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KREUZWORT am 11.11. mit ELZE, KREIPE, SCHULZ & THIES

1 Nov

Wat, schon wieder Kreuzwort? Na gut. Dann legen wir mal los, am närrischen 11.11. diesmal, montäglich wie gewohnt, mit Einlass ab 20h, was einen Beginn um 21h nach sich ziehen wird. Diesmal dabei ein bunter Blumenstrauß von Lyrik mit Carl-Christian Elze, Birgit Kreipe, Kreuzwort-Veteran Tom Schulz und Klaus Johannes Thies. Noch mehr Infos? Na gut: Im Damensalon in der Reuterstraße 39 as usual. Achja, kostet wie immer 3€ Eintritt. Puh, hab ich noch was vergessen? Glaub nicht. Kommt einfach rum, zackig!

 

Carl-Christian Elze, 1974 in Berlin geboren, lebt in Leipzig. Er studierte Biologie und Germanistik, und von 2004-2008 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er schreibt Gedichte, Prosa, Drehbücher und Libretti. Zahlreiche Einzelveröffentlichungen und Beiträge in Literaturzeitschriften und Anthologien wie EDIT, Bella Triste, Lyrik von Jetzt 2, Jahrbuch der Lyrik. Sein letzter Gedichtband „ich lebe in einem wasserturm am meer, was albern ist“ erschien 2013 im luxbooks-Verlag. Für seine Gedichte erhielt er u.a. den Lyrik-Debütpreis Poetenladen (2005), das New York-Stipendium des Deutschen Hauses NY und der Max-Kade-Foundation (2010), und den Lyrikpreis München (2010). Seit 2011 betreibt Elze zusammen mit Janin Wölke, Udo Grashoff, Mario Salazar und Thorsten Frey die Lesereihe niemerlang in Berlin und Leipzig.

 

ich habe fickende fliegen im kopf, ich habe so viele
fickende fliegen im kopf, alles brummt & legt kleine eier.
ich habe dinge zu regeln, wenn ich wieder im haus bin.
wie kann es sein, dass fickende fliegen in mich geraten?
das system muss offen sein. wie liebestoll ist dieses system?
& wenn es offen ist, kann ich mit dem kleinen finger hinein?
& reicht es aus, wenn ich nur einer einzigen fickenden fliege,
während sie fickt, mit dem kleinen finger übers rückenfell fahre
dass es knistert, um selber glücklich zu sein?, weil fickende fliegen
glücklich sind, so steht es geschrieben, & alles glück abstrahlt –

aus:  ich lebe in einem wasserturm am meer, was albern ist. Gedichte. luxbooks, Wiesbaden 2013.

 

Birgit Kreipe, geb. in Hildesheim. Kindheit & Jugend auf dem Land. Studium der  Psychologie und Germanistik in Marburg, Wien und Göttingen, lebt in Berlin. Kurzprosa und Gedichte sind in vielen Zeitschriften und Anthologien erschienen (zuletzt in erostepost, ostragehege, randnummer, lichtungen, zeitzoo; Anthologien:  Die Schönheit ein deutliches Rauschen und Schneegedichte. beide hrsg. von Ron Winkler; Im Heiligkeitsgedränge, Verlag Lettretage, 2011;  Jahrbuch Lyrik 2011, 2013,)

Im Frühjahr 2012 erschien „schönheitsfarm“ im Verlagshaus J. Frank, Berlin

 

nachts rücken die scheunen zusammen, werden zahm

I

hier, wo die blauen luftschiffe aufsteigen
wie soda, war mein acker. unter dem grün
das feld, wo wir licht anbauten
in den jahren des zusammenhaltes
gussmodeln: hier liebesformate
dort kühlpackungen für die verwundeten.
das licht kitzelt noch, wie ein schwarm, auch wenn
das wurzelwerk lange erloschen ist.
bäume, ihr wispern, wie muhmen:
da bist du ja, mein stiefelmädchen
gerstenfeld, mondgesicht, endlich zuhaus!
wir werden leben wie ein orchester, zusammen!
wo die apparaturen erblinden
zischeln vier winde. ich will nicht
ins trudeln geraten, die balance
die blauen luftschiffe, sie gehören zu mir.

 

Tom Schulz, geboren 1970 in der Oberlausitz, aufgewachsen in Ostberlin. Lebt  als freier Autor und Herausgeber in Berlin. Dozent für Kreatives Schreiben. Leitet seit 2011 die Schreibwerkstatt „open poems“ an der Literaturwerkstatt Berlin.

Zuletzt erschienen: Innere Musik. Gedichte. Berlin Verlag, 2012. Kanon vor dem Verschwinden. Gedichte. Berlin Verlag, 2009. Im Frühjahr 2014 erscheint bei Hanser Berlin (zusammen mit Björn Kuhligk): Wir sind jetzt hier. Neue Wanderungen durch die Mark Brandenburg.

Herausgeber der Anthologie: Alles außer Tiernahrung – Neue Politische Gedichte. Rotbuch Verlag, 2009. Und der Liebesgedichte – von Nicolas Born. Insel Verlag 2011. Mitherausgeber der Anthologie „Trakl und wir – Fünfzig Blicke in einen Opal.“ Stiftung Lyrik-Kabinett, 2014.

Preise und Stipendien u.a.: Bayerischer Kunstförderpreis für Literatur, 2010. Aufenthaltsstipendium der Villa Decius in Krakau, 2010.  Aufenthaltsstipendium des Künstlerhofs Schreyahn, 2012. Aufenthaltsstipendium des Heinrich-Heine-Hauses in Lüneburg, 2012-13 . Berliner Senatsstipendium, 2013. Kunstpreis Literatur der Lotto-Stiftung Brandenburg, 2013.

