KREUZWORT am 23.01. mit BOEGE, JACKSON, STALLBAUMER & TEZKAN

17 Jan

Nach einem wunderbaren letzten Kreuzwort-Abend, der uns mit verquollenen Augen, rumpelnden Mägen und zufrieden-besonnenem Lächeln aufwachen ließ, nehmen wir nun frisch und unverkatert Fahrt auf. Am Mittwoch werden wir noch Brigitte Struzyk, Ulrich Koch und Peter Wawerzinek in der Lettrétage belauschen und -gutachten, bevor’s am Freitag wieder eine Portion Kunst gibt. Immerhin: Akute Handlungsbereitschaft im Haus am Lützowplatz. Mark Greif ist nicht dabei, der ist zu dem Zeitpunkt leider in jeder Feuilletonsparte jedes Mediums überhaupt. Dafür haben wir das pfundige Lyriksternchen Manuel „Ramboel Stalldoomer“ Stallbaumer bei uns, der nicht nur mit mir zusammen ein Buch verlosen wird, das wohl niemand haben möchte, nein, er hat einen weiteren alten Bekannten eingepackt: Hakan Tezkan kommt ebenfalls aus Leipzig herüber und liest Prosa. Unterstützung findet die Gattung auch durch Luise Boege. Zudem freuen wir uns, Hendrik Jackson begrüßen zu dürfen und mit ihm Alexej Parschtschikow – jedenfalls textlich, Hendrik liest Übersetzungen von Parschtschikows Lyrik.

Die ganz nüchternen und nackten Daten: 23.01.2012, ab 20h im Damensalon in der Reuterstraße 39 (Nähe U Hermannplatz und/oder Schönleinstraße), 3€ Damage, eventuell ein Buchgewinn. Alles klar?

Übrigens möchten wir an dieser Stelle Nora Bossong zum Peter-Huchel-Preis gratulieren. Wieder einmal zeigt sich: Wer häufig bei Kreuzwort auftaucht, kann nur gewinnen. Weitere Personen, die zukünftig noch gewinnen werden und warum:

Luise Boege, geboren 1985 in Würzburg, lebt und arbeitet in Berlin. Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Veröffentlichungen von Lyrik und Prosa in Anthologien und Zeitschriften, zuletzt Entwürfe und Lichtungen. Auszeichnungen unter anderem Open Mike 2006.

Mein Blick scheint etwas kaputtzumachen an den Dingen, denn ich träumte (nehme ich an) einmal von einem dritten Auge, das über meinem eigentlichen Auge (dem rechten) wuchs, und ich fragte mich, gemeinsam mit den bei mir seienden Menschen (Freunde oder so), ob das Bedeutung habe, oder ob dritte Augen nicht einfach so wüchsen (man hatte schon davon gehört in diesem Kreis, also sowohl von der möglichen Bedeutung dritter Augen als auch der Möglichkeit von Nichtbedeutung dritter Augen), also war beides möglich und berechtigte Annahme. Ich konnte ohnehin nicht mehr als vorher auch schon sehen, obwohl ich ja hätte müssen (mit dem dritten Auge). Das juckte (das Auge, und die anderen waren auch lang schon weggeglitten von dem Gespräch, hin zu etwas, das ich, traumüblich, nicht ansehen konnte, etwas, das ich möglicherweise selbst ausstrahlte, ins blinde Zentrum meines Blickfeldes). Seitdem bin ich sensibilisiert für meine eigene Ausdehnung (ich ahne sie).

Hendrik Jackson, geboren 1971 in Düsseldorf. Lebt als freier Autor, Übersetzer und Herausgeber (lyrikkritik.de) in Berlin. Er veröffentlichte die Bändebrausende Bulgen – 95 Thesen über die Flußwasser in der menschlichen Seele, edition per procura 2004, Einflüsterungen von seitlich, Morpheo Verlag 2001, sowie als Übersetzer aus dem Russischen Marina Zwetajewas Poem vom Ende/Neujahrsbrief, edition per procura 2003. Zuletzt erschienen der Gedichtband Dunkelströme, kookbooks 2006, und der Essayband Im Innern der zerbrechenden Schale. Poetik und Pastichen, kookbooks 2007. Hendrik Jacksons Gedichte wurden unter anderem mit dem Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium 2002, dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis 2005, dem Hans-Erich-Nossack-Förderpreis 2006 und dem Friedrich-Hölderlin-Förderpreis 2008 ausgezeichnet. Vor Kurzem erschien im Merve Verlag Helm aus Phlox. Zur Theorie des schlechtesten Werkzeugs zusammen mit Ann Cotten, Daniel Falb, Steffen Popp und Monika Rinck.

Hendrik wird Gedichte von Alexej Parschtschikow lesen, die er aus dem Russischen übersetzt hat. Erschienen sind sie im Band Erdöl bei kookbooks.

