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KREUZWORT am 11.02.: BÜLHOFF, DURAJ und VOGEL

6 Feb

Hümmelhülf, schon wieder ein Monat um! Die Zeit rast und wir stolpern hinterher. Aus den Taschen fallen uns Erinnerungen an die letzten schönen Lesungen, aus dem Haupthaar grausilberne Strähnen. Aber ihr wollt ja gute Literatur hören, immer mehr und immer mehr. Und uns ist das auch recht – als Bonus gibt’s ja sogar noch soziale Kontakte dazu. Wowsi! Wer also mit uns über unsere Lieblingskatzenmemes sprechen will, eine Runde deliziösen Gin Basil Smash schmeißen will oder doch lieber der Hauptsache, der guten Lesung wegen kommt, sei herzliebst dazu eingeladen, uns am 11. Februar im Damensalon in der Reuterstraße 39 (U Hermannplatz oder Schönleinstraße, Busse gibt’s auch) zu besuchen!

Wir werden ab 20 Uhr dort sein um euch die 3€ Eintrittsgelder und gegebenenfalls den einen oder anderen Doktortitel abzunehmen. Seid auf der Hut! Zwei, drei Biere später werden Andreas Bülhoff, Richard Duraj und Mikael Vogel dann mit Lyrik verwöhnen. Vorgeschmack auf Personae und Poetery? Gerne doch! Sollten die Bilder übrigens falsch dargestellt werden: Klick drauf dürfte den Lesegenuss erleichtern/-möglichen.

Andreas Bülhoff fabuliert fabulös über seinen Lebenslauf: „zur biografie: was willst du da haben? studium und sonen quatsch? publikationen kennst du ja quasi eh schon alle… vorher hab ich halt in göttingen studiert und dort ein volo im literarischen zentrum gemacht… (finde ich aber eher nicht erwähnenswert…). geboren bin ich 1987 in gladbeck und aufgewachsen in essen und hamm. falls du noch irgendwas anderes wissen willst, schreib mir nochmal.“ Publikationen kenn‘ ich wirklich! Zuletzt zum Beispiel in der famosen randnummer und diverse Übersetzungen für den fantastischen Verlag luxbooks sollten ebenfalls nicht unterschlagen werden.

Bülhoff

Richard Duraj kam wohl nicht dazu, uns über sein bisheriges Leben aufzuklären, was aber nicht weiter schlimm ist. Wir vermuten, dass er nach seiner Geburt in Polen eigentlich schon den Weg nach Berlin aufnehmen wollte, allerdings mit zuviel Anlauf und etwas Linksdrall bis nach Tübingen weitersauste. Auch der Rückweg schien sich problematisch gestaltet zu haben: Es ging wieder nach Polen. Mittlerweile ist er aber im Herz der Finsternis (Berlin) angekommen und wohnt ungefähr fußläufig von uns entfernt. Mittlerweile „lebt und schreibt er“ also, wie das immer in den Biografien ferienhausloser SchriftstellerInnen heißt, in Berlin. Veröffentlicht hat er anderswo, ebenfalls randnummer und diverse andere. 

UpdateRichard hat uns noch mehr Infos rübergefaxt! Per Faxbook!

Richard Duraj, in den Achtzigern in Polen geboren, in den Neunzigern in Esslingen aufgewachsen, wohnt in Berlin. Schreibt Gedichte. Veröffentlichungen in Zeitschriften, u.a. Randnummer, Edit, Die Horen.

duraj

Mikael Vogel (*1975) schreibt vorrangig Lyrik, daneben Prosa. 2002 erhielt er das Hermann-Lenz-Stipendium. Bislang sind von ihm neben zahlreichen Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien drei Gedichtbände erschienen, zuletzt ‚Massenhaft Tiere‘ im Verlagshaus J. Frank Berlin. 2010–11 Redakteur der Künstlerzeitschrift ‚Prolog – Heft für Zeichnung und Text‚, Berlin. Zahlreiche Lyrik-Übersetzungen aus mehreren Sprachen, z.B. T.S.Eliot, Sylvia Plath, Shelley, Michelangelo, Rimbaud, e.e.cummings.

Vogel

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KREUZWORT(WECHSEL) am 14.01. mit GAUSE, VOIGT und ALBAN NIKOLAI HERBST

8 Jan

Begrüßung, semi-witziges Parlando, Wetter, tagesaktuelles Geplänkel, die Wulffs/Augstein, popkulturelle Referenz, jetzt endlich der Hinweis auf den nächsten Kreuzwort-Abend:

Am 14. 01. 2013 im Damensalon in der Reuterstraße 39, wie immer müsst ihr 3€ Eintritt bezahlen (der nicht in unsere Taschen fließt), wie immer legen wir nahe, ab 20h einzutrudeln, um noch gemütlich Kaltgetränke zu konsumieren und des Anfangs der Veranstaltung zu harren, die von u.g. Personen bestritten wird:

Romina Voigt und Moritz Gause bringen auch mal Jutebeutel (der wie jeder gute Jutebeutel aus Baumwolle besteht) mit ISBN unters Volk. Einfach, weil sie da Bock drauf haben. Straight outta Jena betreiben die beiden Wortwechsel und versprechen, junger Literatur in Thüringen ein Forum zu geben. Jetzt kommen sie nach Berlin – is doch schon so’n bisschen zynisch!? Was würden Kraftklub dazu sagen? (Hoffentlich nichts.) Aber keine Angst, Thüringen: Die sind nur zu Besuch, um hier zu lesen und zu representen. Die habt ihr bald wieder. In der Zwischenzeit dürfen wir uns eben an ihnen erfreuen. Ge? No!

Und die beiden bringen auch gleich jemanden mit. Der kümmert sich sonst vornehmlich um sein(en) Blog und straft mit seinem literarischen Projekt das Deppenfeuilleton* Lügen, wenn dieses mal wieder den Status erlabern will und drauf hinweist, dass sich Literatur noch nicht so recht ins Netz traut – und das seit übrigens 2004. Alban Nikolai Herbst befindet sich seinem letzten Eintrag zufolge bereits in Berlin und nahm um 20.33h eine S-Bahn (die bestimmt um 19.23h Abfahrt gehabt hätte – voriges Jahr. Mit Zielrichtung BER.). Wir begrüßen ihn recht herzlich, freuen uns auf ihn, Romina und Moritz und euch!