Aus der Lichtuniversität

 

Nur eine Zeile. Lyon. Only the young die young. Traf mich ein Sonnenstrahl. Sanft

und warm. Über den Platz ging ein Mann. Dann eine Frau. In den Bäumen weder

Blätter noch Reif. Weder die Knospe. Noch eine Hostie. Nur das Licht. Lumiere.

Leicht zu denken. Auch dies. Der Clochard war aus Gras. Wir rauchten zusammen.

Bis auf den Filter. Spazierten am Fluss. Die Wege, mit dem Meer verbunden. Auf

eine unbekannte Weise. Wie Tiefgaragensümpfe. Stell dir vor: brennende Ebenen. Dazwischen wir: Äffchen. Schaukeln inmitten der Verkehrsinseln. Versteh mich nicht falsch. Nur eine Zeile. Was du denkst oder isst, gehört dir. Das Brötchen im Pralinen-mantel. Diese Referenz: an eine leere Mitte. Hinterlässt keinen Diskurs. Pralinen-brötchen. Gefüllt mit nichts. Außer süßem Teig. Ein Körper, wenn er aufprallt. Fällt

er weich? Erste Hilfe. Mund zu Nase. Leicht zu verstehen. Auch dies. Der eine

Garten heißt Gabriel Faure. Dieses Haus. Ein Gebäudeteil davon. Die Nocturnes.

Hören sich an am Tag. In der Nacht. Schwingen die Brücken noch? Versteh mich

nicht falsch. Mein Kopf badet in der Sonne. Ich bestehe fast nur aus Wasser.

Wenn ich einen Gedanken fasse, gluckert es. Als wäre etwas im Fluss. Als fädelten

wir uns durch die Passagen wie Kamele in einem Nadelöhr. In den Auslagen

Teufelsrochen. Jemand wie ich tritt in ein Glühlampengeschäft. Spricht die Worte

ungenügend. Oder falsch betont. Verwechselt Bahnhof mit dem Schlafanzug. Tür

und Hafen. Am Geländer hielten wir uns fest. Liefen herüber nach Alt. Lyon. Nur

eine Zeile. Kirchliche Gassen, schmal. Eine Frau ging hindurch. Ein Mann. Dann

die Horde Schulkinder. Stand vor der Kathedrale. Sahen die fehlenden Köpfe nicht.

Die Köpfe der Engel, abgesägt. Etwas gluckert, wird still. Als wir in den Garten aus

Stein gerieten. Beinah stolperten. Die Rückseiten der Häuser ergriffen. Die Rück-

seiten der Daguerreotypien. In sechzehn Bildern pro Sekunde. Wovon zu erzählen

wäre. Die erste Erzählung des Lichts. Wir kauften die Milchbrötchen.

 

Klaus Johannes Thies, aufgewachsen in Bielefeld, ab 1966 in und um Würzburg, seit 1975 in Bremen, seit 2000 auch in Berlin.

Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften: „Manuskripte“, (Heft 124, 143, 164, 183) „Neue Rundschau“, „Akzente“, „neue
deutsche literatur“, „die horen“, „Litfass“, „Der Literaturbote“, „Hirschstraße“,  „Zündschrift“, „Krachkultur“, „Stint“, „Trafika“ (Prag/New York), „Tratti“ (Faenza), „Yang“ (Gent), „entwürfe“(Zürich)…

Bücher: „Was machen wir hier“, Eric van der Wal, Bergen NH (Gedichte) 1984 „Unbedingte Zunahme“, Tende Verlag Frankfurt 1986 (dafür Förderpreis für Bremer Schriftsteller und Stipendium in der Casa Baldi, Olevano Romano) „Schurrmurr“, Achilla Presse Bremen/Hamburg 1996 „Die Dunkelkammer unter dem Rock“, Reclam Leipzig 1998 „Tacchi a spillo sulla tastiera di Monk“, Mobydick, Faenza 2000, (Übersetzer: Giovanni Nadiani) “Uranda Urundi”, (Kurzprosa) 2007 “Zusammenarbeit mit Dritten”, (Kurzprosa) 2009

Hörspiele: „Kalte Füße“ „Bilder, Schritte, Anfänge“ (drei kleine Phantasien) 1999 (beide von Radio Bremen produziert)

Fernsehen: Portrait von Christel Körner, produziert vom swr

 

EIN PHOTO AUS EINEM ANDEREN JAHRHUNDERT

Heute morgen bin ich versehentlich in einem anderen Jahrhundert erschienen.
Ohne fremde Hilfe konnte ich keine der Personen identifizieren,
die da in meiner Wohnung herum gingen.
Und dann die Musiker dazwischen.
Offensichtlich war ich in ein Familienfest meiner Vorfahren hineingeraten.
In den Gesichtern erkannte ich die großen Hoffnungen, die, wie Fallschirme,
nie aufgegangen waren, und dann die Veteranen, die soviel Angst und
Schrecken verbreitet haben;
jetzt saßen sie, wie in einem Linienbus, hintereinander
und konnten kaum die Abfahrt zum Sennefriedhof I erwarten,
saßen nach dem Essen da, in sich versunken,
als würde sie eine Lampe von innen schwach wie Hustensaft beleuchten,
und die Kinder liefen um sie herum, wie um Eisberge, von denen nur noch die
ausgemergelten Knie zu sehen waren.
Sah mich nicht in der Lage, die zwanzig, dreißig Jahre zu überspringen,
die ich anscheinend verpasst hatte, fortwährend mit feuchten Augen anwesend,
und eben wegen der feuchten Augen vielleicht nur die Hälfte sah,
und dann unterspülten die Musikanten das, was mich im Innersten
zusammenhielt, mit ihrer rumänisch klingenden Musik.