Das liest sich dann so:

Igel

Igel: ein dunkler Prophet, der die Wurzel des Himmels zieht,

dessen Nadelbett den Leib Sebastians durchspießt.

 

Sein Rücken: eine Vielheit, geschöpft wie durch ein Sieb,

und der doch in sich, ganz, abgesondert blieb.

 

Zisch ihn an – er  erlischt, gleichsam durchbohrt. Trollt

sich fort. Pass auf, daß er nicht in den Kragen rollt!

 

Der Igel – ein Schlosserutensil; Tölpel, der einen Twist hinlegt.

Abfallkorb an der Haltestelle, von einer Schneewächte verdeckt.

 

Bei Frauen stehen seine Nadeln still, wie in Futteralen.

Verträumten Männern wird er das Kinn zermahlen.

 

Das Verschwinden des Igels – ein trockener Auspuffknall.

Auferstanden? –Dann schüttel dich aus! Nadeln überall!

 

Manuel Stallbaumer, geboren 1990. Aufgewachsen und unter pompösen Umständen größtenteils erwachsen geworden in Aidlingen. Studiert seit 2009 am Literaturinstitut in Leipzig, veröffentlicht hin und wieder Gedichte. Top: War 2011 für den Open Mike nominiert. Flop: Hat nicht gewonnen.

-1wodkatampons als kleinster gemeinsamer nenner
meiner generation. zum zeitpunkt des versagens
der actimelabwehrkräfte trafen wir uns zum

abarbeiten an der ödnis / an molekülgeschwadern
penibel genaue verortung im irgendwo der felder
und als hauptattraktion: german angst wo einer stand
auf dem geländer eines stegs an
einem künstlich angelegten see
und sprang / ich hinterher

(unnötig anzumerken: ’s war august
der vierundzwanzigste oder so vor uns
eine noch zu erbauende vorstadt mit
getthoprädestination)

hakan tezkan, geboren 1989, seit 2009 studium am deutschen literaturinstitut leipzig, ein paar veröffentlichungen.

Die Mutter und der Vater saßen bereits am Tisch und warteten. Darauf zu sehen: in der Mitte ein Glaskrug gefüllt mit Wasser, darum herum Schalen, aus denen es dampfte, außerdem Teller, Besteck, Servietten. M stand am Fenster und fuhr mit den Fingern über die Scheibe, zeichnete die Konturen der Geräte auf dem Spielplatz nach: bunte Klettergerüste, Rutschen, Wippen, ein Sandkasten. Es hatte geregnet, im Sandkasten lagen aufgeweichte Bieretikette und anderes Papier. Die Eltern unterhielten sich darüber, über den Regen, die Sonne, die sich nicht blicken ließ, über das Wetter allgemein; darüber konnte man immer sprechen. M verließ jetzt den Raum, man hörte Türen sich öffnen und schließen, Rascheln, Schritte, dann wieder Türen, kam zurück. Ob er sich nicht setzen wolle, sagten die Eltern dann. Das mache sie ganz nervös, dass er in der Wohnung umher laufe wie ein Streuner. Er setzte sich. Kurz darauf fing er an, mit den Füßen zu wippen, der Tisch zitterte, man hörte das Besteck auf der weißen Tischdecke, auf dem Holz, man hörte es dort ganz deutlich zittern und die Mutter und der Vater schauten M an, sagten erst nichts, schauten ihn bloß an, als würde er wissen, was sie damit meinten; und er wusste auch, was sie meinten, er reagierte bloß nicht. Er solle damit aufhören, sagte der Vater schließlich. M ließ die Beine sofort still und stand auf, stellte sich wieder ans Fenster. Ein Hund pinkelte gerade in den Sandkasten, sein Herrchen war nicht zu sehen. In einer der Wohnungen gegenüber ging das Licht an, man sah einen Schatten hinterm Vorhang auftauchen/abtauchen. Die Mutter strich sich ihren Pulloverärmel hoch und guckte auf ihre Uhr. Wiederholte das kurze Zeit danach wieder. Fragte dann, ob W später komme, ob er etwas gesagt habe. Nein, sagte M, und weiter: der wird schon gleich auftauchen. Er könne sich ja schonmal die Hände waschen, sagte die Mutter und M verließ also das Zimmer, ging ins Bad, drehte den Wasserhahn auf. Er hielt seine Hände nicht darunter, betrachtete sich bloß im Spiegel und machte Grimassen, über die er versuchte zu lachen, er lachte aber nicht. Dann drehte er den Hahn zu und ging zurück ins Esszimmer. Er kehrte den Eltern den Rücken und betrachtete die Wand, die Raufasertapete, die er an einigen Stellen schon abgekratzt hatte, über die seine Eltern immer wieder hatten streichen müssen. Man sah die übertrieben weißen Flecken, wenn man genau hinsah, sie waren dann deutlich zu erkennen.

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