*Zugegeben: Das passiert theistischer Entität sei Dank selten.

 

Romina Voigt, 1985 im Thüringer Wald geboren. Studierte in Jena Literaturwissenschaft und Philosophie. Preisträgerin des Jungen Literaturforums Hessen‐Thüringen. Zusammen mit Moritz Gause Organisatorin der »ESP – Sprunghafte Lesereihe Weimar« und der »Lautschrift«‐Lesereihe in Jena. Seit 2011 ebenfalls mit Gause Leitung des Veranstaltungs- und Vernetzungsprojektes „Wortwechsel – Junge Literatur Thüringen“. Veröffentlichung von Gedichten in Zeitschriften und Anthologien. Im Dezember 2010 erschien ihr Debütbändchen »hemma« bei der Literarischen Gesellschaft Thüringen in Weimar.

Einen Steinpilz, eine Taubenklaue

als Konrad gehäutet wurde
legte Martin mir
einen Steinpilz
auf die Fensterbank
eine Taubenklaue, eine halbe
Tube Putzi
ließ er mir da
als Martin verschwand
aß ich allein in meinem Schrank
die Zahnpasta

Moritz Gause, 1986 in Berlin; 2006-2012 Studium der Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft in Jena. Dreimaliger Preisträger des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen; 2011 Auszeichnung mit dem hr2-Literaturpreis. Gemeinsam mit Romina Voigt Organisation der Jenaer Lesereihe Lautschrift, der ESP – Sprunghafte Lesereihe Weimar und seit 2011 Konzeption von Wortwechsel – Junge Literatur Thüringen (Veranstaltungen, landesübergreifende Vernetzung). Im Dezember 2012 erscheint das schmale Debütbändchen „Cahn-Ingold-Prelog-Konvention“.

Nach einer Lesung

in fremder Stadt um den Bahnhof streunen
die nackten Trambahngleise entlang
in die leerstehenden Ladengeschäfte linsen
abends, bei Mc Donalds in den Bahnhofspassagen
billig geschminkte Großstadtmädchen, wenn noch Zeit bleibt
nach draußen gehen auf eine Zigarette
und zwei, drei Worte wechseln mit dem Bahnhofspersonal
– Na, heut spät geworden, gell?
– Danke, ja, schönen Feierabend noch!
– Ach, danke, dauert noch…
– Na, ich muss auch noch fahren, Stunde.
– Na!
– Na…

später in den Zug steigen, der bereitgestellt
auf niemanden wartet, nicht mal
auf die Abfahrt, ein Ziel habe ich
wenn der Zug auf halber Strecke ist
zu wissen, dass Du wartest aber, auch schlafend
ist schön

zwischen Blondierten und Schwarzgefärbten mit Asti
und den biertrinkenden Typen, die auch
auf jeden Kleinstadtbahnhof passen, zwischen Zeitplan
und Nichtstun und den Businessmenschen im eingebildeten Stress
das ist ein bißchen wie Freiheit
kurz nach 11 Uhr abends, nach einer Lesung
in fremder Stadt

Alban Nikolai Herbst wurde nach einigen Auslands- und Gefängnisaufenthalten 1981 als Ghostwriter für Hans Erich Deters mit dem Prosabändchen „Marlboro“ geboren. Da war er 26 Jahre alt. Unterdessen gilt er als Verfasser von sieben Romanen und ein paar Erzähl- und Gedichtbändchen, sowie zahlloser Kurzgeschichten, Polemiken, Kritiken, Poetologien und poetischer Features.

Alban Nikolai Herbst ist Mitglied des P.E.N.-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland. 1995 erhielt er den Grimmelshausen Preis und den Rom-Preis der Villa Massimo, 1999 den Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar. 2000 Writer in Residence an der Keio-Universität Tokio, 2006 Jahresaufenthalt in der Villa Concordia Bamberg, 2007 Berufung auf die Poetik-Dozentur der Ruprechts-Karls-Universität Heidelberg.

Wir haben zu töten verlernt.

Wir haben zu töten verlernt
den Buhler aus der Schale zu brechen

das Leben fährt rechts, oder links,
in den Ländern der Demokratie

streift das haftende Fleisch
vom Rechen, der rächte

stellvertretend die Terrarienkunde
ein Grundrecht von Fröschen

die, ermüdete Flatschen, erwarten
daß aus dem dröhnenden Schachtelchen

ein fernes Geschwader der Panik
als Futter zu ihnen hereinkippt.

Kreuzwort am 08.10: Hanna Lemke, Marie. T. Martin, Tom Schulz und Ron Winkler

28 Sep

Das Leben hat leider keine opening themes, deswegen kommen wir gleich zum Punkt: Tom Schulz bringt ein neues Buch raus, es heißt Innere Musik und er wird daraus am 08.10. bei Kreuzwort im Damensalon in der Reuterstraße 39 in Berlin-Neukölln vorlesen. Begleiten werden ihn Hanna Lemke, Marie T. Martin und der frenetische Ron Winkler. Nicht nur geistig, sondern auch textlich respektive leserlich und… Ihr wisst schon! Ihr seid auch dabei: Ab 20h und mit 3€ in der Tasche, die ihr endlich loswerden könnt, wenn ihr in unsere geldgeile Umarmung lauft. Wir freuen uns. Nach den Credits können wir dann noch alle mit einem Bier im Bauch Toms Buch und/oder seine Person feiern, oder das Leben oder eben einen bezaubernden Abend. Wird schön

Hard facts & running order:

Hanna Lemke, geboren 1981 in Wuppertal, studierte von 2002 bis 2006 am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. 2010 erschien ihr Debüt, der  Kurzgeschichtenband “Gesichertes” im Verlag Antje Kunstmann. 2011 die Erzählung „Geschwisterkinder“. Sie lebt in Berlin.

Auszug „Geschwisterkinder“ (Erzählung), Verlag Antje Kunstmann 2012:

„Meinst du, wir waren als Kinder auch schon so, wie wir jetzt sind?“, fragte Milla. 

