KREUZWORT am 27.02.: PARA-Riding mit Rinck & Filips (aus Jackson) & Wigbert

21 Feb

Wir halten uns mal wieder raus und übergeben den Staffelstab an diese beiden Personen:

Hauntologisch, was? Filips / Rinck – noch dabei: Bodock Wigbert und die Texte von Jackson. Und eventuell noch die von Filips / Rinck, dann würde sich der Kreis ja schließen.

Hard facts: 27.02. / Damensalon (Reuterstraße 39) / 3€ Damage, ab 20h. 

WAS IST EIN GEDICHT?

Was ist ein Gedicht? Ein Gedicht ist nichts. Durch Beharrlichkeit kann aus einem Gedicht etwas werden, aber dann ist es etwas und nicht ein Gedicht. Warum ist es nichts? Weil es nicht angeschaut, gehört, berührt oder gelesen werden kann (was gelesen werden kann, ist Prosa). Es ist kein Ergebnis von Erfahrung, sei sie gewöhnlich oder ungewöhnlich, es ist das Resultat der Fähigkeit, innerhalb der Erfahrung ein Vakuum zu schaffen – es ist ein Vakuum und daher ist es nichts. Es kann nicht angeschaut, gehört, berührt oder gelesen werden, weil es ein Vakuum ist. Da es ein Vakuum ist, kann der Dichter sich nicht schmeicheln noch dafür Schmeicheleien einfordern. Da es ein Vakuum ist, kann es nicht vor Publikum wiedergegeben werden. Ein Vakuum ist unveränderlich und unverrückbar ein Vakuum – das einzige, was ihm zustoßen kann, ist Zerstörung. Wäre es möglich, es vor Publikum wiederzugeben, würde daraus die Zerstörung des Publikums resultieren.”

Aus PARA-Riding, roughbooks 2011

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++
Die amerikanische Dichterin Laura (Riding) Jackson schlug sich schnurstracks auf die Seite der Wahrheit. Die Bezeichnung Dichterin schlug sie von da an aus. Sie dichtete auch nicht mehr, sondern widmete sich der Frage, wie Sprache sein und behandelt werden müsse, um wahrheitsfähig zu sein. Das Roughbook “PARA-Riding” stellt die 1991 verstorbene Autorin vor, in Behauptungen, Essays, in Gedichten, in Übersetzungen, Überschreibungen und in uns allen.

Christian Filips und Monika Rinck haben zwei Jahre übersetzt, gesammelt, bewahrheitet, ersetzt, auf Ridings Fragen geantwortet und neue Fragen gestellt. Am 27. Februar 2012 ab 20 Uhr stellen sie das Buch PARA-Riding im Rahmen einer KREUZWORT-Lesung vor. Und wenn ihnen danach ist, auch noch andere Sachen. Je nachdem.

Am Cello sagt sprachlos die Wahrheit: Bodock Wigbert.

+++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

BIOBIBS

Bo Wiget, Komponist, Cellist, Performer, wurde 1971 in der Schweiz geboren. Er arbeitet als Theatermusiker und ist eine Hälfte des Performance-Duos „Beide Messies“. Veröffentlichte verschiedene CDs, zum Beispiel mit Luigi Archetti, mit dem er auch eine Reihe preisgekrönter Musikvideos drehte. Rege Zusammenarbeit mit KünstleInnen aller Sparten.

Monika Rinck, (*1969) in Zweibrücken, lebt in Berlin. 2001 erschien Begriffsstudio 1996 – 2001 in der edition sutstein, (www.begriffsstudio.de), 2004 der Lyrikband Verzückte Distanzen im zu Klampen! Verlag. Im Oktober 2006 folgte der Essayband: Ah, das Love-Ding! bei kookbooks, und im Frühjahr 2007 der Lyrikband zum fernbleiben der umarmung im gleichen Verlag. 2008 das Hörbuch: Pass auf, Pony in der edition sutstein. 2009 folgt der Lyrikband HELLE VERWIRRUNG / Rincks Ding- und Tierleben bei kookbooks, Berlin.  Im Herbst 2011 erschien PARA-Riding (mit Christian Filips) als roughbook 015 bei Engelers Erben und die kollektive Poetologie HELM AUS PHLOX im Merve Verlag (zusammen mit Cotten, Falb, Jackson, Popp). Außerdem: ICH BIN DER WIND. Geschwinde Lieder für Kinder (mit W. Taubert, K. Tchemberdji) bei kookbooks. Im Frühjahr 2012 erscheint ihr neuer Lyrikband HONIGPROTOKOLLE bei kookbooks.

Christian Filips, geboren 1981 in Osthofen bei Worms, lebt in Berlin. Seit 1998 Veröffentlichungen von Gedichten, Übersetzungen und Essays, 2001-2003 Dramaturg am Tanztheater des Staatstheaters Darmstadt. Seit 2006 Programm- und Archivleiter der Sing-Akademie zu Berlin, Begründung der Liedertafel als Werkstatt für Neue Musik und Poesie. Gemeinsam mit Urs Engeler gibt er die roughbooks heraus. 2009 erschien die Pasolini-Übersetzung Dunckler Enthusiasmo, 2010 der Gedichtband Heiße Fusionen, im Herbst 2011 PARA-Riding (gemeinsam mit Monika Rinck).