Zeitschriften! Und: KREUZWORT am 12.12. mit D. FRÜHAUF, K. HARTWELL & D. WAGNER

5 Dez

Bevor ich mit dem Sturmhagel an Informationen zum nächsten KREUZWORT-Abend am 12.12. mit David Frühauf, Katharina Hartwell und David Wagner beginne, hier noch zwei kurze Hinweise in nur semi-eigennütziger Sache:

Wir lieben ja Zeitschriften und lesen sie vor dem Schlafgehen, nach dem Aufstehen, im Bus, beim Überqueren der Straße und auch bei gelegentlich sich ergebenden Krankenhausaufenthalten, wenn wir mal wieder angefahren wurden. Besonders angetan haben es uns die randnummer literaturhefte, die es bei unseren Lesungen ab sofort für billige 5€ zu kaufen gibt. Dafür gibt es in der vierten, soeben erschienenen (enenen!) Ausgabe nicht nur fantastisches Artwork und wahnsinnig gute Collagen von Mitherausgeberin Simone Kornappel (an der Stelle Gratulation unsererseits für eine Publikation ganz anderer Art), sondern diese hat zusammen mit ihrem Kollegen Philipp Günzel auch eine sehr schmucke Textauswahl getroffen. Es warten Konstantin Ames, Dennis Büscher-Ulbrich, Nina Bußmann, Kristoffer Patrick Cornils, Max Czollek, René Hamann, Hendrik Jackson, Bülent Kacan, Nicolai Kobus, Jan Kuhlbrodt, Tristan Marquardt, Robert Monat, Stephan Reich, Monika Rinck, Tibor Schneider, Sabine Scho, Mathias Traxler, Michael Zoch, Dmitry Golynko (übersetzt von Alexander Filyuta) und Birgit Kreipe (im Interview mit Simone Kornappel) mit neuen Texten auf. Grund genug, am 12.12. 5€ mehr einzustecken und sich eine randnummer mitzunehmen – wir verdienen da selbstverständlich nichts dran, sondern leiten das Geld an Simone und Philipp weiter, die sich mit der hochwertigen Ausgabe in Unkosten gestürzt haben.

 

Kostenlos war allerdings die erste Ausgabe der Zeitschrift Sachen mit Wörtern, von denen letztes Mal bereits ein paar auslagen und samt und sonders in diversen Taschen verschwanden. Wer kein Printexemplar mehr abbekommen hat, sich aber trotzdem ein Interview mit uns durchlesen möchte (hier nur kurz der Hinweis, dass der im Gespräch erwähnte Abend in Kooperation mit fixpoetry schon gelaufen ist), der kann das hier in aller Ruhe tun. Interessant genug und dank der Illustrationen von Petrus Akkordeon auch schmuck anzusehen.

Aber nun Butter bei die Fische, ich halte mich kurz: Am 12.12. ist wieder KREUZWORT! Das letzte Mal im turbulenten Jahr 2011, bevor es dann im Januar weitergeht. Wir freuen uns auf drei Mal Prosa von David Frühauf, Katharina Hartwell und David Wagner (bevor jetzt jemand naseweis wird: Insgesamt drei Mal, nicht jeweils!). Das wie mittlerweile ja bestens bekannt aus unserer Lieblingstrinkanstalt, dem Damensalon in der Reuterstraße 39 nahe der U-Bahn-Stationen Hermannplatz und Schönleinstraße. Das Ganze kostet 3€, Einlass ab 20h.

David Frühauf, geboren 1987 in Braunau am Inn, Oberösterreich. Seit 2007 Germanistikstudium, 2009 Aufnahme des Studiums „Sprachkunst“ an der Universität der angewandten Kunst Wien, seit 2010 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

Ich hätte nicht zu sagen gewusst, woher du stammtest oder ob es solch eine Region überhaupt je gegeben hatte, die nicht erst durch meinen Zuspruch, mein Einsagen – mit flatternden Händen, mit flüsternden Gliedern – als Erfindung, ja, möglicherweise als Erinnerungslandschaft in mir und durch dich entstehen konnte. Doch nichts widerfuhr dir, nichts durch dich. Es schien, als wärst du von Beginn an gewesen, einzig um sagen zu können: Es gibt –; und dann darin zu verschwinden, unsichtbar zu werden, wie in Wiederholung übergangen, damit das Gedächtnis mit Sicherheit sich selbst auslösche – keine dieser Silben würde je über deine Lippen gekommen sein, oder sich als dir eigen zu verstehen gegeben haben. Dass du so flüchtig bist, rief ich, so vage und wölbend, so splitternd, zerrissen, beständig zugleich, wie mehrfach gespiegelt, meint: an meiner statt, um Stellen versetzt, verzerrt, und dich dadurch einer Anrede entzögst; revozierte Marter, ja, epiphane Bildflut und -flucht, und du zwischendurch aufschrecktest, als hätte dir jedes (weitere) Wort etwas anhaben können, hätte sich dir aufgedrängt und dich auf eines davon zu reduzieren versucht. Was für Sätze wären das, aus welchen Buchstaben wären sie gemacht? Jeder einzelne befremdete dich zutiefst, und ich wagte kaum zu atmen, befürchtete das Schlimmste eintreten gelassen zu haben: dass ich eines Tages nicht mehr aus dem Vergessen erwachen würde und all die an dich gerichteten Appellationen auch nach wiederholtem Male ungehört blieben. Welche dieser Masken würde sich dann dennoch vereinnahmen lassen, welche ließe dich zurück, in Keimen, in kleineren Mengen, um daraus zu schöpfen, zu erschließen, mich daran zu halten und welche verstünde sich noch darauf, dich in derselben Weise zu nennen, zu rufen, ohne stets denselben Namen zu verwenden und ohne zu antworten?

Katharina Hartwell, 1984 in Köln geboren. 2003 bis 2010 Studium der Anglistik und Amerikanistik in Frankfurt am Main. Seit 2010 Master „Literarisches Schreiben“ am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2006 und 2010 Preisträgerin “Junges Literaturforum Hessen-Thüringen“. 2009 MDR Literaturpreis. 2010 Arbeitsstipendium des LCB und Finalistin beim 18. Open Mike. Debüt „Im Eisluftballon – Erzählungen“ im Poetenladen Verlag erschienen. 2011 Aufenthaltsstipendium Künstlerdorf Schöppingen sowie Arbeitsstipendium der Jürgen Ponto-Stiftung.

