KREUZWORT am 24.10.: Marfutova, vom Brocke & Unterweger

20 Okt

Folks! Wir können endlich wieder einigermaßen geregelt schlafen, denn „außerbetrieb“ ist vorbei. Wer aus Trauer darüber leise vor sich hinweinend Johannisbeerkraut kaut, den dürfen wir ganz unhomöopathisch beruhigen: Kreuzwort übernimmtwieder den Staffelstab! Wir geben uns keine Schonzeit und bringen am 24.10. wieder Literatur in den sympathischen Damensalon in der Reuterstraße 39 in Kreuzkölln (U Schönleinstraße oder U Hermannplatz, Busse 194 oder M29). Unsere neuen Gastgeber öffnen ihre Pforten extra für uns, Einlass ist ab 20h. Diesmal auch elektrisch amplifiziert, versprochen. Wir sind doch professionell und so Kram.

Für 3€ Eintritt gibt’s auch drei Dichtermenschen und wir freuen uns auf ein sehr abwechslungsreiches Programm mit Lyrik und Prosa von YULIA MARFUTOVA, SONJA VOM BROCKE und ANDREAS UNTERWEGER, den man ja eher selten in Berlin erwischt.

YULIA MARFUTOVA, 1988 in Moskau geboren, lebt in Berlin und studiert dort Germanistik. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien.
Textprobe:

Der Ton in meinem Ohr, der immer da ist, wird überlagert vom Schreien der Nachbarn in der Wohnung unter mir und dann vom Schreien ihres Babys. Es ist ein Kanon verschiedenster Tonlagen und -stärken und ich entfliehe aufs Dach; dafür wohne ich schließlich im Dachgeschoss. Ich steige durch das Fenster, es ist nicht kompliziert, und setze mich auf meinen Lieblingsziegel, der nur deshalb mein Lieblingsziegel ist, weil ich immer auf ihm sitze; ich weiß auch nicht, warum.
Der Abend umschließt mich. Er duftet nach Regen; ich weiß nicht, ob nach vergangenem oder noch kommendem. Ich rieche an ihm. Hier auf dem Dach ist nichts außer dem Abend, seinem Duft und dem Ton in meinem Ohr, einzeln, beharrlich, hoch. Ich lausche in den Abend und in mein Ohr hinein. Mein Ohr, das sich nicht behandeln lässt, weil ich es nicht behandeln lassen will. Ich habe mein Ohr gern, wie es ist. Es leistet mir Gesellschaft.

SONJA VOM BROCKE (geb. 1980), lebt zz. in Berlin. Veröffentlichungen in Literatur- und Kunstzeitschriften (u. a. lauter niemand, Lichtungen, Meise), 2010 ›Ohne Tiere‹ im Verlag Heckler und Koch, Berlin
Textprobe:

[…] Ich liebe Sie. Zum ersten Mal kann ich das sagen. Ich denke Sie ohne Parzelle, bei Ihnen wird galoppiert, kaum Biegung am Saum. Und nach Jahrzehnten noch gäbe es keine Kartoffelchips im Ausschnitt. Zum ersten Mal kann ich das sagen, da das Lieben nicht in der Spitze seiner spitz zulaufenden Tüte erstickt; ich liebe Sie. Sie sind mir flimmernd, Sie kennen das, und zwischen uns saust das Sein. […]

ANDREAS UNTERWEGER, geboren 1978 in Graz, Studium Deutsche Philologie und Französisch, 2004 abgeschlossen. Lebt in St. Johann/Grafenwörth. Schriftsteller und Rockmusiker (Gitarrist und Sänger der Band ratlos).
Veröffentlichungen von Prosa und Lyrik in Literaturzeitschriften (u. a. manuskripte), Essays zu Wolfgang Bauer. Erhielt den manuskripte Förderpreis 2007 und den Preis der Akademie Graz 2009.

»Andreas Unterweger schreibt zauberhafte, um alle Kanten eines von Beziehungsarbeit geprägten Alltags schwebende Prosa, die trotz ihrer Leichtigkeit nie an der Oberfläche haften bleibt. Und er beherrscht die Schubumkehr – dann bricht er rigoros mit literarischen Bildern, bis es dem Leser den Atem verschlägt.« (Alfred Kolleritsch)
http://www.andreasunterweger.at/

Auszug aus „Wie im Siebenten“:

»Nachts träumten wir vom Meer, und morgens«, schrieb ich in meinem ersten Buch, »lagen dann wirklich immer Muscheln in der Blumenkiste vor dem Fensterbrett – als hätte sie das Meer, das wir, Judith und ich, geträumt hatten, dort angespült.« – In Wirklichkeit war es natürlich ganz anders. In Wirklichkeit hatte Judith die Muscheln selbst in die Blumenkiste gelegt. Abend für Abend nahm sie ein paar Muscheln aus den Nutellagläsern, in denen sie sie aufbewahrte, wusch sie Stück für Stück unter dem Wasserhahn im Vorzimmer, das uns als Küche diente, und legte sie dann in das sandige Beet der Blumenkiste, zwischen die letzten Äste eines zähen Thymians und die paar dürren namenlosen Halme.
Ich weiß nicht, warum sie das machte. Ich habe sie, soweit ich weiß, auch nie danach gefragt. Aber ich weiß noch, was es mit mir machte, wenn ich am Morgen dort, in der Blumenkiste vor dem Fensterbrett, die Muscheln sah. Ich weiß zwar nicht, warum – aber wann immer ich, der ich mich jeden Morgen an das Fenster setzte, um zu schreiben, die Muscheln dort in der Blumenkiste liegen sah, erschien es mir mit einem Mal nicht mehr unmöglich, zumindest nicht ganz unmöglich, dass Träume – zumindest unsere Träume, Judiths und meine – tatsächlich Wirklichkeit werden können. – Und dass das In-Erfüllung-Gehen von Träumen eine gute Sache sei, das verstand sich damals, als wir, Judith und Andreas, in unserem Zimmer im Siebenten zusammenlebten, ohnehin von selbst.
Damals, am Anfang, waren wir uns da noch ganz sicher.

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