Am Montag (4.10.) ist Kathrin Röggla bei unseren Freunden von der Lettrétage zu Gast

2 Okt

Datenschreiber V: Bündnisfall Kathrin Röggla

Montag, 4.10.2010

19:30 Uhr

Eintritt 5 €

Lettrétage
Methfesselstraße 23-25
10965 Berlin

Link: http://www.lettretage.de/

Zu Kathrin Rögglas „die alarmbereiten“ (S. Fischer):

In ihrem im Frühjahr erschienenen Prosaband „die alarmbereiten“ schildert Kathrin Röggla die Dramaturgie täglicher Krisensituationen. Ob Finanzkrise, Klimakatastrophe oder die mediale Berichterstattung darüber – all das ist längst Teil unseres Alltags geworden. Auf geschickte Weise entlarvt die in Berlin lebende Autorin die Abläufe dieser Ereignisse und konfrontiert den Leser mit seiner eigenen Hilflosigkeit in diesem bizarren Handlungsgefüge. Wie viel Handlungsfähigkeit besitzt der Einzelne in der heutigen Gesellschaft?

Kathrin Röggla sieht sich zwar eher als Erzählerin, in „die alarmbereiten“ geht sie jedoch essayistischen Fragestellungen nach, die sie in anspruchsvoller Prosa aufbereitet. Sie hebt die ebenso aktuellen wie kontroversen Themen auf eine andere Ebene und findet dabei eine Form der Darstellung, die über die Wirkung eines Essays, eines Sachbuchs weit hinausgeht. Der Leser wird durch die ungewöhnliche Erzählsituation mit Automatismen konfrontiert, die für ihn zuvor im Unbewussten lagen, mit denen er sich nicht auseinandersetzen konnte oder wollte. Er wird in einen Sog aus Panik, Lethargie, Orientierungslosigkeit und selbst ernanntem Expertentum gezogen, dem er sich schwer entziehen kann.

Damit verfolgt Röggla einen psychologischen Ansatz: Die Lektüre von „die alarmbereiten“ ist alles andere als entspannend. Die geschilderten Situationen sind unbequem: Man ist abgeschirmt von der Glasfront eines Tagungsraumes und blickt auf einen leeren Parkplatz, auf eine Welt, die im Begriff sein könnte unterzugehen; man ist nachts um zwei in ein Telefongespräch verwickelt und fragt sich, welches grausame Naturspektakel als nächstes bevorsteht, oder ob man sich die Klimakatastrophe gar nur einbildet; man ist Teilnehmer eines Seminars, in dem mit hohlen Phrasen Nachhilfestunden in Sachen Wirtschaft erteilt werden; man ist mit einer zur Biopolitik ausartenden Kindererziehung konfrontiert; man ist eine über humanitäre Arbeit recherchierende Autorin; man ist eine nach acht Jahren Höhlendasein Befreite, die zum Spielball von Gesellschaft und Medien wird, man liegt schließlich im Sterbebett und hört den Deutschlandfunk – man ist alarmbereit.

Die 1971 in Salzburg geborene Autorin schreibt Prosatexte, Hörspiele, Theaterstücke und Essays mit sozialkritischem Anspruch. Für ihr Werk wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, so erhielt sie unter anderem den Preis der SWR-Bestenliste (2004), den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch (2005) und den Anton-Wildgans-Preis (2008). Zuletzt erschien von ihr „wir schlafen nicht“ (2004), „disaster awareness fair“ (2006), „gespensterarbeit, krisenmanagement und weltmarktfiktion“ (2009) und „die alarmbereiten“ (2010).

Interview: „Wir sind an die Erzählung von Katastrophen gewöhnt“

Frau Röggla, Ihr Buch heißt „die alarmbereiten“ und der Titel scheint Programm zu sein.

Kathrin Röggla: Natürlich. Mich hat interessiert, wie das eigentlich funktioniert, diese ständige Katastrophengrammatik, in die wir eingespannt sind. Wir sind ja medial von Katastrophenrhetorik und Katastrophenerzählungen umgeben. Unsere Antwort darauf bzw. unsere Disposition ist eine Alarmbereitschaft. Wir scheinen die Alarmbereiten zu sein, weil man uns ja auch als Alarmbereite anspricht. Das ist insofern merkwürdig, weil wir gleichzeitig das Gefühl für politisches Handeln verloren haben oder drohen zu verlieren. Diese Alarmbereitschaft verbindet sich nicht wirklich mit dem Gefühl, dass wir die Welt gestalten können, sondern ist eher eines der Überrumpelung und der Überwältigung – dass wir notfalls eben reagieren können.