Auszug aus dem Romanprojekt „Das fremde Meer“:

Du hörst jetzt die erste Geschichte. Du musst die Augen nicht öffnen, musst dich nicht bewegen, musst nicht mit dem Kopf nicken und ihn auch nicht schütteln. Heute Nacht nehme ich dich mit auf eine Reise, auf hundert Reisen nehme ich dich mit, und vielleicht sind wir dorthin unterwegs, wo du noch nie hin wolltest, wo keiner zu Hause sein möchte. Und vielleicht wirst du allein sein, einsam sein, wirst denken, dass ich dich nicht finden werde, nicht weiß, wo du bist, keiner weiß, wo du bist, und du warten musst, wie Rapunzel in ihrem Turm, wie Schneewittchen im Sarg aus Glas, wie Dornröschen hinter der Hecke. Mach dir keine Sorgen, halte still, halte dich gerade, halte Ausschau, warte, bis sich eine Tür öffnet, jemand den Raum betritt, jemand deinen Namen sagt, jemand durch die Fluten, durch den Wald, durch die Straßen, durch die Nacht zu dir kommt und dich an die Hand nimmt.

David Wagner, geboren 1971, wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, darunter mit dem Walter-Serner-Preis, dem Dedalus-Preis für Neue Literatur und dem Georg-K.-Glaser-Preis. Er lebt in Berlin. Im Jahr 2000 veröffentlichte er seinen Debütroman »Meine nachtblaue Hose«. Sein jüngster Roman, »Vier Äpfel«, stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2009.

David Wagner wandert durch die Stadt, allein, manchmal in Begleitung. Was ist die Stadt? Wie lässt sie sich beschreiben? Immer wieder stößt er auf die Trümmer der deutschen Geschichte. Wagner erzählt, wie sehr sich die Stadt in den letzten zehn Jahren verändert hat. Er macht ein Praktikum als Türsteher in der »Flittchen Bar«, trifft die Füchse auf der
Pfaueninsel und einen müden Bürgermeister neben einem Bärenkostüm. Er spaziert durch die Randgebiete und durch den alten Westen. Er geht die Baustellen ab und erinnert sich an Baulücken. David Wagner läuft seit zwanzig Jahren kreuz und quer durch Berlin. Er ist ein Stadtwanderer, »in Halbtrance, gepaart mit dem Willen zur illusionslosen Genauigkeit«, wie die Wochenzeitung Die Zeit meinte.

»Welche Farbe hat Berlin?« versammelt größtenteils unveröffentlichte Texte, die in den letzten Jahren entstanden sind.

Das liest sich so:

DIE MÜLLTÜTE

Ich will bloß den Müll hinuntertragen in den Hof, unten aber, ich habe die zugeknotete Abfalltüte noch in der Hand, gefällt mir die Nacht so gut, es riecht nach Frühling, daß ich hinaus auf die Straße gehe. Ich biege um zwei Ecken und stehe schon vor dem Café Haliflor – entscheide mich aber, die Luft ist so süß, weiterzugehen.

Fast alle Fenster in den Fassaden der Choriner Straße, es ist gleich Mitternacht, sind schon dunkel. Ich komme an dem alten, zweistöckigen Molkereigebäude und der Protzbaustelle Choriner Höfe vorbei, überquere die stille Kreuzung mit der Zehdenicker Straße, auf der Torstraße halte ich mich links. Vor dem Kaffee Burger, die Reformbühne ist aus, steht ein Bekannter auf dem Bürgersteig und raucht. Wir wechseln ein paar Worte, er sagt nichts zu der Mülltüte, die ich in der Hand halte.

Ich gehe weiter und biege in die Alte Schönhauser Straße, noch immer stehen dort diese seltsamen Bürocontainer mit Camouflage-Bemalung auf dem unbebauten Grundstück Ecke Linienstraße. Die Nacht, es ist Sonntag, ist ruhig, ich höre nur eine italienische Reisegruppe singen. Sie johlen in einiger Entfernung, sie grölen, sie haben gute Laune. Ich bleibe vor dem Espresso- und Kaffeemaschinengeschäft stehen, mir gefallen finnische Porzellantassen ein paar Schaufenster weiter, schließlich betrachte ich Umhängetaschen, die aus alten LKW-Planen genäht wurden.

Ich merke, daß ich die Mülltüte immer noch mit mir herumtrage, schaue mich um, weit und breit ist kein Mülleimer zu sehen. Von der Münzstraße komme ich in die Max-Beer-Straße, kehre nach wenigen Schritten aber wieder um, mir fällt ein, daß dort eine Freundin wohnt, der ich nun lieber nicht begegnen möchte, nicht mit einer Mülltüte in der Hand. Ich bewundere die nackten Betonwände in einem zum Ladenlokal umgebauten Plattenbau-Erdgeschoß und biege in die stille Almstadtstraße ein.

