Kreuzwort am 10.09.: Georg HEYM, Birgit KREIPE, Stephan REICH, Friederike SCHEFFLER & Katharina SCHULTENS

4 Sep

OH MEINE SPIRITUELLE PROJEKTIONSFIGUR, KREUZWORT IST ZURÜCK! Und startet natürlich gewohnt fulminant mit Literatur und Drinks in die nächste Saison. Am 10. September können wir im innig geliebten Damensalon in der Reuterstraße 39 sogar mit einem Verstorbenen aufwarten. Naja, zumindest mittelbar. Vor gut 100 1/2 Jahren ertrank Georg Heym auf einer Schlittschuhfahrt und hinterließ ein für sein zartes Alter ziemlich umfangreiches Oeuvre (nimm das, Optimierungsgesellschaft des 21.!). Der Schriftsteller und Herausgeber Florian Voß, der diesen Abend bei uns moderieren wird, wollte den expressionistischen Dichter wieder ins kollektive Gedächtnis zurück heben, indem er ihm eine Anthologie widmete. Nicht nur Heyms eigene Arbeiten sind darin versammelt, sondern auch Texte von Lyrikerinnen und Lyrikern, die sich intensiv mit dem vorgegebenen Material auseinandersetzen. Wir dürfen mit Birgit KreipeStephan ReichFriederike Scheffler und Katharina Schultens vier Personen bei uns begrüßen, die zu dem fantastisch gelungenen Band (das sag nicht nur, das sagt auch meine Rezension bei Fixpoetry, hier zu lesen) beigetragen haben. Die vier werden neben ihren Erwiderungen, Antworten und Pastichen auch eigene Texte vortragen. Toll? Toll!

Deswegen die Beine in die Hand genommen und vorbeigeschneit (hoffentlich kein prophetischer Ausdruck) kommen. Einlass ist wie gewohnt ab 20h, Eintritt beträgt wie gewohnt 3€, wir werden wie gewohnt Gin Basil Smash trinken und euch raten, dasselbe zu tun. Ihr braucht Teaser? Ihr kriegt Teaser!

Birgit Kreipe, geb. in Hildesheim. Kindheit & Jugend auf dem Land. Studium der  Psychologie und Germanistik in Marburg, Wien und Göttingen, lebt in Berlin. Kurzprosa und Gedichte sind in vielen Zeitschriften und Anthologien erschienen (zuletzt in lichtungen, randnummer, in: Schneegedichte, hrsg. von Ron Winkler, im Jahrbuch Lyrik 2011)

Im Juni 2010 erschien wenn ich wind sage, seid ihr weg, Verlag im Proberaum, Klingenberg. Im Frühjahr 2013 erschien „schönheitsfarm“ im Verlagshaus J. Frank, Berlin. 

Birgit Kreipe ist Mitglied im „forum der 13“.

 

Georg Heym

Der Winter          

Der blaue Schnee liegt auf dem ebenen Land,
das Winter dehnt. Und die Wegweiser zeigen
einander mit der ausgestreckten Hand
der Horizonte violettes Schweigen.

hier treffen sich auf ihrem Weg ins Leere
vier Strassen an. Die niedren Bäume stehen
wie Bettler kahl. Das Rot der Vogelbeere
glänzt wie ihr Auge trübe. die Chausseen

verweilen kurz und sprechen aus den Ästen
dann ziehn sie in die Einsamkeit
gen Nord und Süden und nach Ost und Westen.
wo bleicht der niedre Tag der Winterzeit.

Ein hoher Korb mit rissigem Geflecht
blieb von der Ernte noch im Ackerfeld
Weißbärtig, ein Soldat, der nach Gefecht
und heißem Tag der Toten Wache hält.

der Schnee wird bleicher, und der Tag vergeht
der Sonne Atem dampft am Firmament
davon das Eis, das in den Lachen brennt
hinab die Strasse rot wie Feuer brennt.