Tags:, , , , , , , , , , , , , ,

KREUZWORT am 13.02.: FILYUTA, LANGE, L. SCHNEIDER & STOLTERFOHT

11 Feb

Selbst wir verfolgen manchmal so etwas Ähnliches wie ein Konzept und wissen es nur gut zu tarnen. Das wird uns beim nächsten KREUZWORT-Abend sicherlich schwer fallen, weil’s furchtbar offensichtlich sein wird, welche Idee hinter dem Ganzen steckt. Deswegen kann man es doch gleich auch aussprechen: Übersetzungen! Nachdem es uns sehr gut gefallen hat, dass uns Hendrik Jackson seine Übertragungen von Alexej Parschtschikows Gedichten entgegen gebrüllt hat, lag es für uns Nahe, ein ganzes Event aus der Sache zu machen. Und keine Sorge: Es wird nicht diskutiert, theoretisiert oder sonstwas. 

Es wird einfach nur gelesen. Alexander Filyuta präsentiert die Gedicht von Dimitri Golynko, Norbert Lange wird uns einen Einblick in seine bald bei luxbooks erscheinenden Übertragungen der Lyrik George Oppens, Lea Schneider stellt uns den chinesischen Dichter Yan Jun vor und zu guter letzt – jedenfalls dem Alphabet nach – wird auch Ulf Stolterfoht seinen Teil beitragen, er liest aus seinen Übertragungen von Tom Raworth.

Kommt also und hört diesen Leuten zu und lernt durch sie noch andere Dichter kennen. So ein Abend funktioniert schließlich nach dem Schneeballsystem deluxe. Also bitte mal am Montag, dem 13.02. ab 20h im wunderhübschen Damensalon in der Reuterstraße 39 eintrudeln und die 3€ Damage (wie Carolin ja immer auf Facebook schreibt) nicht vergessen.

 

Alexander Filyuta wird Gedichte von Dmitri Golynko lesen.

Dmitri Golynko wurde 1969 in Leningrad, UdSSR, geboren. Nach dem Studium der Kunsttheorie und Russischen Literatur promovierte er mit einer Arbeit über die russische Post-Avantgarde des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Er war 2004/2005 für zwei Jahre Gastprofessor am slawischen Institut der Cheongju Universität in Südkorea und ist zurzeit Forschungsbeauftragter am kunstgeschichtlichen Institut St. Petersburgs. Neben der Auseinandersetzung mit Film- und Medientheorie, die er unterrichtet, zeichnet er für zahlreiche Essays zu Themen der zeitgenössischen Kunst und Literatur verantwortlich, die in renommierten Zeitschriften Russlands erscheinen.

Для чистоты эксперимента

1
чего не сделаешь ради
чистоты эксперимента
задницу поднимешь
зароешься в каракуль

вид если болезнен
выведены все блохи
в наваленной куче
выискивая пропащую

2
получая квалификацию
рабочий становится мастером
надежным, красного кхмера
потянуло в историю

пролетающий бомбардировщик
роняет что-то тяжелое
на пролежень деревни
она жестокая, понимаете

3
уже совсем оперилась
проводила колючим взглядом
выброшенное знамя
растопырено на ветру

засаленная банкнота
с мордой родоначальника
ложного пониманья свободы
передана в грязные руки

4
она была еще чистой
когда в руки попалась
мужской цинизм
бывает милым и незлобивым

удовлетворенно кивнув
устремляется в ту сторону
откуда возврат и есть
перескок через границу

5
смалодушничал и в пролете
подозвать что ль костолома
всех тошнит, одного ли
кулачки держать принято

кто бы знал, что пробудка
обернется таким геморроем
выписывает кругали
шпана, оседлав мотороллер

6
ее еще не было в проекте
когда с ней совершил что надо
теперь она маленький динозаврик
за такое спросится строго

вставая раком и сплюнув
полагается слыть грязным
для чистоты эксперимента
благородства прибавится

7
насаждая законность
там, где ею не пахло
тиран совершает благо
пролетариат недоволен

разоренные гнезда
кукушки валяются здесь и там
кровопийца с милейшей улыбкой
делает людям приятно

8
покрыта веснушками
часть лица, так не видна
бледная кожа, мостится ад
известно чем, отродясь

не бывало такой температуры
вытирая смоченным
полотенцем пот, над собой
немного приподнимается

9
гопота подвалила
к самому краю, вспылив
развернулась и вышла
на воздух, подыхает

 хиляка, бублик преломлен 

между, жидковато, движок
переведенный в горизонтальное положенье
застывает будто на полуместе

 

27 января – 6 февраля 2004 года

 

Alexander Filyuta, geb. 1971 in Leningrad (UdSSR). Studierte an der
Humboldt Universität in Berlin. Veröffentlichungen von Übersetzungen
in Zeitschriften und Anthologien (zuletzt “Randnummer” (Hamburg)
Nr.4/2011, demnächst (Poetenladen/Berlin) “Poet” Nr.12, März 2012).
Organisiert zusammen mit “schleusen im ausland”-Team die Reihe “Lyrik
im ausland” im Veranstaltungsraum “ausland e.V.”
(www.ausland-berlin.de).