Es ist dreiviertel eins, und wenn mich jemand fragen würde, was machst du um diese Zeit mit einer Abfalltüte in der Hand vor dem Schaufenster der Buchhandlung Pro qm, ich wüßte keine Antwort. Ich wollte gar nicht spazieren gehen, ich bin heute schon unterwegs gewesen, ich wollte nur den Müll hinuntertragen. Scheint so, als hätten meine Schuhe ohne mich entschieden. Sie sind einfach losgegangen. Das Gehen hat sich verselbständigt, und ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob ich selbst, ob tatsächlich ich es bin, der hier einen Fuß vor den anderen setzt. Geht die Stadt vielleicht mit mir spazieren? Die Füße unterbrechen ihre Tätigkeit, als zwei sich laut unterhaltende Amerikaner auf mich zukommen, ziemlich betrunken sagen sie Hi und fragen, natürlich auf Englisch, wo sie hier Dope kaufen könnten. Mir fällt nichts anderes ein, als sie in den Weinbergspark zu schicken.
Ich gehe weiter, finde wieder in meinen Rhythmus, den eigenen Geh-Rhythmus, der es manchmal so schwierig macht, mit oder neben anderen zu gehen. Am besten geht es sich doch allein, denke ich – widerspreche mir dann aber, fallen mir doch sofort zwei, drei, vier Personen ein, mit denen ich sehr gerne gehe und schon viel gegangen bin. Ich komme wieder zur Torstraße und stoße auf diese rätselhafte retro-avantgardistische Architekturskulptur an der Ecke Rosa-Luxemburg-Straße, ist das historistischer Expressionismus? frage ich mich, wie immer, wenn ich dieses Gebäude sehe. Und stehen dort, nirgends brennt Licht, vielleicht alle Wohnungen leer? Ein Nachbargrundstück ist noch unbebaut, hinter dem grell beleuchteten Werbezaun, der die Brache zur Alten Schönhauser hin umschließt, liegen abgerissene Plakate, leere Flaschen und ein kaputter Kinderwagen.

Einen Moment lang bin ich versucht, meine Mülltüte dazu zu werfen, trage sie dann aber, sie ist ja nicht schwer, doch die Schönhauser Allee hinauf, vorbei an der schönrenovierten Ex-Ruine Pfefferberg. Das riesige, viel zu perfekte spanische Touristenrestaurant hat schon geschlossen. Ich biege in die Schwedter Straße ein, überquere die Choriner und stehe wieder vor dem Haliflor. Anne, Sonntag ist ihr Abend an der Bar, sieht mich und winkt. Ich setze die Tüte ab, gehe hinein, bestelle ein Bier und erzähle, sie hält das natürlich für eine Ausrede, daß ich bloß den Müll hinuntertragen wollte. Zwei Franzosen, die neben mir am Tresen trinken, unterhalten sich über Neukölln. Die Tüte werfe ich später in den Müllcontainer im Hof.

Kreuzwort am 28.11.: KREIPE, MANTEL, ROLOFF & STEINBRÜCK

16 Nov

Okay, das dürfte den meisten nun schon klargeworden sein über unsere Lettrétage-Übernahme, aber: Letztens erst wurde unsere scharmante kleine Lesereihe ein Jahr alt. Yay us! Mittlerweile sind wir schon bei der dritten Location angekommen, dem bezaubernden Damensalon in der Reuterstraße 39. Wie wir eigentlich dort hingekommen sind? Mit der U8 über die Stationen Schönleinstraße oder Hermannplatz, bei größerer Abenteuerlust haben wir die Busse 194 oder M29 genutzt. Carolin kann sogar bequem zu Fuß laufen, was allerdings bei der Wahl dieser schönsten der schönen Kreuzköllner Kneipen nicht ausschlaggebend war.

Jedenfalls werden wir am 28.11. erneut dort aufschlagen und begrüßen ab 20h freudigst euch und außerdem zwei alte Bekannte sowie zwei neue Gesichter, die mitsamt ihren Körpern aus dem eventuell ja okkupierten Frankfurt am Main einreisen! Lutz Steinbrück war schon am 11.10. bei uns und verkaufte mir damals seinen ersten Lyrikband mit Widmung für seine Oma („…dies ist nun meine Dichtersprache … es ist eben alles sehr modern!“) und gut einen Monat später gab sich Birgit Kreipe am 08.11. bei uns (damals noch im Schatzi Neuberg) die Ehre. Ihr zweiter Lyrikband ist grade in Arbeit – vielleicht nimmt sie ja Vorbestellungen entgegen, sollte jemand mit einer persönlichen Widmung seiner oder ihrer Großmutter eine Freude bereiten wollen. Wir freuen uns auch sehr über Marcus Roloff und Julia Mantel, die extra aus Frankfurt anreisen werden, um bei uns zu lesen – eine Gelegenheit, die sich selten auftut.

Deswegen 3€ Eintritt und etwas Nostalgiebereitschaft sowie Entdeckungslust einpacken und sich am 28.11. in den Damensalon begeben, um dem finanzmetropolitanen Stoffwechsel (Stoff… Textilien… Text…, ihr wisst schon) mal hautnah zu erleben.

 

Birgit Kreipe,

geb. in Hildesheim. Kindheit & Jugend auf dem Land. Studium der  Psychologie und Germanistik in Marburg, Wien

und Göttingen, lebt in Berlin.

Kurzprosa und Gedichte sind in vielen Zeitschriften und Anthologien erschienen (zuletzt in lichtungen, randnummer, in: Schneegedichte, hrsg. von Ron Winkler, im Jahrbuch Lyrik 2011)

Im Juni 2010 erschien wenn ich wind sage, seid ihr weg, Verlag im Proberaum, Klingenberg.

Im Winter 2011/12 erscheint „schönheitsfarm“ im Verlagshaus J. Frank, Berlin

Birgit Kreipe ist Mitglied im „forum der 13“.

 

löwen 

 

schaumkronen des windes, geflügelt

ihr hierhier in der mündung nordost

 

antwort auf die wiederholte

frage des meers: wo ist der strand?

 

letzter zuruf für taucher und träumer

zwischen boje und windpark gespannter

 

anker für boote und wolken

schweben von blau zu blau

 

magie für bäume im hinterland

die verstreut vom wasser träumen

 

gespielt auf dem gras, auf dem dünenkamm

heute die antwort für die, die das meer suchen.

