23.04.: Präsentation der DLL-Tippgemeinschaft mit FEIBIG, KIRCHMAYER, MADER & MAISANO

17 Apr

Wenigen mag es bisher aufgefallen sein und ich war selbst ziemlich überrascht als ich es erfuhr, aber: Die meisten der Autorinnen und Autoren, die bei uns lesen, veröffentlichen ihre Texte. Und nicht nur so auf Blogs, bei Facebook oder auf den Hauswänden von Neukölln, sondern in Büchern. Wahnsinn. Zum Beispiel kann man jetzt von Tom Bresemann eine Geschichte für ’nen Euro (auch: Teuro, Eurone, Taler, Pinke Pinke, Mark) bei SuKuLTur kaufen, die er irgendwann mal in einer frühen Fassung noch bei uns las. Überhaupt werden diese ganzen Bücher auch gelesen. Und dann schreiben Leute was darüber, wie zum Beispiel im Falle von Mathias Traxler. Der hat auch mal bei uns gelesen, und zwar aus seinem Band You’re Welcome. Ein paar von den Leuten, die damals im Publikum saßen haben sich mit ein paar anderen Leuten, die damals vielleicht auf der heimischen Couch saßen, zusammengetan und bloggen nun über den Band

Ich allerdings blogge hier gerade über KREUZWORT, aber irgendwie komm ich trotzdem von diesen Büchern nicht los: Schließlich haben wir eine Präsentation vor uns: 

Seit zehn Ausgaben steht die Jahresanthologie des Deutschen Literaturinstituts Leipzig für jüngste deutsche Literatur, seit zehn Jahren gibt sie kontinuierlich Einblicke in das Schreiben der Studierenden – 2012 feiert die Tippgemeinschaft also ein rundes Jubiläum.

Anlässlich dieses besonderen Ereignisses wurde nicht nur erstmalig ein Teil der Texte von ihren Autoren eingesprochen, es wurden darüber hinaus auch ehemalige Studierende des Instituts dazu eingeladen, mit aktuellen Texten den Bogen über die Jahre zu spannen.

Vier der im Band vertretenen Autorinnen und Autoren dürfen wir am Montag, dem 23.04. bei uns im Damensalon in der Reuterstraße 39 begrüßen. Eintritt ist wie immer ab 20h und beträgt die gewohnten 3 Teuronen (das ist jetzt neu!). Dafür gibt es vorgetragene Texte von Ulrike Feibig, Ursula Kirchenmayer, Babet Mader und Patrick Maisano, in die hier herein gelesen werden kann:

Patrick Maisano (1977) hat Architektur studiert und 2005 an der ETH Zürich diplomiert. Ab 2009 studierte er im Masterstudiengang des Deutschen Literaturinstituts Leipzig und schloss 2012 mit einem Romanmanuskript ab. Er arbeitete als Autor, Architekt, Bühnenbildner und Performancekünstler an verschiedenen Orten in Europa und in den USA. 

Ausschnitt aus dem Romanmanuskript BASTARDI:

Ja, so in dieser warmen Flüssigkeit, mit geschlossenen Augen. – So, dass du nichts sehen musst. – Einfach so, dass es schön eng ist. – So schön eng, dass du dich nicht bewegen musst. Nicht mal atmen … – Klar, die Nase ist ja zu. – Ich würd’ sagen, die ist eher offen und die Lunge ist voll mit Flüssigkeit. – Genau, die Lunge ist voll mamma. – Voll mamma? – Ja, meine mamma, die mir durch die Nase, durch den Hals, durch die Lunge, ins Blut fliesst. – Wenn du meinst. – Und ich kann nicht ersticken dabei, weil da gar nichts anderes in mich rein kann als meine mamma. Alles in mir ist ausgefüllt von meiner mamma. Meine mamma ist in mir und um mich. Und dazwischen ich. – Vielleicht mit so ein paar wenigen Haaren auf dem Kopf? So Klebhärchen? – Ja. – Allerdings, das ist schon wieder schwierig. Weil, wie sind die denn, deine Haare? – Du meinst, ob die eher blond und gerade oder eher schwarz und gekruselt sind? Oder vielleicht blond und gekruselt? Oder schwarz und gerade? – Eigentlich müssten die ja ähnlich sein wie die deiner Mutter. – Oder sonst wie die meines Vaters. – Oder halt eben ein Gemisch aus den beiden. – Oder halt eben.