„Schwer zu sagen.“ Ritschie schaute sie an, eindringlich, als würde er in ihrem Gesicht Spuren von ihrem Gesicht als Kind suchen. „Ich erinnere mich noch daran, wie du ausgesehen hast, als du neu geboren warst“, sagte er. „Du hattest diesen Marienkäferstrampler an. Du hattest ein ganz rotes Gesicht. Und ich weiß noch, dass ich dachte, dass du noch gar nicht aussiehst wie ein Mensch.“

Marie T. Martin, geboren 1982 in Freiburg, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und absolvierte eine Ausbildung zur Theaterpädagogin. Sie lebt in Köln. 2007 erhielt sie den Förderpreis des MDR-Literaturwettbewerbs und 2008 das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium. 2010 war sie Stipendiatin der Stadt Köln in Istanbul. Nach ihrem Erzählband Luftpost (poetenladen 2011) erschien 2012 mit Wisperzimmer ihr Lyrikdebüt im Poetenladen Verlag.

Heute nicht heute geht der Wind so komisch
alle Zitronen im Kreis beginnen zu leuchten
heute nicht heute liegen Waren auf dem Laufband
zur Kasse du hast wohl das meiste davon gekauft
darunter den Fisch mit den schillernden Flossen
das luftdicht verpackte Kraut ohne Namen
heute nicht heute sind die Tüten mit Wasser gefüllt
hängt wirklich ein Farnstrauß am Mantelhaken
und Regen Limetten der windstille Ort dort drüben
im Flur sieht dich die Katze dort schaffst du den Weg
zur Küche nicht mehr dort sieht dich am frühen Abend
die Katze und schließt deine grünen Augen zu schnell

Tom Schulz, geboren 1970 in der Oberlausitz, aufgewachsen in Ostberlin, lebt in Berlin. Von ihm erschienen sechs Gedichtbände, zuletzt: Innere Musik, 2012 im Berlin Verlag. Der Kurzprosaband: Liebe die Stare. Verlagshaus J. Frank, 2011.
Mitherausgeber der Kneipenbuchreihe im Berliner Taschenbuch Verlag sowie der Anthologie „Alles außer Tiernahrung – Neue politische Gedichte.“
2010 erhielt er den Bayerischen Kunstförderpreis für Literatur.

Nahe der Alten Oder

wir kamen an den See, ein Kranich
Schlafplatz, im Herbst sahn wir
den Köder auf dem Blinker
die Welt im Nebel, falsche Hatz

auf einer Campingliege: ein Körper
vage, ohne Wille, müde; die Fliege
in seinem Gesicht, einen oder zwei
Tage klüger als der Menschenangler

wir wissen nicht, wie der Gesang
in einem Schwan anschwillt, hat er
sich aufgeplustert, ein spanischer
Infant mit Rüschen…

weißer Halskrause; rief ich dir
in den Röhricht nach, das Wasser
ist nicht tief… die Flatterbinsen

verglichen wir unsre Schnatterlaute

auf einem Smartphone, das zu
versinken schien, erkannten
dieses Zischen, Zischeln, jenes Futter
Betteln auf dem Vogelstimmen-App

die Kähne mit den Kohleschiffern
lauschten wir still der Dommel
auf dem Grund schwammen im flachen
seichten Schlamm Karauschen

Ron Winkler, 1973 im Bezirk Gera geboren und aufgewachsen mit Blick auf fremde Äpfelbäume und einen Bergsturz.
Sechsjährige Ausbildung zum Judoka, sporadische Teilnahme an der Schülerakademie (»Tarnung, Warnung und Signal: Die Farben der Tiere«) und mit einsetzender Adoleszenz Engagement in den FKR Literatur und Sozialistische Landesgestaltung (Pflege eines Orchideeotops).
Diverse Besuche der Großeltern mittels eines Ikarus 66. Ungesühnte Straftaten: Inbrandsetzung einer Mülldeponie (Zetti-Süßwaren-Tüten-Fehldrucke, Chemikalien, künstliche Nieren, Hausmüll).
Ron Winkler hat eine Leerstelle für Torp und widmet sich neuerdings der sinnlichen Katzendokumentation.

Einen Text Rons kriegt man auf Klick hier, kurze Peter Maffay-Reminiszenz nicht ausgeschlossen. (Text entfernt, wer zu spät kommt, den bestraft Peter Maffay! Wusste schon Boris Gorbatschow)

Saisonfinale am 28.05. mit KRAUS, UNGER & SCHMID

21 Mai

Ende Mai 2012, Berlin-Neukölln: Ein schandhafter Fall emotionaler Erpressung. „Wer jetzt allein  ist, wird es lange bleiben / wird wachen, lesen, lange e-Mails schreiben, / wird in der Hermannstraße hin und her / unruhig wandern, wenn die Blätter treiben“. Oder so. Auf jeden Fall: Für Geselligkeit bleibt nur noch ein Termin! Am Montag, dem 28.05. wird der grandiose Damensalon uns zum vorerst letzten Mal in seinen heiligen Hallen in der Reuterstraße 39 begrüßen, die lautstarke Schwingtür wird sich um 20h öffnen, losgehen wird es etwas später.

Wir werden zwar auch während unserer ausgedehnten Sommerpause mittellinksunten am Tresen unserer Neuköllner Lieblingskneipe zu finden sein – die bleibt ja geöffnet – aber bis Spätsommer/Frühherbst gönnen wir uns eine Auszeit und lassen euch den Affen des Literaturentzugs spüren. Für einen letzten Kick haben sorgen am kommenden Montag noch einmal Dagmara Kraus, Walter Fabian Schmid und Sebastian Unger. Straßenpreis ist 3€ pro Nase, festes Schuhwerk ist kein Muss, Interesse optional (und damit meinen wir: optimal!). Also kommt noch mal und feiert richtig hart mit uns, bevor wir dann um kurz nach Mitternacht richtig hart unsere Sachen packen und die Hacken hart in den Teer rammen, weil die letzte Bahn kommt, schließlich werden wir am nächsten Tag wieder arbeiten müssen. Up the punx! 

 

Dagmara Kraus, 1981 in Wrocław geboren, studierte Komparatistik und Kunstgeschichte in Leipzig, Berlin und Paris und Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut. Soeben ist “kummerang”, ihr Debüt, bei kookbooks erschienen sowie eine Auswahl von Gedichten Miron Białoszewskis in ihrer Übersetzung bei Reinecke & Voß.