Birgit Kreipe

havel, himmel, blauer käfer, der am wasser fliegt

der wind bricht, krachen, in den bäumen auf
kühlt ab, im wasser tauchen flüchtig träume
erinnerungen. hirngespinste. auf.

chausseen wehn am ufer, in den ästen reste
atmen, mai. die uferphlox und meisen
gleißen, zitterschiffe, die in lichterfetzen treiben.

flammengrünes laub. im schatten eine uferwarnung
nicht weiter. dünnes eis: als letzte wachsoldatin
durchs jahr mit rost wie blut, darüber laub wie tarnung.

der wind zerrt abend auf ein boot, das dort vertäut
dahinter spätes mondkalb, hat ‘nen stern im maul
und stiert ins wasser, kaut betäubt.

das eis, das nicht mehr trug, ist hundertmal im meer
und in die blauen flügelschalen aufgestiegen.
brennt in den lachen. dann nicht mehr.

 

Stephan Reich, geboren, aufgewachsen, lebt.
Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, zuletzt Wortwuchs Magazin # 5, randnummer literaturhefte # 4, Jahrbuch der Lyrik 2011, Versnetze Vier, etc. Finalist beim 18. Open Mike der Literaturwerkstatt Berlin 2010.

 

havel

 

Im Haar ein Nest

aus sauerstoff & an das ufer

dröhnt geschichte

fast wie vorhergesagt

da geht er hin

als ironie

(das muss einer der träume sein)

Und die beringten Hände

berlins im rücken die schlote winken

statisch zum abschied

während er Unsichtbar schwimmt

mit dem mund voller eis & letzte gedanken

verschwinden wie luftblasen

in der Flut

& im Dunkelgrün der Wiesen

bleibt es still, kein Widerhall,

die Melodie der atmung weicht

Maschinenkreischen, Wasser

ratten an den lippen noch reste

strenger,

nie wuchernder Sprache

 

Friederike Scheffler, geboren 1985 in Berlin, wo sie auch lebt. Veröffentlichungen in Zeitschriften (zuletzt Wortwuchs 7) und Anthologien. Mitgründerin des Berliner Lyrikkollektivs G13, eine Anthologie mit Texten der Gruppe wird im Oktober 2012 bei luxbooks erscheinen. Zum Wintersemester 2012 beginnt sie ein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig.

 

dicke luft in der landschaft, strommasten
füllen den schönsten zenit. windstärke? drei.
denkst das wetter, wie immer, mimöschen,
fühlt sich so schwach. all die hochhäuser,
schwimmer in dünnen hosen am see.
und weiter drin in der stadt zeig die stelle
am ellenbogen, wos mit uns hingeht.
was das denn soll, dieses wir vorzubringen,
eine kerze, dicht vors gesicht.
fahr zwischen die finger. rückbildung. ringe.
stehen sie zu nah? stehen ohne geräusch.
web deinen ehrgeiz in türme aus stahl.
und denk an die flauten, bitte, die sinken
verzeichne ihr hellblau, die rotierenden parks.

 

Katharina Schultens, geboren 1980 in Rheinland-Pfalz, arbeitet seit 2006 als Forschungsreferentin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Diverse Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien (zuletzt ostragehege, randnummer, shampoo, bella triste, Lyrik von Jetzt II, Neubuch). 2004 ein Debütband im Rhein-Mosel-Verlag; 2011 als zweiter Band  “gierstabil” im Wiesbadener luxbooks-Verlag. Preisgeld gabs auch, besten Dank: 2005, 2007 und 2009.

 

der busch auf dem kopf meines kindes ist kein dornbusch

auch wenn es darum wogt als ob in einem gräserfeld
auch wenn es darin wispert wie in pappelkronen

und es stecken kleine vögel aus salz darin
deren flügel glitzern und es glänzt das gras

aber golden: durchquert meine hände
auf quantenmechanische weise.

dennoch ist der busch auf dem kopf meines kindes absolut
kein dornbusch bloß ein strauch der federn sprüht

und funken. man kann – das weiß ich – leuchten
ohne zu brennen, behauptet hazelelponi.

nur wollte sie vorübergehend festhalten:
ein weicher weicher strauch.

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Eine Antwort to “Kreuzwort am 10.09.: Georg HEYM, Birgit KREIPE, Stephan REICH, Friederike SCHEFFLER & Katharina SCHULTENS”

  1. kcornils September 4, 2012 um 1:31 pm #

    Reblogged this on good friends with bad habits und kommentierte:
    Nicht nur im TITEL-Kulturmagazin ist die Sommerpause vorbei, auch Kreuzwort geht ab Anfang September munter weiter. Alle Infos zum sicherlich exzellenten Auftaktabend findet ihr hier:

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