 

julia mantel,

jahrgang 1974, studium der angewandten kulturwissenschaften in lueneburg,
seit 2000 konzentration auf lyrik, teilnahme an der textwerkstatt darmstadt unter der leitung von
kurt drawert, zahlreiche publikationen in anthologien, regelmaessige lesungen bundesweit.

lebt als autorin, strickkuenstlerin und sprecherin in frankfurt am main.

www.unvermittelbar.de

letzte veröffentlichung:

„dreh mich nicht um“
mit illustrationen von petrus akkordeon
fixpoetry-verlag/ hamburg 2011

 

für thomas brasch

streich mir das haar

aus der stirn,

 

ich habe bretter

vorm kopf, die

die welt bedeuten,

 

berühre mich dort,

wo ich nie gewesen bin.

 

Marcus Roloff,

geboren 1973 in Neubrandenburg (DDR), lebt als Lyriker und Übersetzer in Frankfurt am Main. Studium der Neueren deutschen Literatur, Philosophie und Kulturwissenschaft an der HU Berlin. Literarische Veröffentlichungen seit 1997, zuletzt u.a. in „Neue Rundschau“, „wespennest“, „Lyrik von JETZT zwei“, „alles außer Tiernahrung“ und „Jahrbuch der Lyrik 2011“. Im Herbst 2010 erschien im gutleut verlag Frankfurt/M. sein dritter Gedichtband „im toten winkel des goldenen schnitts“.

 

balcke + heym

überm winter die landschaft durch watte & licht-
schrulle leer. eisiger werder. er wolle den raureif
feiern. wenn er sterbe seien die menschen tot. wie
stottern sei das nur dass nichts hängen bleibe denn
da werfe man ja die silben in eine art doppelten
boden. die welt klappe nach hinten. aber eigentlich
stottere niemand. das sei nur reminiszenz an die
rememorierte gegend zwischen havel & havel.

 

Lutz Steinbrück,

geboren 1972 in Bremen. Studierte Germanistik und Anglistik in Oldenburg/Niedersachsen. Seine Magister-Arbeit „Fremde Heimat“ über Vechta in der Lyrik Rolf Dieter Brinkmanns erschien 2007 im Oldenburger BIS-Verlag. Seit 2004 lebt er in Berlin. Schreibt Lyrik, Artikel für Print- und Onlinemedien und macht Musik mit der Band „Nördliche Gärten“. Im September 2008 erschien sein erster Lyrikband „Fluchtpunkt: Perspektiven“ im Lunardi Verlag (Berlin). Sein zweiter Gedichtband „Blickdicht“ folgte im März 2011 im Verlagshaus J. Frank (Berlin). Einzel-Veröffentlichung von Gedichten in Zeitschriften (u.a. Poet, Ostragehege, lauter niemand, randnummer), in Anthologien (u.a. Deutscher Lyrikkalender 2011, Versnetze 3) sowie in Online-Portalen (u.a. Poetenladen, Fixpoetry, Lyrikmail). Nominierung für die 2.Lesung des Münchner Lyrikpreises 2011.

„Steinbrück scheut sich nicht, gesellschaftliche Realitäten in ebenso klarer wie scharfer Sprache aufzugreifen und diese in einem Zerrspiegel ad absurdum zu führen: wir sind auf Kurs / und es ist an der Zeit / unter Deck aufzutauchen / um einzuschlafen. Eine Lyrik, die souverän ihrer eigenen Logik folgt und weit davon entfernt ist, in moralisierende oder agitatorische Banalitäten abzudriften. Kein selbstgewisses lyrisches Ich, kein Agitieren von einem sicheren Standpunkt aus. Stattdessen entwirft Steinbrück surrealistische Szenarios auf der Höhe der Zeit mit dichtem Blick auf das Alltägliche. Scheinbare Gewissheiten, die sich auflösen, Perspektiven, die gebrochen werden und pointierte Devisen, gerne als ironische Aufforderung zur Leichtigkeit, wenn es etwa heißt: bitte nehmen Sie / ihr Leben doch / nicht zu persönlich.“

 

Götterclique, geschlossen

 

Du traumhaftes Mikrofaserland

wo die Beatmung der Reisebusse stagniert

wird der mit dem längsten Steuerknüppel

Klassensprecher dieser Autobahn

 
macht noch immer in Trikot-Etagen

macht billig macht das sein Garten ein Turm wird

sein Schwager hat die Elbe neu designt

und leuchtet davon ohne anzuhalten

 
die Ausweisung der Wettkampfzonen

stimmen sie ab im Club eine Art von Heim

hier

hier bleibt die Kälte im Dorf

Am Freitag (18. 2.): Verstreiben, Schienenfrost & Wortgestöber

16 Feb

Hier schonmal einer unserer Wochenend-Ausgehtipps:

Lesung mit Birgit Kreipe, Ruth Johanna Benrath und Lutz Steinbrück, Musik von Michael Groneberg (Gitarre) in Prenzlauer Berg. („Rentiere müssen draußen bleiben.“)

 

Freitag, 18. Februar 2011, 20:00

Eintritt:  frei, um Spenden für die Künstler wird gebeten.

Ort: Periplaneta Berlin, Bornholmer Str.81a, 10439 Berlin

Kontakt: hq@periplaneta.com

Birgit Kreipe und Lutz Steinbrück werden Lyrik lesen, schließlich veröffentlichen beide 2011 eigene Gedichtbände im Berliner Verlagshaus J.Frank. Ruth Johanna Benrath schreibt Lyrik und Prosa und wird 2011 im Suhrkamp Verlag ihren zweiten Roman veröffentlichen. (Rentiere müssen draußen warten.)

Ruth Johanna Benrath (Jg. 1966) veröffentlichte Lyrik und Kurzprosa in zahlreichen Literaturzeitschriften, u.a. im Jahrbuch der Lyrik 2010. Sie debütierte 2007 mit dem Gedichtband „Kehllaute“ (Lunardi Verlag). 2009 erschien im Steidl Verlag ihr erster Roman „Rosa Gott, wir loben dich“, für den sie mehrere Stipendien erhielt. Ihr zweiter Roman „Wimpern aus Gras“ wird 2011 bei Suhrkamp erscheinen.