Walter Fabian Schmid, geb. 1983 in Regen, studierte 2005-2011 Lehramt und Diplom-Germanistik in Bamberg. Arbeitete währenddessen als Schauspieler, Stadtführer und Tutor. 2008-2011 Redakteur des Literaturlabels poetenladen in Leipzig.

Calwer-Hermann-Hesse-Preis 2010 als Mitredakteur der Literaturzeitschrift poet, nominiert für den Leonce-und-Lena-Preis 2011 und den Lyrikpreis München 2011. Lebt derzeit in München und organisiert gemeinsam mit Tristan Marquardt die Lesereihe „meine drei lyrischen ichs.“

Sebastian Unger:
– geb. 1978 in Berlin
– studierte am DLL und Kulturwissenschaften in Frankfurt/Oder
– Lyrikpreis des Open Mike 2011
– lebt in Berlin

KREUZWORT am 07.05.: GOLYNKO & KISSINA (mit Übersetzungen von FILYUTA)

3 Mai

Man muss nicht gerade Gauss sein, um bis hierher rausgefunden zu haben, dass unsere Lesungen eigentlich immer am 2. und 4. Montag jeden Monats stattfinden. Manchmal jedoch machen wir eine Ausnahme, wie zum Beispiel wenn Osterfeiertage sind oder aber, wenn gerade Dimitry Golynko in der Stadt ist. Und wenn wir die Chance haben, Julia Kissina bei uns zu begrüßen. Und Alexander Filyuta seine und Steffen Popps Übersetzungen von Dimitry und Julia bereitstellt. Deshalb haben wir uns also zu einer kleinen, zwischen geschobenen Veranstaltung am Montag, dem 07.05. entschieden. Eintritt ist wie immer ab 20h, der Spaß kostet wie immer 3€ und natürlich residieren wir wieder im Damensalon in der Reuterstraße 39, weil es dort einfach die besten Drinks gibt. Wenn wir ganz ehrlich sind: Die Vorstellung, direkt am 14.05. schon wieder dort zu sein ist doch eine schöne. Aber zuerst sehen wir uns am 07.05. mit russischsprachige Literatur und deutscher Übersetzung!

Dmitri Golynko wurde 1969 in Leningrad, UdSSR, geboren. Nach dem Studium der Kunsttheorie und Russischen Literatur promovierte er mit einer Arbeit über die russische Post-Avantgarde des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Er war 2004/2005 für zwei Jahre Gastprofessor am slawischen Institut der Cheongju Universität in Südkorea und ist zurzeit Forschungsbeauftragter am kunstgeschichtlichen Institut St. Petersburgs. Neben der Auseinandersetzung mit Film- und Medientheorie, die er unterrichtet, zeichnet er für zahlreiche Essays zu Themen der zeitgenössischen Kunst und Literatur verantwortlich, die in renommierten Zeitschriften Russlands erscheinen.

Hier ein Ausschnitt aus Дмитрий Голынко, in der Übersetzung von Steffen Popp und Alexander Filyuta zu Deutsch Das Phasenverschobene

Дмитрий Голынко

Сдвинутое по фазе

1

сдвинутое по фазе метит попасть впросак

но промахивается, десятилетье, начавшись

осамой бен ладеном, нудно и беспонтово

завершается ассанжем, гоняя коктейли

на шестьдесят каком-то этаже небоскреба

с формами цилиндра, усеченного и повсюду

зеркального, поперхнуться, хаяттов и марриотов

наворотили до самого горизонта, сгореть

ему со стыда за позу миссионерскую, щебечет

президентский твиттер об улучшении условий

для бизнеса, если выпала робинзонада, ее отбыть

уместней в черте мегалополиса, балл набран

2

сдвинутое по фазе сверяется по часам

с тоже сдвинутым, но не настолько, оно не успело

подсуетиться, опоздало вскочить на подножку

отъехавшей истории, среди розовых пантер

себя не запятнало разбоем, схватить родимчик

не удосужилось, плевелом не легло под комбайн

хлебоуборочный, проморгало важный момент

превращения милой девушки с тишайшим

нравом в отъявленную crazy bitch, хотя процесс шел

как по маслу, теперь копипастит что подвернется

из давно перепощенного, растет частота попаданья

в число партизан приморских, на пары разбились

3

сдвинутое по фазе держит равненье на

дышащее неровно, всяк сюда нисходящий

оставляет снаружи, жутко, за руку чуть не

поймали, паррезия, скорая на язык, бодрит

одного паррезиаста,  гнилостная петрушка

вышла с материальной помощью, выданной

на отпуск, мимо промчалось на всех парах

и отмучилось быстро, кусака тявкает, укурок

посягает на собственность, парочка перегрелась

разруливая отношенья, обветренный носик

у любопытной сопливится, высмаркивая ноздрю

и куда ни надо суясь, каждый жест взвешен

4

сдвинутое по фазе гурманствует чем придется

при пустом холодильнике, ломает его наполнить

содержимым, еботней органики иль ядреным

вырви глаз азиатским соусом, не первая полтаха

раздавлена втихую, задумчиво долдоня

о приближении того что дальше, гудит на пару

с ошпаренным опытом жизни, не просыхая от пота

сторучьевого, укутанная в пелеринку

благородная старость трясет поджилками перед

ртом неблагодарной юности, и похлеще видали

если погуглить, доведя себя до цугундера

пробавляется ингаляциями, в рассоле размокло

.

.

.