babet mader 1982 geboren studiert am deutschen literaturinstitut leipzig seit 2010 und hat schon einiges gemacht

Auszug aus Ich versteh nicht was ihr von mir wollt

wenn man überlegt wie viel zeit man mit aktivitäten verbringt die einen langweilen wie viel zeit auch mit bürokratie und arbeit verschwendet wird gibt es eine aufschlüsselung dafür bestimmt verbringt man 60 prozent seines lebens mit unerwünschten angelegenheiten ich dachte früher das liegt am besitz den man hat und wollte punk werden aber das ist der totale irrtum als punk hast du genau die gleichen probleme viele aktivitäten die langweilen und auch viele unerwünschte angelegenheiten es ändert sich nicht bei den superreichen ist es genau das gleiche oben und unten verbindet die langeweile und das leben das wir leben scheint deshalb so kurz weil wir die meiste zeit mit anderen dingen beschäftigt sind ich habe schiss dass ich erst lebe wenn sich andere menschen um meine angelegenheiten kümmern dann wenn ich mir nicht mal mehr meinen eigenen arsch abwischen kann ich habe versucht mich all meinen verpflichtungen und aktivitäten zu entledigen ich habe versucht genau das zu machen worauf ich lust hatte wenn ich auf etwas lust habe dachte ich bleibt die langeweile aus das geht nämlich nicht dachte ich dass ich mich bei etwas worauf ich lust habe langweile also habe ich mir einen film den ich schon immer sehen wollte ausgeliehen ich habe mein handy ausgemacht und habe mir eine schöne schaumige wanne voll dampfendem wasser eingelassen und dann habe ich mir zigaretten vorgedreht und eine flasche wein geöffnet ich lag in der wanne trank den wein schaute den film rauchte die zigaretten und habe nichts dabei empfunden ich habe nur das bild der perfekten entspannung gesehen ich habe gesehen wie das von außen wirkt es wirkt entspannend wenn man das erzählt weil alle denken gott wie entspannend ich konnte mich überhaupt nicht entspannen ich habe es gemacht wie ich alles mache ich mache es mir gemütlich ich mache mir etwa zu essen ich mache mal ne Pause aber entspannen kann ich so nicht ehrlich gesagt weiß ich gar nicht wie das geht ich habe mich noch nie damit beschäftigt meine eigene form von entspannung zu finden ich falle auf die gesellschaftlich anerkannten formen der entspannung rein vielleicht ist meine form von entspannung wände streichen oder cds sortieren wer weiß das schon die vorgegebenen entspannungsmethoden funktionieren bei mir jedenfalls nicht

theater konzert essen gehen und sex das sind keine relax momente in meinem leben ich mach das alles aber es entspannt mich nicht drogen und feiern auch nicht das ist das anstrengendste was es gibt schlimmer noch als arbeiten oder langstreckenflüge langstreckenflüge sind jedoch das allerschlimmste qualvoll muss der job als stewardess sein das sagt man nicht mehr oder bevor ich in den zug gestiegen bin stand ich lange am hauptbahnhof rum und habe von ganz oben nach ganz unten auf die gleise geschaut als erstes wollte ich unbedingt runter spucken und dann wollte ich runterspringen der boden sah so weich aus wie eine hüpfburg ich dachte vielleicht federt das und ich fliege wieder hoch

Ursula Kirchenmayer wurde 1984 in Lugosch (Rumänien) geboren und lebt in Berlin. Sie studierte Literaturwissenschaft und Romanistik (Spanische Philologie) an der Universität Potsdam sowie an der Universidad Nacional Mayor de San Marcos in Lima (Peru), und unternahm ausgedehnte Reisen durch verschiedene Länder Lateinamerikas. Seit 2010 studiert sie „Literarisches Schreiben“ am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 

