KREUZWORT am 23.05.: BOSSONG, MAROLDT & RUDOLPH

17 Mai

Liebe (potenzielle) KREUZWORT-Besucher, wieso ist eigentlich so wenig los im Mai? Geht es nur mir so oder ist diese klatschige Humidität nur ein Symbol für die Trägheit des müden Zeitgeists? Wichtiger noch: Wen interessiert das, am 23.05. ist schließlich wieder KREUZWORT im Schatzi Neuberg in der Kottbusser Straße 13. Los geht’s nach Entrichtung von 3€ (manche benutzen so bekloppte Worte wie „Bespaßungsgebühr“, wir entschuldigen uns abermals für den leicht angehobenen Preis – das dient der Kostendeckung, wir bitten also um Verständnis) um 20.30h, etwas früher da zu sein hat allerdings noch nie jemandem geschadet. Dann hat man schließlich die Chance auf ein Bier oder einen frischen Minztee (der ist exquisit, ernsthaft!) mit unseren Gästen Nora Bossong, Philip Maroldt und Andre Rudolph. Wie die ihr Leben vor dem nächsten Montag verbracht haben und was sie in dieser Zeit so geschrieben haben, ist hier einzusehen:


Nora Bossong, geboren 1982 in Bremen. Sie studierte Kulturwissenschaft, Philosophie und Literatur an der Humboldt-Universität Berlin, der Universität Leipzig und der Università La Sapienza in Rom (Italien). Ihr Magisterstudium schloss sie mit einer Arbeit zu David Lynch ab. Für ihre literarischen Arbeiten erhielt sie mehrere Auszeichnungen, so den Wolfgang-Weyrauch-Preis 2007 und den Kunstpreis Berlin in der Sparte Literatur 2011. Zudem war sie Writer-in-Residence an der New York University (USA) sowie an der Universität Nanjing (VR China).

Einzelveröffentlichungen: Gegend (Roman, FVA 2006), Reglose Jagd (Gedichte, ZuKlampen 2007), Webers Protokoll (Roman FVA 2009), Sommer vor den Mauern (Gedichte, Hanser 2011).


Rolandslied

Und gingen wir durch meine Mutterstadt
fast lautlos, sprach er nichts, als bliebe es so
ungesagt und lag in diesem Sommertag
ein heißes Flüstern, gab uns kein Baum,
kein Tunnel Schatten, ließ meine Hand von
seiner Hüfte ab und fragte er mich nach
des Laudons Grab – ich weiß nicht, glaub,
er wollte nicht mehr weiter,
mein Vater.


Philip Maroldt, geboren im November 1981 in Berlin. Studium der Literaturwissenschaft, Geschichte und Philosophie an der Technischen Universität Berlin. Musiker. 2004 – 2009 Mitorganisator der S3 LiteraturWerke (www.s3-berlin.de). 2006 Mitherausgeber der Anthologie „Wat los Parzen?“. 2008 und 2010 Finalist beim open mike der literaturWERKstatt Berlin. 2010 künstlerischer Leiter der vom Berliner Senat geförderten Lesungsreihe DAT3NSCHRE1BER. Mitarbeit beim poesiefestival berlin 2011. Veröffentlichungen aktuell: Prosa in Randnummer – Literaturhefte Nr. 3 sowie in 1+1+1=1 Trinität, Edition Korrespondenzen 2011.
Herbst 2011 erscheinen Gedichte & Poetologisches in der Zeitschrift OSTRAGEHEGE.
Außerdem ist der text „rube-goldberg-cube“ in der aktuellen Ausgabe von karawa.net zu lesen.

1011

im mai verdichten sich wolken
_____________________________mitunter spontan zu etwas
wie leitstraengen doppelt gewunden
_____________________________verdrillt tatsaechlich diskret
wie das erbgut noch unaufgewogen –
_____________________________schwerelos fast reiner geist doch
erst wenn sie eindunkeln wird
_____________________________aus dem himmel ein lichtspiel
aus lesbaren glyphen fluessig
_____________________________kristallklare spuren die iris
wird schluessel fuer kunden
_____________________________halbierte stunden & sogar
der hagel schlieszt heute den feldversuch
_____________________________irgendwie liebevoll ab unter
schonung der apfelbaumschule


Andre Rudolph, geboren 1975 in Warschau, aufgewachsen in Leipzig. 1993-1999 Studium der Germanistik, Philosophie und Slawistik in Leipzig und Freiburg. Lebt als Autor und Übersetzer in Leipzig. Gedichte, Essays und Übersetzungen in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien, u.a. Sinn und Form, Edit, BELLA triste, Intendenzen, Sprache im technischen Zeitalter, Akzente, Ostragehege, Gegenstrophe, Lyrik von Jetzt Zwei, Neubuch, Jahrbuch der Lyrik, DIE ZEIT. – Einzelne Gedichte wurden ins Englische, Polnische und Rumänische übersetzt und vertont. „Fluglärm über den Palästen unsrer Restinnerlichkeit“. SWR-Bestenliste März 2010. (In der Endrunde zum Peter-Huchel-Preis 2010.) Übersetzungen polnischer Lyrik. Finalist beim 15. Open Mike der LiteraturWERKstatt Berlin 2007, Prosanova-Literaturpreis 2008, Lyrikpreis Meran 2010, Kranichsteiner Literaturförderpreis 2010 und Preis der Schülerjury, Stipendium des kunstraum sylt:quelle 2010, LCB-Übersetzerstipendium 2010, Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis 2011 (Leonce-und-Lena)


on the roof


da oben, auf dem beleuchteten dach, saß
gestern früh um halb fünf
diese amsel, du erinnerst dich, und
klackerte mit ihren pfennigabsätzen, während
wir unser gutenachtbier tranken
und ihr zuhörten;

gedichte über amseln haben ja
den vorteil, dass sie schwarz sind und
von den rändern her singen,
das problem bei diesen vögeln ist nur,
dass sie es einem nicht leicht machen,
das thema zu wechseln, wenn sie
einmal aufgetaucht sind;

ja, christoph, es war eine lange nacht
und wir haben wiedermal versucht, gemeinsam
so eine lady aufzutun, aber als sie dann
zwischen uns auf deinem sofa saß, ließ sie es
kaum zu, dass wir auch nur in gedanken
ihren goldnen bauchnabel berührten;

golden war ihr bauchnabel, ja, und aus
zungen, und aus lauterem gold, und üppig war sie
wie die sicherungskopie einer mahlersinfonie,
aber ihre außentemperatur: höchstens 35
grad, und mit ihr zu tanzen schwerer als
damals deinen kleiderschrank übers
treppenhaus in die dritte etage zu wuchten,
good lord;

ich sage dir, wir hätten unsre rumänischen
trachtenkostüme rausholen sollen, dann hätten
wir vielleicht eine chance gehabt, aber
ich hab ja ihre hände studiert, glaub mir, diese über-
scharfe merkurlinie, die sich entlang
ihrer handkanten hinzog wie eine alte wunde, –
das hätte wirklich andere maßnahmen
erfordert, – ja, hätte es wohl;

jemand muss sie verletzt haben, sagst du,
und hast vielleicht sogar recht, aber
das rettet uns jetzt auch nicht mehr;
ja, nein, lassen wir es, man muss nicht immer
alles ausbabeln, nicht wahr, bis zum großen
finale…

genau, lass uns die amsel bezahlen und gehn.

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