Dmitry Golynko

das Phasenverschobene

 

1

das Phasenverschobene peilt eine Schieflage an

und verfehlt sie – das Jahrzehnt, begonnen mit

Osama bin Laden, endet witzlos mit Assange – 

Cocktails schlürfend im sechzig plus x-ten Stock

eines Wolkenkratzers, abgeschrägte Zylinder

endlos sich spiegelnd, Hayatts und Mariotts

Husten auslösend hingetürmt bis zum Horizont

für diese Missionarsstellung soll er vor Scham

versinken, der Twitter des Präsidenten zirpt

von Business-Erleichterungen, evtl. auftretende

Robinsonaden besser in den Grenzen der Mega-

lopolis aussitzen, Mindestpunktzahl erreicht

2

das Phasenverschobene gleicht die Uhr mit einem

anderen Verschobenen ab, doch nicht exakt –

es kam nicht zurecht, verpasste den Sprung aufs

Trittbrett der Geschichte, abgefahren, befleckte

sich nicht mit Raub bei den Rosa Panthern

entging dem Schlaganfall, kam nicht wie Lolch

unter den Mähdrescher, verschlief den Moment

der Verwandlung einer netten Sanftmütigen

in eine crazy Bitch, obwohl der Prozess wie

Klinge durch Butter lief, jetzt copypastet das Erst-

beste aus zigmal Gepostetem, die Beitrittsrate

der Primorje-Guerilla steigt, in Paare eingeteilt

3

das Phasenverschobene richtet sich nach dem

stockend Atmenden, die ihr hier eintretet, lasst alle

fahren, beängstigend, wie in flagranti ertappt

Parrhesia, zungenfertig, befeuert Parrhesiasten

die schlampige Quitte ging mit einer Sonder-

zahlung für Urlaub raus, was mit Volldampf

vorbei rauschte, segnete schmerzlos das Zeitliche

der Beißer bellt, der Kiffer greift nach dem

Besitz, das Pärchen überhitzte sich beim

Regeln der Beziehung, das windrauhe Näschen

einer Spannerin läuft – Schnäutzen – steckts

in fremde Wäsche, jede Geste gewogen

4

das Phasenverschobene schlemmt das Erstbeste

bei leerem Kühlschrank, drückt sich davor, ihn

zu füllen, mit einer Biokotze oder der atomaren

– Rachenputzer – asiatischen Sauce, etliche Shots

schon im Stillen gekippt, nachdenklich brabbelnd

vom Nahen des Kommenden, pfeift unter Dampf

abgebrühten Lebens, in hundertströmigen Schweiß

gebadet, in eine Pelerine gehüllt, zittert das

würdige Alter am ganzen Leib vor dem Mundwerk

respektloser Jugend, es gibt Krasseres zu sehn

beim Googeln, vor die Hunde gegangen, zufrieden

am Inhalator nuckelnd, in Salzlake aufgeweicht     

.

.

.

Julia Kissina (russisch Юлия Дмитриевна Кисина Julija Dmitrijewna Kissina; * 1966 in Kiew, Sowjetunion) ist eine russische Künstlerin und Schriftstellerin. 

Als Künstlerin ist sie durch ihre Fotografien bekannt geworden. Sie studierte in der Akademie der bildenden Künste in München. In den 90er Jahren entwickelte sie das Verfahren der „performativen Fotografie“ und führte eine Reihe von künstlerischen Aktionen durch, u.a. „Kunst und Verbrechen“ auf dem Polizeirevier 4/42 in Berlin (2003) und „Authentic german way to living and enjoying oneself“ auf der Art Berlin (2004). 2006 gründete sie den „Klub der toten Künstler“, der seither in spiritistischen Séancen Gespräche u. a. mit Malewitsch, Duchamp,Repin und Modersohn-Becker geführt hat.

In all ihren Werken konfrontiert sie das Publikum und den Leser mit den Möglichkeiten von Fiktion und künstlerischer Provokation im Alltag.

Julia Kissina lebt und arbeitet in Berlin. Momentan ist sie Stipendiatin des Berliner Senats für Literatur.

Aus: Ausgewählte Gedichte, 2010. Übersetzt von: Martina Jakobsen

23.04.: Präsentation der DLL-Tippgemeinschaft mit FEIBIG, KIRCHMAYER, MADER & MAISANO

17 Apr

Wenigen mag es bisher aufgefallen sein und ich war selbst ziemlich überrascht als ich es erfuhr, aber: Die meisten der Autorinnen und Autoren, die bei uns lesen, veröffentlichen ihre Texte. Und nicht nur so auf Blogs, bei Facebook oder auf den Hauswänden von Neukölln, sondern in Büchern. Wahnsinn. Zum Beispiel kann man jetzt von Tom Bresemann eine Geschichte für ’nen Euro (auch: Teuro, Eurone, Taler, Pinke Pinke, Mark) bei SuKuLTur kaufen, die er irgendwann mal in einer frühen Fassung noch bei uns las. Überhaupt werden diese ganzen Bücher auch gelesen. Und dann schreiben Leute was darüber, wie zum Beispiel im Falle von Mathias Traxler. Der hat auch mal bei uns gelesen, und zwar aus seinem Band You’re Welcome. Ein paar von den Leuten, die damals im Publikum saßen haben sich mit ein paar anderen Leuten, die damals vielleicht auf der heimischen Couch saßen, zusammengetan und bloggen nun über den Band

Ich allerdings blogge hier gerade über KREUZWORT, aber irgendwie komm ich trotzdem von diesen Büchern nicht los: Schließlich haben wir eine Präsentation vor uns: 

Seit zehn Ausgaben steht die Jahresanthologie des Deutschen Literaturinstituts Leipzig für jüngste deutsche Literatur, seit zehn Jahren gibt sie kontinuierlich Einblicke in das Schreiben der Studierenden – 2012 feiert die Tippgemeinschaft also ein rundes Jubiläum.

Anlässlich dieses besonderen Ereignisses wurde nicht nur erstmalig ein Teil der Texte von ihren Autoren eingesprochen, es wurden darüber hinaus auch ehemalige Studierende des Instituts dazu eingeladen, mit aktuellen Texten den Bogen über die Jahre zu spannen.

Vier der im Band vertretenen Autorinnen und Autoren dürfen wir am Montag, dem 23.04. bei uns im Damensalon in der Reuterstraße 39 begrüßen. Eintritt ist wie immer ab 20h und beträgt die gewohnten 3 Teuronen (das ist jetzt neu!). Dafür gibt es vorgetragene Texte von Ulrike Feibig, Ursula Kirchenmayer, Babet Mader und Patrick Maisano, in die hier herein gelesen werden kann:

Patrick Maisano (1977) hat Architektur studiert und 2005 an der ETH Zürich diplomiert. Ab 2009 studierte er im Masterstudiengang des Deutschen Literaturinstituts Leipzig und schloss 2012 mit einem Romanmanuskript ab. Er arbeitete als Autor, Architekt, Bühnenbildner und Performancekünstler an verschiedenen Orten in Europa und in den USA. 