(…) Der Vater hatte die Fähigkeit, von einer Sekunde auf die andere aus seinem Sessel zu verschwinden und an einem anderen Tag, in einer anderen Sekunde, in einem anderen Sessel wieder aufzutauchen. Es gab verschiedene Möglichkeiten, das Verschwinden des Vaters zu verhindern. Man konnte sich in seiner Armbeuge verstecken oder unter seinen Pullover klettern, an seinem Hosenbein konnte man sich festkrallen, auch das Zusammenbinden seiner Schnürsenkel hat sich in der Vergangenheit als hilfreich erwiesen. Weiterhin konnte man den Vater auf Trab halten, indem man den blondgelockten Bruder an den Haaren zog, nur übertreiben durfte man es nicht. Sonst wurde man alleine ins Schlafzimmer gesperrt. Und dann half nur das Wippen wieder, der harte und regelmäßige Schlag der Gitterstäbe im Rücken, die kleine Erschütterung im Kopf.

(…)  Jedes Jahr im Sommer trug der Vater die Mutter auf den Armen ins Meer. Zuhause in Deutschland aber haftete allen Gegenständen, Gesten und Blicken eine sonderbare Spannung an. Unsichtbar, wie eine feine Staubschicht, die nur das Kind wahrnahm, hatte sie sich auf die Dinge gelegt: über das geblümte Wachstischtuch zwischen den Eltern zuerst, um dann Besitz zu ergreifen von den Händen des Vaters, die mit schnellen Bewegungen eine Orange schälten und sich dabei beinahe in den Finger schnitten; auch auf die Hände der Mutter, die reglos im Schoß lagen, war sie übergegangen. Eine einzige Unachtsamkeit des Kindes konnte reichen, und die stumme Zweisamkeit der Eltern war aus dem Gefüge gebracht. Das versehentliche Auftreten mit der Ferse vielleicht, ein Bissen mit offenem Mund, ein Wort in Kindersprache. Solange aber der Vater die Mutter durch das Meer trug, dachte das Kind, so lange würde alles an seinem Platz bleiben auf der Welt.

Ulrike Feibig, geboren 1984 in Magdeburg, studierte/studiert Germanistik, Slavistik, Kunstpädagogik, Literarisches Schreiben, lebte/lebt in Magdeburg, Wettin, Quedlinburg, Dresden, Leipzig, arbeitete/arbeitet in einem Kulturzentrum, als Bühnen- und Kostümbildassistentin, als Spielzeug- verkäuferin auf Märkten, als studentische Hilfskraft, im Kinderheim, als Aufsicht in einem Museum, als Kindermädchen und Fischverkäuferin

Miniaturen

Das Kreuztier hinter dem Tuch (1)

Das Kreuztier ist in doppelter Hinsicht ein Kreuztier. Einmal, weil es meinen Weg kreuzt oder ich seinen Weg kreuze. Zudem trägt das Kreuztier ein Kreuz auf dem Rücken. Du sagst: Ich lasse mich doch von Dir nicht aufs Kreuz legen. Das Kreuztier mag das auch nicht. Es stirbt dann.

Das Kreuztier hinter dem Tuch (2)

Das Kreuztier ist in doppelter Hinsicht ein Kreuztier. Einmal, weil es meinen Weg kreuzt oder ich seinen Weg kreuze. Zudem trägt das Kreuztier ein Kreuz auf dem Rücken. Du sagst: Ich lasse mich doch von Dir nicht aufs Kreuz legen. Das Kreuztier liegt hingegen gerne auf dem Rücken. Es zieht die Beine an und wartet. Manchmal mache ich es ihm nach.

Das Kreuztier hinter dem Tuch (3)

Das Kreuztier ist in doppelter Hinsicht ein Kreuztier. Einmal, weil es meinen Weg kreuzt oder ich seinen Weg kreuze. Zudem trägt das Kreuztier ein Kreuz auf dem Rücken. Ich habe gesehen, wie es auf dem Rücken liegt, die Beine anzieht und wartet. Manchmal mache ich es ihm nach.

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Eine Antwort to “23.04.: Präsentation der DLL-Tippgemeinschaft mit FEIBIG, KIRCHMAYER, MADER & MAISANO”

  1. kcornils April 17, 2012 um 1:13 pm #

    Reblogged this on good friends with bad habits and commented:
    Hingehen.

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