Birgit Kreipe (Jg. 1964) hat in vielen Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Auf ein Fixpoetry-Heft (2010) folgt 2011 ihr erster Lyrikband im Verlagshaus J. Frank. Sie ist Mitglied im „forum der 13“. Zur Zeit arbeitet sie an einem Manuskript, in dem Märchen, eigensinnige Psychoanalyse und Früchte aller Art eine Rolle spielen.

Lutz Steinbrück (Jg. 1972) schreibt Lyrik, Artikel für Print- und Onlinemedien und macht Musik mit der Indie-Band Nördliche Gärten. Sein erster Lyrikband „Fluchtpunkt:Perspektiven“ erschien 2008 im Lunardi Verlag, sein zweiter folgt 2011 im Verlagshaus J. Frank. Weitere Veröffentlichungen in Zeitschriften (poet, Ostragehege, randnummer u.a.), Online-Portalen und Lyrik-Anthologien.

Am Dienstag (30.11.): Lesung der FixpoetInnen in der Lettrétage

29 Nov

Morgen Abend liest Birgit Kreipe (die wir am 8.11. als unseren Gast begrüßen durften) mit Julietta Fix, Marianne Rieter und Johann Reißer aus ihren Fixpoetry-Leseheften und unveröffentlichten Texten.

Dienstag, 30. 11. 2010

Beginn: 19.30 Uhr

Eintritt: 5 Euro

In der Lettrétage, Methfesselstraße 23-25, Berlin

http://www.lettretage.de/

http://www.fixpoetry.com/

Auf mittlerweile 24 Ausgaben kommt die 2008 begründete Lesehefte-Reihe, die, in der Aufmachung einem Oktavheft nachempfunden, nicht nur ein bibliophiles Kleinod darstellt. Es erscheinen jeweils drei Hefte im Quartal, welches das Geschehen in der modernen Lyrik abbilden hilft. Zahlreiche namhafte Lyrikerinnen und Lyriker haben in den Leseheften oder im begleitenden Poetryletter bereits publiziert. Wir freuen uns, gleich vier von Ihnen im Haus präsentieren zu können.

Julietta Fix, 1957 in Würzburg geboren, lebt heute in Hamburg. Nach einer kaufmännischen Ausbildung war sie hauptsächlich im Produktmanagement und im Online-Bereich tätig. Heute ist sie die Herausgeberin des Online Literaturportals FIXPOETRY.

Birgit Kreipe, geboren und aufgewachsen bei Hildesheim, studierte in Marburg, Wien und Göttingen und arbeitet als Autorin und Psychotherapeutin in Berlin. Ihre Gedichte wurden in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht, zuletzt in Die Schönheit ein deutliches Rauschen. Sie ist Mitglied im Forum der 13.

Marianne Rieter, geboren 1959, lebt in Winterthur. Nach der Ausbildung zur Kauffrau war sie in den unterschiedlichsten Bereichen tätig. Sie arbeitet heute im Head Office eines Großkonzerns in Zürich. Ihre Gedichte wurden hauptsächlich im Internet veröffentlicht.

Johann Reißer, geboren 1979 in Regensburg, lebt in Berlin. Derzeit Kollegiat am Graduiertenkolleg „Lebensformen und Lebenswissen“ mit Promotionsprojekt. Finalist beim open mike 2008. Projektleiter des Poets’ Corner 2010. Veröffentlichung von Lyrik, Prosa und Essayistik in Anthologien, Online-Projekten und Zeitschriften.

Mehr zum KREUZWORT-Lyrikabend am Montag (08.11) im Schatzi Neuberg

4 Nov

Unser nächster KREUZWORT-Abend am Montag, dem 8. November steht ganz im Zeichen der Lyrik:

Zu unserer vierten Veranstaltung dürfen wir Ruth Johanna Benrath, Bettina Hartz, Birgit Kreipe und Simon Godart im Schatzi Neuberg begrüßen.

Wer sich diese grandiosen Gäste nicht entgehen lassen möchte, der kommt am Montag (08.11.) vorbei. Wir beginnen pünktlich um 20.30h im Schatzi Neuberg (Kottbusser Straße 13, zwischen den U-Bahn-Stationen Kottbusser Tor und Schönleinstraße). Der Eintritt beträgt 2 Euro.

UND NUN MEHR ZU UNSEREN GÄSTEN:

RUTH JOHANNA BENRATH (1966, Heidelberg) studierte Germanistik, Philosophie und Geschichte in Heidelberg. Danach arbeitete sie als Lehrerin und als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften und am Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Freien Universität. Im Jahr 2001 war sie Endrundenteilnehmerin beim „open mike“ der Literaturwerkstatt Berlin. Im Jahr 2004 promovierte sie, danach wandte sie sich wieder dem literarischen Schreiben zu. Sie veröffentlicht in Zeitschriften und Anthologien und arbeitet an Kunstprojekten. 2007 erschien „Kehllaute“ (Lyrik und Kurzprosa) im Lunardi-Verlag. Im gleichen Jahr erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats. 2008 folgten drei Arbeitsstipendien u.a. das Döblin-Stipendium der Akademie der Künste. 2009 veröffentlichte sie ihren Roman „Rosa Gott, wir loben dich“ im Steidl Verlag. 2011 wird ihr zweiter Roman „Bald Wimpern aus Gras“ im Suhrkamp Verlag erscheinen. Am 8. November wird Ruth Johanna Benrath Lyrik lesen.