Eine Ihrer Hauptthesen ist, dass die Alarmbereitschaft schon zum Dauer- bzw. Normalzustand in der Gesellschaft geworden ist.

Das Verhältnis von Alltag, Normalität und Ausnahmezustand hat sich verschoben in den letzten 10, 15 Jahren. Sicher war der 11. September ein Katalysator für diesen Prozess, dass wir eigentlich immer stärker mit dem Ausnahmezustand als das Normale leben. Dieser Zustand wird natürlich instrumentalisiert, auch politisch. Da wurden natürlich Gesetzesänderungen durchgebracht – zum Stichwort „innere Sicherheit“ und zur „Sicherheitsarchitektur der Länder“. Zu diesem Thema gibt es schon seit 10 Jahren eine breite Diskussion: Bürgerrechte, Freiheitsrechte vs. Sicherheit – und das hat sich insgesamt sehr verschoben.

Wie sieht es mit dem Einfluss der Medien auf die Alarmbereitschaft der Bevölkerung aus? Schließlich erwartet man, immer mehr Antworten über die Medien vermittelt zu bekommen.

Gut, das ist, glaube ich, ein Prozess, der schon lange im Gang ist, dass wir immer mehr auf die Medien vertrauen, in einer Mediengesellschaft leben und gar nicht mehr vernünftiges Handeln mit den realen Katastrophensituationen einüben oder kennen. Ich glaube, es ist gar nicht so untypisch, dass Medien über Katastrophen schreiben, weil das im Grunde etwas ist, was immer viele Leser gebracht hat, auch schon vor 200 Jahren. Es ist nur so, dass es einfach jetzt möglich ist, diese Art des Sprechens über Dinge auf alles auszuziehen – immer so eine Art Ausnahmezustand zu postulieren, so eine Art Krisenmechanik, die alles erfasst, das ist der Unterschied.

Diese Krisenmechanik wird mit Hilfe der neuen Medien weiter vorangetrieben. Scheinbar kann nun jeder, beispielsweise mit der Hilfe von Twitter, zum Experten werden und seine Meinung kundtun.

Es stimmt, ich meine: der „Mann von der Straße“, das findet man ja auch in der Tagesschau immer mehr, dass man sich die Meinungen dort einholt – dass eine scheinbare Demokratie in den Medien erzeugt wird, dass scheinbar jeder etwas sagen kann, sich äußern kann. Das ist im Grunde eine Pseudogeschichte, das ist keine Information, die irgendwie relevant ist, es wird aber so getan, als würde man da irgendwie alle mitbeteiligen. Es spielt sich aber nur auf einer Scheinebene ab.

Was mir in „die alarmbereiten“ immer wieder aufgefallen ist: Die jeweiligen Erzähler der Geschichten werden eigentlich permanent von ihren Gesprächspartnern in den Hintergrund gedrängt.

Die Ich-Erzähler kommen nur ganz selten zu Wort, kommen eigentlich überhaupt nicht zu Wort in den ganzen Texten. Das ist auch ein ganz wichtiges, zentrales Moment. Also dass sozusagen das Ich, das eigentlich das Zentrum einer Ich-Erzählung darstellt, im Grunde rausgedrängt wird und nur noch eine Projektion oder Vehikel ist. Auf eine Weise hat das Buch etwas sehr Psychologisches: Insofern, dass ich mich gefragt habe, wie fühlt es sich an, als wer wird man angesprochen in dieser Katastrophengrammatik, wer ist man da noch.

Und wie fühlt es sich an, wer ist man da?

Man ist nur sozusagen Zuschauer oder Opfer in so einer Situation und ist ganz, ganz klein. Es gibt eigentlich nur diese Panoramasicht wie im Hollywoodfilm – wie die Stadt zusammenfällt, aber man hat halt Heldenfiguren, die sich darum entwickeln, man identifiziert sich zwar mit den Helden in Katastrophenfilmen, aber das ist ja nun mal das Genre. Aber für uns als Subjekte ist sie immer viel zu groß, die Geschichte – das Bild ist immer viel zu groß, wir gehen da immer verloren. Und ich hab das Ganze scheinbar mal so umgedreht, weil das Ich ja das Zentrum im Text sein soll. Die Ausgangsidee war ja auch, eine Art Entwicklungsroman zu schreiben – das ist jetzt nur noch bruchstückhaft zu sehen – das ist sozusagen die Idee gewesen, dass ich dem Ich auf ganz perverse Weise sehr viel Raum einräume, aber zugleich darf es nicht sprechen.

