Feinsten geboten:

Sandra Trojan ist in der Stadt, und schreibt sich während ihres Stipendienaufenthalts in der Villa des lcb am Wannsee die Finger wund. Gönnen wir ihr eine kleine Pause und uns eine Kostprobe ihres Tuns!

Katharina Schultens, Kreuzbergerin und Katholikin, liefert gierstabile Qualität in den Versen ihres diesjährig bei luxbooks erschienen Gedichtbands. Höchste Zeit, die Prophetin der Erkenntnis auch im eigenen Lande zu Wort kommen zu lassen!

Tom Bresemann, geboren in der Hauptstadt der DDR lebt er mittlerweile in der Hauptstadt der Welt: Neukölln. Sein zweiter Gedichtband „Berliner Fenster“ ist soeben erschienen. Come in and find out!

VITEN & GEDICHTE

SCHULTENS

„Schultens’ Verse bleiben haften, ohne klebrig zu sein. So oft sie auch überfordern, so oft fordern sie zum Nachdenken heraus. Diese Lyrik ist noch auf dem Weg begriffen, entwickelt sich aber unaufhörlich fort. Wie ein Fahrzeug, das sich ohne weiteres Eingreifen von außen geradeaus bewegt. Das ist ja schließlich auch die Definition des Begriffes Gierstabilität. Einen besseren Titel hätte der Band nicht haben können.“ (Junge Welt)

Katharina Schultens, geboren 1980 in Rheinland-Pfalz, arbeitet seit 2006 als Forschungsreferentin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Diverse Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien (zuletzt ostragehege, randnummer, shampoo, bella triste, Lyrik von Jetzt II, Neubuch). 2004 ein Debütband im Rhein-Mosel-Verlag; 2011 als zweiter Band  „gierstabil“ im Wiesbadener luxbooks-Verlag. Preisgeld gabs auch, besten Dank: 2005, 2007 und 2009.

forum

um zu sprechen, vergiß zunächst alle, die diesen luxus nicht haben. erinnere dich
erst ganz am schluß. dazu später. vergiß (unvollständige liste): traumata – kindliche
inklusive – , ehemalige wie zu erledigende lieben + sorgen, dieses eine geringfügige
scheitern, das sich später als entscheidender punkt erwies, tod angehöriger und
geburt etwaiger kinder, gib überhaupt dein geschlecht ab: falls du mitten im raum
stehen solltest, wirfs nach hinten, es fängt garantiert wer, den bügel zur anderen
hand, es dir anschließend überzuziehn. die schönheit, falls du sie trägst, leg ab
falls dein spezifisches alter sich mit überzeugung zu wort melden sollte, im rahmen
von erkenntnissen darüber, was jeweils jüngere unbedingt wissen müßten, dann
ignorier es, mit überzeugung und selig. ignorier auch den impetus zur wiederholung
schieb die emphase zur seite, spar die evokation jedweder baratmosphäre oder des
zugehörigen kippens vom hocker ins bett: fort, laß bloß nicht bleiben, sondern sein
und unter diesen voraussetzungen, die ich kurz mal bezeichnete als: entferne
den schutz – steh nicht im akkord, der dann einsetzt. laß die trance denen
die sie beherrschen. sprich, was dann übrig, bestenfalls denen, die übrig
(s.o.) aus.

TROJAN

Ein kleiner zusammengekauerter König ziert das Cover. Das kann trügen. Denn die Gedichte der studierten Amerikanistin und Journalistin sind nicht märchenhaft, nicht romantisch. Und eigentlich auch nicht lyrisch. Was wohl tut, wenn man sich an sich einmal wieder den Magen verdorben hat mit gezuckerter deutscher Lyrik. (Leipziger Internetzeitung)

Sandra Trojan, geboren 1980 in Winterberg. Studium der Amerikanistik, Journalisik und Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Leipzig, anschließend am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Arbeitet als Autorin und Übersetzerin und unterrichtet kreatives Schreiben an Schulen. Derzeit ist sie Stipendiadtin des lcb.

Ihr Debüt ‚Um uns arm zu machen‘ erschien 2009 im Verlag poetenladen.

Läutern // Zu müde in Bienen zu sprechen
Ich sollte ganz einfach sprechen: von dir, und von mir, Pathogenen.
Von Lippen, schlaff hängenden Netzen, von letzten Worten
ins Dunkel gemurmelt: Machs gut. // Machs gut.

Ein wachsbeflecktes Wort deckt jedes zweite Bild ab.
Ich will doch nur gewahren, was darunter liegt:

ein Zwang, der die Mundhöhle infiziert
eine Litanei, die meist auf Assonanzen stößt.