SELBSTBILDNIS
für Elke Erb

ich kann lesen, ich kann
schreiben ich kann nieseln

meine Zungenklemme meine
Zungensperre meine Maulschraube

meine Augenkrume aus Salz und
Zucker, mein Traumzuckerchen

ich kann sitzen, meine persönlichen
Flöhe, meine Sitzhöcker

meine Mundart, balzend
meine Schluckaufe meine Vielstimmerei

mein Glühen mein Emporholen mein
Schwadronieren mein Ritt auf dem Delphin

mein Untertauchen mein Hervorschnellen

BETTINA HARTZ (1974, Berlin) studierte Germanistik, Musik- und Theaterwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 1998 arbeitet sie als freie Autorin und Literaturkritikerin (u. a. „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, „Die Zeit“, „Der Freitag“, „Literaturen“). Sie schreibt Drehbücher, Theaterstücke und Prosa, seit 2009 auch Lyrik. 2006 war sie Stipendiatin Prosawerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin. Literarische Veröffentlichungen im Lunardi Verlag sowie in Zeitschriften („Edit“, „plumbum“, „oda“). Derzeit arbeitet Bettina Hartz an einem Buch übers „Radfahren als Lebensform“ (DVA, Herbst 2011) und ihrem ersten Roman „Rot ist der höchste Ernst“. Diesen Montag wird sie Lyrik lesen.


TIERGARTEN- (GROSSER STERN)

Weiche weißgraugrüne Eichblattunterseiten wie
Wehtänze im Sechsachteltakt Großer Walzer vorm
Orientokzidentreichmirdiehandmeinbauchhände
hochmesserraustamburinhandynotruf ja Gott ist
mein Zeuge einigen wir uns auf Hammelfleisch
spieße gegrillt wenn die Grillen zirpen am Abend
Kindergeschrei und salam aleikum grüßt schöner
zurück im Dar al-Harb der Nachbar wie im Frieden
von Eisenburg der kein Frieden war nur ein Still
leben von Waffen zweischneidiger Diplomaten
geschenke für die Rüstkammern der Ungläubig
glaubenden die nackt im Gras die eigene Haut
rösten sowjetrot jeder sein eigener Selbstmord
attentäter mit Strandlaken und Kühltasche unter
den Augen der Nike vom Großen Sternenbanner
barfüßige Melek Heil dir werden wir Futur II ge
zeichnet sein Ölschiefer im goldenen Siegerkranzler
kostüm unter den sandigen Sedimenten der Spree

-FOTOGRAFIE

ich habe es alles hier sagt er und klopft auf die Kamera
ich habe es alles hier sage ich und klopfe gegen die Stirn

Osterglockengelb Narzissenweiß ich stelle mir vor
wie du dieser Tage durch den Tiergarten gehst
dein Garten im Hyazinthenblau

weißt du welcher Chip das Licht besser verwandelt
auf dem Weg in den Speicherkartenraum
mehrstufengefiltert
100 Synapsenterabyte von sensorisch-motorischen Feldern betört
abgelegt als passwortgeschützte Erinnerung
den verweigerten Zugriff lockert erst ein olfaktorischer
Bote der das Bild aus seiner Selbstumarmung löst
die Dunkelkamera beschickt mit chemisch-elektrischem Signal
das ins Wort verwandelt entwickelt fixiert auf Papier
sichtbar wird als schwarzweißer Weltabzug vom Leser self
kolorierte Kontaktkopie

BIRGIT KREIPE (Hildesheim) studierte Psychologie und Germanistik in Marburg, Wien und Göttingen. Seit 1994 arbeitet sie als Psychotherapeutin und Autorin in Berlin. Ihre Kurzprosa und Gedichte sind in vielen Zeitschriften und Anthologien erschienen (wie ostragehege, lauter niemand, mit Catherine Hales in washington square). Im Juni 2010 erschien als Einzelveröffentlichung wenn ich wind sage, seid ihr weg (fixpoetry – leseheft 20). Birgit Kreipe ist Mitglied im „forum der 13“. Sie wird am 8. November ebenfalls Lyrik lesen.

schneewittchen. revisited.

schneewittchen. das gute an ihr:

man kann sie vergiften

schütteln, sie wacht wieder auf.

mal tanzt sie auf sieben hügeln

dann löscht die nacht sie aus

wie man eine schneekugel

vom nachtisch fegt. da liegt sie.

die ganze weisse pracht

schmilzt wie pulver

und es ist wieder klar

wer die dunkle, strenge schöne ist.

aber ein morgen, irgendeiner

voller apfelnachbilder

voller kammhaare

und apfelreste

bringt sie zurück.

irgendwann.

solange liegt sie auf eis

sie passt zu uns:

man kann sie auftauen

und wieder einfrieren.

sieben kühlschränke

geben uns recht

ihre kehle ein bach

ihre zunge auf der zunge

wie guter wein

ihr herz, königinnenart

verdirbt nicht so schnell

SIMON GODART (1989, Saarburg) schrieb Reportagen und Kommentare in lokalen Zeitungen, nahm an Poetry Slams teil (Open Ohr Festival Mainz) und war Sänger und Gitarrist in Punk/Noise-Gruppen. 2008 zog er nach Berlin und arbeitete seitdem in zahlreichen Arbeitskreisen (u.a. „Von Ende zu Ende; Sonette“, 2010). Seit 2009 studiert er Philosophie und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der FU Berlin. Seit 2010 veranstaltet er die Reihe „Dichterfest Junge Literatur im Vortrag“. Auch Simon wird am Montag Lyrik vortragen.
http://www.simongodart.com/

Sangwende.
Wiederkehrende Bänder, die
nur binden, niemals heilen.
Zwischen den Farnen
nach jeder Blüte
unter den Kräutern
ist eines, das stillt.

Wundsommer
endlich entkleidet, es
zeigt sich die Blöße
an längeren Tagen,
es geht, nach der Zählung, ein
Wachsen durchs Land.

Nachtschwärmer
sind auf der Flucht, so wie
du auf der Jagd bist.
Du zerrst deine Beute
an schneeweißen Zähnen
zur Heilung.

Südwinde
mäste sie an
deinem Atem
zu einem Orkan
der sich Weg bricht
durch mich.