Ausschnitt aus dem Romanmanuskript BASTARDI:

Ja, so in dieser warmen Flüssigkeit, mit geschlossenen Augen. – So, dass du nichts sehen musst. – Einfach so, dass es schön eng ist. – So schön eng, dass du dich nicht bewegen musst. Nicht mal atmen … – Klar, die Nase ist ja zu. – Ich würd’ sagen, die ist eher offen und die Lunge ist voll mit Flüssigkeit. – Genau, die Lunge ist voll mamma. – Voll mamma? – Ja, meine mamma, die mir durch die Nase, durch den Hals, durch die Lunge, ins Blut fliesst. – Wenn du meinst. – Und ich kann nicht ersticken dabei, weil da gar nichts anderes in mich rein kann als meine mamma. Alles in mir ist ausgefüllt von meiner mamma. Meine mamma ist in mir und um mich. Und dazwischen ich. – Vielleicht mit so ein paar wenigen Haaren auf dem Kopf? So Klebhärchen? – Ja. – Allerdings, das ist schon wieder schwierig. Weil, wie sind die denn, deine Haare? – Du meinst, ob die eher blond und gerade oder eher schwarz und gekruselt sind? Oder vielleicht blond und gekruselt? Oder schwarz und gerade? – Eigentlich müssten die ja ähnlich sein wie die deiner Mutter. – Oder sonst wie die meines Vaters. – Oder halt eben ein Gemisch aus den beiden. – Oder halt eben.

babet mader 1982 geboren studiert am deutschen literaturinstitut leipzig seit 2010 und hat schon einiges gemacht

Auszug aus Ich versteh nicht was ihr von mir wollt

wenn man überlegt wie viel zeit man mit aktivitäten verbringt die einen langweilen wie viel zeit auch mit bürokratie und arbeit verschwendet wird gibt es eine aufschlüsselung dafür bestimmt verbringt man 60 prozent seines lebens mit unerwünschten angelegenheiten ich dachte früher das liegt am besitz den man hat und wollte punk werden aber das ist der totale irrtum als punk hast du genau die gleichen probleme viele aktivitäten die langweilen und auch viele unerwünschte angelegenheiten es ändert sich nicht bei den superreichen ist es genau das gleiche oben und unten verbindet die langeweile und das leben das wir leben scheint deshalb so kurz weil wir die meiste zeit mit anderen dingen beschäftigt sind ich habe schiss dass ich erst lebe wenn sich andere menschen um meine angelegenheiten kümmern dann wenn ich mir nicht mal mehr meinen eigenen arsch abwischen kann ich habe versucht mich all meinen verpflichtungen und aktivitäten zu entledigen ich habe versucht genau das zu machen worauf ich lust hatte wenn ich auf etwas lust habe dachte ich bleibt die langeweile aus das geht nämlich nicht dachte ich dass ich mich bei etwas worauf ich lust habe langweile also habe ich mir einen film den ich schon immer sehen wollte ausgeliehen ich habe mein handy ausgemacht und habe mir eine schöne schaumige wanne voll dampfendem wasser eingelassen und dann habe ich mir zigaretten vorgedreht und eine flasche wein geöffnet ich lag in der wanne trank den wein schaute den film rauchte die zigaretten und habe nichts dabei empfunden ich habe nur das bild der perfekten entspannung gesehen ich habe gesehen wie das von außen wirkt es wirkt entspannend wenn man das erzählt weil alle denken gott wie entspannend ich konnte mich überhaupt nicht entspannen ich habe es gemacht wie ich alles mache ich mache es mir gemütlich ich mache mir etwa zu essen ich mache mal ne Pause aber entspannen kann ich so nicht ehrlich gesagt weiß ich gar nicht wie das geht ich habe mich noch nie damit beschäftigt meine eigene form von entspannung zu finden ich falle auf die gesellschaftlich anerkannten formen der entspannung rein vielleicht ist meine form von entspannung wände streichen oder cds sortieren wer weiß das schon die vorgegebenen entspannungsmethoden funktionieren bei mir jedenfalls nicht

theater konzert essen gehen und sex das sind keine relax momente in meinem leben ich mach das alles aber es entspannt mich nicht drogen und feiern auch nicht das ist das anstrengendste was es gibt schlimmer noch als arbeiten oder langstreckenflüge langstreckenflüge sind jedoch das allerschlimmste qualvoll muss der job als stewardess sein das sagt man nicht mehr oder bevor ich in den zug gestiegen bin stand ich lange am hauptbahnhof rum und habe von ganz oben nach ganz unten auf die gleise geschaut als erstes wollte ich unbedingt runter spucken und dann wollte ich runterspringen der boden sah so weich aus wie eine hüpfburg ich dachte vielleicht federt das und ich fliege wieder hoch

Ursula Kirchenmayer wurde 1984 in Lugosch (Rumänien) geboren und lebt in Berlin. Sie studierte Literaturwissenschaft und Romanistik (Spanische Philologie) an der Universität Potsdam sowie an der Universidad Nacional Mayor de San Marcos in Lima (Peru), und unternahm ausgedehnte Reisen durch verschiedene Länder Lateinamerikas. Seit 2010 studiert sie „Literarisches Schreiben“ am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 

(…) Der Vater hatte die Fähigkeit, von einer Sekunde auf die andere aus seinem Sessel zu verschwinden und an einem anderen Tag, in einer anderen Sekunde, in einem anderen Sessel wieder aufzutauchen. Es gab verschiedene Möglichkeiten, das Verschwinden des Vaters zu verhindern. Man konnte sich in seiner Armbeuge verstecken oder unter seinen Pullover klettern, an seinem Hosenbein konnte man sich festkrallen, auch das Zusammenbinden seiner Schnürsenkel hat sich in der Vergangenheit als hilfreich erwiesen. Weiterhin konnte man den Vater auf Trab halten, indem man den blondgelockten Bruder an den Haaren zog, nur übertreiben durfte man es nicht. Sonst wurde man alleine ins Schlafzimmer gesperrt. Und dann half nur das Wippen wieder, der harte und regelmäßige Schlag der Gitterstäbe im Rücken, die kleine Erschütterung im Kopf.