Nie hört es auf: Zu tief hast du die Akkorde
mit deinen Händen gehämmert, geborgte Worte, spitz
wie Meißel, nur nicht so wahr. // Und endlich zu den Bienen:

nicht von Natur aus garstig, nur ihr Terrain bewahrend
mit Tendenz zum Jähzorn, ist die Dame dahin oder fort //

ist was ich schrieb, aber wurde so müde, so elend mir
von ihrem Dröhnen, dass ich die Wange gegen die Tischkante rieb

// und weinte.

BRESEMANN

Bresemanns Kritik an den Verhältnissen ist subtil – und vor allem poetisch. (Berliner Literaturkritik)

„Das ist schlechter als drittklassiger Poetryslam“ (Raoul Schrott bei der Endrunde des Leonce und Lena Preises 2011)

Tom Bresemann, geboren 1978 in Berlin, Lettrétage und S³ LiteraturWerke Mitbegründer, Herausgeber, Übersetzer, Hundebesitzer, Krawattenträger, Espressosuchtgeschädigter etc. (diese fläche steht nun ihrer werbung frei)

aktuelles Buch: Berliner Fenster (Berlin Verlag) // berlinerfenster-gedichte.de

wenn
                          Auf das Notwendige kann ich verzichten.

wenn ich reich bin ziehe ich nur noch 100%
rein zerstoßenes geld durch die nase.

wenn ich reich bin baue ich kein haus,
ich kauf mir eure.

wenn ich reich bin gestatte ich nur noch apartesten
gleichnissen meiner langweile ausdruck zu verleihen.

exquisite buffetstrecken voll ausgestorbener
köstlichkeiten werde ich, wenn ich reich bin, veranstalten.

wenn ich reich bin werde ich auch schwul.

alle werden mich lieb und teuer halten
denn ich werde verstehen die leere auszukosten.

außerbetrieb: Covering Covering Onetti (+ Workshop: Autoren im Horrorfilm)

23 Sep
Junge deutsche Autorinnen und Autoren setzten sich mit Erzählungen des uruguayischen Autors Juan Carlos Onetti auseinander. Das Ergebnis war neue eigenständige Literatur, die 2009 im Band Covering Onetti des Verlags Lettrétage erschien. Wir erneuern Onettis Aufruf nochmals: „Klaut, wenn nötig. Lügt immer.“ Aus den Dieben werden jetzt Bestohlene: Die an Onetti angelehnten Texte werden wiederum neuen Lügnern zur Vorlage. Für den literarischen Mundraub sind diesmal zuständig: Mario Apel, Roman Israel, Silke Eggert und Tom Müller.
Welchen Texten dabei in die Hosentasche gegriffen wird, das bleibt eine Überraschung, die sich allerdings am Samstag, dem 24.09. ab 19h30 in der Lettrétage (Methfesselstraße 23-25) Wohlgefallen auflösen wird. Für nur 5€/3€ ermäßigt kann man Zeuge werden, wie die von Onetti ausgehende Traditionslinie sich beständig ihren Weg bahnt. Onetti nicht gelesen? Covering Onetti nicht gelesen? Das muss ja kein Hindernis sein: Vorkenntnisse werden nicht an der Tür abgefragt und sind bei der Lesung höchstens Bonus – wichtig sind ja die Texte.
Wer trotzdem auf Onettis Spuren bzw. den seiner Grabräuber/innen wandeln möchte, für den hat die Lettrétage was: Ein Gewinnspiel, Covering Onetti – empfohlen übrigens vom Literaturnobelpreistäger Ihres Vertrauens – ist zu gewinnen! Diese simple (d.h.: googlebare, aber psssst:)
Wie heisst die Stadt, die sich als roter Welt-Faden durch fast alle literarischen Werke Juan Carlos Onettis zieht?
Bitte Antwort an: info@lettretage.de
Frage beantworten und den Gewinn morgen Abend abholen! Wir freuen uns.
Außerdem: Unser Workshop „All work and no play“: Autoren im Horrorfilm hat noch ein paar vakante Plätze. Kurzfristige Anmeldungen sind noch möglich (Mail an g.less [at] web.de), aber nicht zwingend notwendig: Einfach am Sonntag, dem 25.09. um 17h in der Lettrétage aufkreuzen, Kittel und Vinylhandschuhe nicht vergessen, 5€ Teilnahmekosten (einmalig) und dann werden Knochensäge und Tintenfüller angesetzt. Ab 18. Ganz ernsthaft.
Weitere Termine (keiner davon verpflichtend):
Donnerstag, 29.09., 17h-21h
Sonntag, 09.10., 17-21h
Freitag, 14.10., 19h30: Große Abschlusslesung