Ich finde, dass sich das alles auch auf den Leser überträgt. Man hat zwar schon diese Ich-Situation, aber gleichzeitig hat man die meiste Zeit auch das Gefühl, dass einfach nur alles auf einen einredet und man sehr hilflos ist in dem Moment, dass man eigentlich nichts zu sagen hat und sich das alles anhören darf und wenn man dann doch zu Wort kommen möchte, es einem abgeschnitten wird.

Also das freut mich das zu hören, auch wenn es schrecklich klingt – aber das ist natürlich meine Provokation, aber wenn das so aufgeht, dann hat das funktioniert.

Durch die Kleinschreibung, den Rhythmus des Textes und die stete Verwendung des Konjunktivs wird man als Leser in eine gewisse Hektik und in einen Sog gezogen, dem man sich schwer entziehen kann.

Hektik würde ich jetzt nicht für alle Texte gleichermaßen sagen, aber den Sog kann ich mir gut vorstellen. Ich arbeite natürlich sehr stark mit musikalischen Mitteln, eben mit Rhythmus, einer gewissen Bildlichkeit und mit Wortwiederholungen. Das ist natürlich dazu da, um es abzubilden und auf die Spitze zu treiben, das was wir eben ständig in dieser Katastrophendramaturgie erleben. Also ich bin zufrieden mit der Leserrezeption.

Wie kamen Sie hierbei zum Konjunktiv?

Der Konjunktiv schafft eine zeitliche Distanz, also wenn ich die Rede von jemandem wiedergebe, erlebe ich es ja nicht in dem Moment. Ich schaffe eine räumliche Distanz oder kann sie schaffen, man berichtet beispielsweise über etwas, das nicht mehr da ist und der Konjunktiv bringt eine mediale Ebene herein, also dass man kolportiert wird oder man berichtet von etwas, das jemand anderes gesagt hat. Das ergibt dann ein Erzählverfahren, das zwei Ebenen hat – einmal den Raum, in dem das eigentlich stattfindet, und dann wie es übersetzt wird. Das hat mich von Anfang an wahnsinnig fasziniert und mir war klar, dass ich das entwickeln wollte, mir anschauen wollte. Also in diesen Hollywoodfilmen hätte man ständig das ewige Präsens – „ich bin dabei, ich sehe es so“ – ich wollte diese Distanzebene mit reinbringen, man ist eben der Zuschauer, man ist immer getrennt, aber möchte halt ran – man fühlt sich immer wieder zurückgesetzt.

Ja, man hat das Gefühl, die eigene Meinung nicht äußern zu können und nur noch ein Spielball zu sein. Auf der einen Seite wird man als Leser zur Aktivität gedrängt und auf der anderen Seite kann man sich nur passiv verhalten. Sie haben den dramaturgischen Aufbau von Krisen erwähnt, der denen von Hollywoodfilmen zu ähneln scheint.

Da kann man immer sehr gut den 11. September als Beispiel bringen, wo sich selbst Terroristen am Hollywoodkino orientierten, weil sie wissen, dass sie damit den größten Effekt erzielen. Wir leben in einer Mediengesellschaft und das hat einfach einen wahnsinnigen Einfluss. In „disaster awareness fair“, das ist ein Essayband, den ich geschrieben habe, habe ich mich auch mit dem 11. September beschäftigt und mit Katastrophenerzählungen in den USA. Und wenn ich dann höre, dass George W. Bush Drehbuchautoren ins Weiße Haus einlädt, damit sie ihm nach dem 11. September erzählen, wie es weitergeht, dann weiß man, wie stark das vertwistet ist, also dass man eben nicht mehr diese Film- oder Narrationswelt, diese Hollywoodwelt trennen kann von der politischen Ebene. Man denkt immer, dass das Hollywoodkino Bezug auf die reale Welt nimmt, aber umgekehrt denkt man sich das nicht.

Wenn man sich Ihre Arbeiten ansieht, scheint es, als sei das Ihr Thema: Katastrophen, Krisen, wie sie dargestellt werden und wie wir damit umgehen und leben.