(…)  Jedes Jahr im Sommer trug der Vater die Mutter auf den Armen ins Meer. Zuhause in Deutschland aber haftete allen Gegenständen, Gesten und Blicken eine sonderbare Spannung an. Unsichtbar, wie eine feine Staubschicht, die nur das Kind wahrnahm, hatte sie sich auf die Dinge gelegt: über das geblümte Wachstischtuch zwischen den Eltern zuerst, um dann Besitz zu ergreifen von den Händen des Vaters, die mit schnellen Bewegungen eine Orange schälten und sich dabei beinahe in den Finger schnitten; auch auf die Hände der Mutter, die reglos im Schoß lagen, war sie übergegangen. Eine einzige Unachtsamkeit des Kindes konnte reichen, und die stumme Zweisamkeit der Eltern war aus dem Gefüge gebracht. Das versehentliche Auftreten mit der Ferse vielleicht, ein Bissen mit offenem Mund, ein Wort in Kindersprache. Solange aber der Vater die Mutter durch das Meer trug, dachte das Kind, so lange würde alles an seinem Platz bleiben auf der Welt.

Ulrike Feibig, geboren 1984 in Magdeburg, studierte/studiert Germanistik, Slavistik, Kunstpädagogik, Literarisches Schreiben, lebte/lebt in Magdeburg, Wettin, Quedlinburg, Dresden, Leipzig, arbeitete/arbeitet in einem Kulturzentrum, als Bühnen- und Kostümbildassistentin, als Spielzeug- verkäuferin auf Märkten, als studentische Hilfskraft, im Kinderheim, als Aufsicht in einem Museum, als Kindermädchen und Fischverkäuferin

Miniaturen

Das Kreuztier hinter dem Tuch (1)

Das Kreuztier ist in doppelter Hinsicht ein Kreuztier. Einmal, weil es meinen Weg kreuzt oder ich seinen Weg kreuze. Zudem trägt das Kreuztier ein Kreuz auf dem Rücken. Du sagst: Ich lasse mich doch von Dir nicht aufs Kreuz legen. Das Kreuztier mag das auch nicht. Es stirbt dann.

Das Kreuztier hinter dem Tuch (2)

Das Kreuztier ist in doppelter Hinsicht ein Kreuztier. Einmal, weil es meinen Weg kreuzt oder ich seinen Weg kreuze. Zudem trägt das Kreuztier ein Kreuz auf dem Rücken. Du sagst: Ich lasse mich doch von Dir nicht aufs Kreuz legen. Das Kreuztier liegt hingegen gerne auf dem Rücken. Es zieht die Beine an und wartet. Manchmal mache ich es ihm nach.

Das Kreuztier hinter dem Tuch (3)

Das Kreuztier ist in doppelter Hinsicht ein Kreuztier. Einmal, weil es meinen Weg kreuzt oder ich seinen Weg kreuze. Zudem trägt das Kreuztier ein Kreuz auf dem Rücken. Ich habe gesehen, wie es auf dem Rücken liegt, die Beine anzieht und wartet. Manchmal mache ich es ihm nach.

KREUZWORT am 12.03.: CRAUSS., NEUNER, REICH & SKUDLAREK

6 Mrz

Derweil ich in Japan den Megakapitalismus am eigenen Leib und Konto erlebe, muss sich Carolin in Berlin mit der KREUZWORT-Planung herumschlagen. Da ist es nur fair, dass ich mich auch mal ein wenig um Organisatorisches kümmer und hier die Ankündigung für den nächsten KREUZWORT-Abend am 12.03. übernehme. Exorbitant unfair, dass ich crauss., Florian Neuner, Stephan Reich und Jan Skudlarek verpasse. Sowohl crauss. als auch Skudlarek durften wir zwar schon bei uns begrüßen, da die beiden aber diesmal neue Texte im Gepäck haben wird auch dieses Trostpflaster unzureichend und ein wenig labberig (wie z.B. nach der Dusche, ihr kennt das). Die Reuterstraße 39, in der sich ja der vorzügliche Damensalon befindet (übrigens dringend probieren: Gin Basil Smash! Ich hatte immer Gin Hazel Smash verstanden und dankend abgelehnt… Da sieht man’s mal: Aufmerksam zuhören lohnt sich. Großartiger Drink) ist gut 8.9000km von meiner Bahnstation entfernt und selbst das findige google maps konnte leider keine Route für mich heraussuchen. Umso dringender, dass ihr hingeht und mir berichtet, wie’s war. Nur bitte nicht zeitgleich, schließlich ist ab 20h Einlass, da wäre es hier bereits 4h morgens am nächsten Tag. Und teuer wäre das Telefonat eh, also belasst es lieber bei den 3€ Eintritt – dafür bekommt man hier übrigens einen Salat in Größe einer Kinderfaust und mit dem Geschmack von Löschpapier. Ebenfalls mit Appetizer-Qualitäte ausgestattet und ungleich geschmackvoll übrigens Viten und Probetexte der Lesenden… Hach Kinners, ich verpass was:

crauss.:

(1971) ist ganz aus dem takt geraten, seit er vom städtischen museum als gogo-tänzer engagiert wurde. tingelt seitdem durch verschiedene textspelunken und legt sich, wenn er genug getrunken oder eine lakritzvergiftung hat, mit motorradhelden an. bücher, burschen, bilder und brandaktuelles auf www.crauss.de

(c) marvellous

und kein tag vergeht an dem ich nicht in der küche
mit einer hand am kinn stehend mir wünsche
einmal neues geschirr in den schränken zu finden:
ewig lavendel die wanne das überbordende herz
und lauter verstaubte namen und jungen
mit goldner gravur verzierte mädchen und beide
kann man nicht unterscheiden voneinander
denn hier und dort sind ihnen die ecken zerschlagen
und federn die ich mir ausreisse deswegen
und fertiggeschriebene milch dann viel zu viele
waldspalten die erbmasse brust und slogans
die man nur rückwärts auftischen kann
und im kühlschrank noch nervenschnee der hält sich
ein wenig aber wohin mit den überflüssigen unds
da kann man kompott von machen einen laden von halten!
dann kratz ich das fett von den flächen und denke
dass es einfacher wäre in ein komplett anderes buch
zu ziehen komfortabel mit frisch ausgesprochenen möbeln
und raum für ganz schlichte wieworte und auslauf für verben.
schon fängt aber eines der alten versüssungsgeschirre
zu glänzen wie grossmutter an und blümchenkaffee duftet
wie durchsichtige verse ein schimmern die stube —
dann entscheid ich mich um und bleibe bei meinen
langen zeilen und geniesse aus dünnem porzellan gegossene reime
und nippe mit dem kopf voll klischeezarte pralinen.

Florian Neuner:

https://mail-attachment.googleusercontent.com/attachment/?ui=2&ik=48477596d4&view=att&th=135e23a0b90fc6d4&attid=0.1&disp=inline&realattid=bb70999a3fcc40ab_0.3&safe=1&zw&saduie=AG9B_P-A9-4PvuQAsShq1fCrodAj&sadet=1331015176075&sads=2MHtD5epy6lpDW107d_AGL5M9K8&sadssc=1(*1972), lebt in Berlin. Mitherausgeber von Idiome. Hefte für Neue Prosa. Journalistische Arbeit u.a. für Deutschlandradio. Psychogeographische Studien
im Ruhrgebiet, Teilnehmer der Ausstellung  EMSCHERKUNST.2010. Gemeinsam mit Thomas Ernst Herausgabe der Anthologien Europa erlesen. Ruhrgebiet, Klagenfurt 2009, und Das Schwarze sind die Buchstaben. Das Ruhrgebiet in der Gegenwartsliteratur, Oberhausen 2010. Bücher: Und käme schwarzer Sturm gerauscht, Linz u.a. 2001, Jena Paradies, Klagenfurt/Wien 2004, China Daily, Wien 2006, Zitat Ende. Prosa, Klagenfurt/Wien 2007, Ruhrtext. Eine Revierlektüre, Wien 2010, Satzteillager, Wien 2011.

http://neueprosa.wordpress.com

Leseprobe aus „Satzteillager“  (mehr Informationen zum Buch auf Klick):

da das ein wetter zum arbeiten ist
da das ein wetter zum schlafen ist
da das ein wetter zum saufen ist
da ich in basel verabsäumt habe, mir die ausstellung venedig. Von canaletto & turner bis monet anzusehen
da die zeit zu knapp war
da ich mich nicht aufraffen konnte, nach riehen hinauszufahren & lieber in antiquariaten gestöbert habe
da das wohl eine von diesen kulinarischen ausstellungen ist, die wenig erkenntnis bringen, aber doch freude machen
da ich in vicenza ein merkwürdiges bild von canaletto gesehen habe, auf dem er die rialto-gegend nicht so zeigt, wie sie ist, sondern wie sie seiner meinung nach aussehen sollte – mit einer brücke & palazzi von palladio
da kunst mit einfachen mitteln starke gegenentwürfe liefern kann
da ich in einem fiktionalen text behaupten kann, was ich will
da diese begründungen nicht überzeugen können
da doch alles auf willkürlichen vorentscheidungen beruht
da doch alles auch ganz anders sein könnte
da man das aber immer nur sagen kann relativ zu einem satz, zu einer behauptung
da ich mich zu behaupten versuche
da es manchmal spaß macht, behauptungen aufzustellen
da es manchmal spaß macht, alles wieder umzuwerfen
da man das schreiben als spiel betrachten kann
da das eine abgeschmackte formulierung ist
da es um geschmack nicht gehen kann
da geschmacksfragen aber schwer auszublenden sind
da ich es z.b. nicht aushalten kann, wie manche philosophen schreiben, ohne deshalb ihre theorie grundsätzlich anzweifeln zu wollen – obwohl
da ich z.b. nicht aushalte, wie heidegger schreibt
da ich vielleicht einmal ernesto laclau lesen sollte, wie auch die kommunistische tageszeitung hier vorschlägt
da alexander kluge an marx mehr als dichter denn als ökonom interessiert ist
da es so sicher auch nicht geht
da alexander kluge sagt, daß marx der „dichter unserer krise“ sei
da wahrscheinlich weniger ein dichter als vielmehr eine noch weiter verschärfte krise das ist, was wir brauchen
da sehr unklar ist, wen dieses ‚wir‘ treffen kann, ein- bzw. ausschließt
da ich nichts ausschließen will
da ich mich theoretisch nicht zu weit aus dem fenster lehnen will
da es reichen muß, wenn ich mich ästhetisch aus dem fenster lehne
da ich kein talent zur wissenschaft habe & auch keine geduld
da mir die attitüden & diskursgepflogenheiten der geisteswissenschaftler lächerlich vorkommen
da mich ihre fragen & themen meist auch gar nicht interessieren
da man sich nicht für alles interessieren kann
da ich es mir zu einfach mache
da es dringlichere fragen gibt
da man das immer sagen kann
da sich doch die frage stellt, wer wie darauf vorbereitet sein wird, wenn hier alles zusammenbricht
da ich nicht sagen möchte, ich ich wäre darauf vorbereitet
da gespräche darüber immer wieder im sand verlaufen
da auch andere gespräche häufig im sand verlaufen
da man sich nicht in falscher sicherheit wiegen sollte
da ich mich gestern abend dazu entschlossen hatte, das haus nicht mehr zu verlassen & mit einem glas rotwein am schreibtisch zu sitzen

(S. 94-96)

© 2011 Klever Verlag, Wien.

Stephan Reich, geboren, aufgewachsen, lebt.
Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, zuletzt Wortwuchs Magazin # 5,
randnummer literaturhefte # 4, Jahrbuch der Lyrik 2011, Versnetze Vier, etc. Finalist beim 18. Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin 2010.

in den clubs

fallen die kippen
zu boden
wie patronenhülsen

zeit schiebt sich fort, auf den klos
steht die pisse

sonne, mond
in einer wischbewegung
als winkte was zum abschied
draußen, oben

lass doch bitte
dies winwin
aus den berührungen

halte sie generell
bitte
steril

Jan Skudlarek, *1986 in Hamm, aufgewachsen in NRW und Spanien. 2004
bis 2010 Studium der Philosophie und Hispanistik an der Westfälischen
Wilhelms-Universität in Münster. Literaturförderpreis 2008 der
Gesellschaft zur Förderung der Westfälischen Kulturarbeit (GWK).
Westfälischer Förderpreis zum Ernst-Meister-Preis 2011. Diverse
Veröffentlichungen von Gedichten und Gedichtgruppen. Pendelt zwischen
Berlin und NRW.