Also es gibt zwei Stränge in meiner Arbeit. Zum einen ist das Ökonomie und Arbeit, zum anderen Katastrophen und Ausnahmezustand, manchmal verbinden sich diese Stränge auch. Das beschäftigt mich schon sehr lange, nicht nur nach dem 11. September, diese Ausnahmezustandsfrage – mein Vater hat immer in Krisengebieten gearbeitet, das ist so ein biografischer Hintergrund. So war von Kindheit an dieses Thema da und durch den 11. September hatte ich dann den Anlass, darüber zu schreiben, auch über die Verschiebung, dass es immer normaler wird, in diesem Ausnahmezustand zu leben. Das ist aber sicher nicht getrennt zu sehen von dem zweiten Strang, von der Ökonomie, die ja – Naomi Klein hat das „Katastrophenkapitalismus“ genannt – also dass eben eine bestimmte Struktur oder eine Form von Kapitalismus auch Katastrophen erzeugt und wo Katastrophen auch helfen, eine gewisse Umverteilungen auch weiter zu gewährleisten und eine gewisse Machtstruktur zu erhalten.

Trifft diese Einschätzung auch auf Deutschland zu?

Ich denke, das ist etwas, was wir in Deutschland vielleicht noch nicht in dem krassen Maße auf den ersten Blick zu erfahren scheinen, aber wenn man dann genauer hinguckt, wenn man sich ansieht, wie unsicher unser Leben geworden ist, das Arbeitsleben in den letzten 20 Jahren, dann ist das gewaltig. Die junge Generation heute erwartet z.B. keine festen Verträge – so etwas ist von Vorvorvorgestern, heißt es – das sind Kleinigkeiten, die aber was damit zu tun haben, dass man ständig Angst haben muss rauszukippen, wegzufallen, keine soziale Struktur mehr zu haben. Man muss um sein Leben kämpfen, entweder „grow or go“ oder „up or out“ oder diese ganzen Sprüche, die schon sehr junge Menschen auf den Weg mitbekommen. Da ist ein hohes Maß an Unsicherheit in die Gesellschaft hereingekommen.

Inwieweit können wir oder leben wir bereits schon mit diesen Krisen oder Katastrophen? Bilden wir uns vielleicht einige Katastrophen nur ein, wie Sie in einer Passage über den Klimawandel schreiben, weil wir durch die Medien, durch die Filmästhetik schon grundsätzlich von Katastrophen ausgehen? Was ist da, die Katastrophe oder die Fiktion der Katastrophe?

Man muss schon immer ganz klar unterscheiden: Wir sind nicht an Katastrophen gewöhnt, wir sind an die Erzählung von Katastrophen gewöhnt. Also wenn wir jetzt hier Situationen hätten wie in Usbekistan oder in Teilen Afrikas, wo der Klimawandel heute faktisch stattfindet und auch Seen austrocknen, ganze Landwirtschaften nicht mehr funktionieren – das haben wir ja hier nicht. Das ist auch etwas, das es dann so schwierig macht zu reagieren, wenn man es nicht mitkriegt und man quasi nur so am Rande spekulativ dabei ist, dann betrifft es einen nicht. Das ist genauso mit der Finanzkrise – wir waren nun mal nicht in London oder in Island oder in den USA und haben in Zeltstädten wohnen müssen, sondern uns geht’s ja noch relativ gut, auch wenn eine kleine Minderheit etwas verloren hat, aber es ist ja jetzt noch kein Staatsbankrott in Sicht.

Dann gehören wir noch gar nicht zu den Betroffenen?

Das kann sich schnell ändern und das ist eben auch das Heikle an diesem Thema, denn es gibt ja schon reale Katastrophen, auf die man reagieren muss, aber davor gibt es ja erstmal die Produktion dieser realen Katastrophen. Und wir leben nun mal in einer Zeit, die massiv Katastrophen produziert. Das ist etwas, das seltsamerweise immer gerne vergessen wird, obwohl das bei der Finanzkrise offensichtlich ist und beim Klimawandel auch, dass die von Menschen gemacht oder produziert werden. Aber auch wenn sie sozusagen natürlich sind, wie zum Beispiel beim Hurricane Cathrina, entsteht die eigentliche Katastrophe dadurch, dass man keine Vorsorge getroffen hat. Das ist ja auch etwas, was man gesellschaftlich verhandeln muss. Und das ist genau das, was die mediale und politische Katastrophenrhetorik paradoxerweise verhindert. In meinem Buch ging es mir aber weniger darum, Lösungswege aufzuzeigen, als die Probleme erstmal in ihrer Drastik zu veranschaulichen.

Vielen Dank für das Gespräch.

(Von Carolin Beutel, Zuvor erschienen bei: Der Standart, Die Junge Welt und Die BLK)

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