Für die Reinheit des Experimentes

 1

was man nicht alles macht für
die reinheit des experimentes,
sich in den Hintern treten
oder in einen persianer vergraben,

wenn das äußere krankhaft ist?
alle flöhe sind ausgerottet.
im aufgeworfenen haufen
sucht man das Verlorene.

2
qualifikationenerwerb macht
einen arbeiter zu einem tüchtigen
meister, den roten khmer
zieht es in die geschichte,

ein vorbeifliegender bomber
lässt etwas schweres fallen
auf den druckbrand des dorfes.
sie ist grausam, verstehen sie?

3

jetzt ist sie ganz flügge,
verabschiedete mit beißendem blick,
das ausgeworfene banner
ist im winde gespreizt.

eine fettige banknote
mit der visage des stammvaters
des falschen freiheitsverständnis
ist in die schmutzigen hände gedrückt.

4

sie war noch rein
als sie in die hände geriet,
männerzynismus
kann süss und sanftmütig sein.

befriedigt genickt
steuert dahin
woraus die rückkehr selbst
ein sprung über die grenze ist.

5

schiss bekommen – und rausgeschossen,
man rufe einen knochenbrecher herbei.
ob es einem übel ist oder allen?
es gehört sich daumen zu drücken.

wer hätte gedacht, dass das erwachen
sich als ein knalliges trouble erweist?
einen motoroller gesattelt
dreht das gesindel runden.

6

sie war noch nicht mal in der planung,
da beging man mit ihr, was sein musste.
nun ist sie ein kleiner dino,
auf so etwas steht strenge.

gebracht in doggystyle, gespuckt darauf,
gehört es sich dreckig zu gelten.
für die reinheit des experimentes
wird die noblesse zunehmen.

7

um gesetzlichkeit dort aufzubringen,
wo es danach nicht mal schimmert,
vollführt tyrann eine wohltat.
das proletariat bleibt unzufrieden.

geplünderte kuckucksneste
liegen zerstreut durch die gegend,
ein blutsauger mit lieblichstem lächeln
macht‘s angenehm für die menschen.

8

bedeckt mit sommersprossen
ist ein teil des gesichtes, so ist die blasse haut
nicht sichtbar, gepflastert wird die hölle
seit je her bekanntlich – womit.

 

eine unerträgliche hitze.
mit angefeuchtetem tüchlein

erhebt sich, den schweiß abwischend,
ein wenig über sich selbst.

9

das pöbel rückte bis zur grenze,
drehte sich um aufgebraust,
und ging hinaus
an die luft. der schlappschwanz

 

verreckt, die brezel ist geknickt
dazwischen, mulmig. den schieber

in die horizontale lage gefahren,
erstarrt wie am halbort.

 

27 Januar – 6 Februar 2004

 

Norbert Lange wird Gedichte von George Oppen lesen.

George Oppen (1908-1984), geboren in New Rochelle/New York, gestorben in Californien, ist eines der bekanntesten Mitglieder der Objektivisten, einer Dichtergruppe, die sich Ende der 20er-Jahre in New York um Louis Zukofsky, Carl Rakosi, Charles Reznikoff in enger Verbindung zu W.C. Williams und Ezra Pound (als Vorläufern) bildete. Einflußreich wurden die Objektivisten erst in den späten 60er-Jahren und frühen 70er-Jahren, als eine nachrückende Dichter-Generation den Versuch unternahm, das Politische mit dem Poetischen zu verbinden. Oppen gab in den 30ern das Schreiben für 25 Jahre ganz auf und widmete sich der Arbeit im Umkreis der amerikanischen kommunistischen Partei, was ihn nach dem Zweiten Weltkrieg ins Visier des Hauses für Unamerikanische Tätigkeiten geraten ließ. Erst Ende der 50er konnten er und seine Frau Mary das mexikanische Exil verlassen und wieder in New York leben, wo er wieder zu schreiben begann. 1969 erhielt er den Pulitzer Preis für „Of Being Enormous“, ein private Erfahrungen und den Vietnam Krieg thematisierendes Langgedicht. Die Übersetzungen stammen aus dem Oppens zweitem Band „The Materials“, dem ersten nach seiner Schreibabstinenz entstandenen Buch.

Vulcan

The householder issuing to the street
Is adrift a moment in that ice stiff
Exterior. ‘Peninsula
Low lying in the bay
And wooded—’ Native now
Are the welder and the welder’s arc
In the subway’s iron circuits:
We have not escaped each other,
Not in the forest, not here. The crippled girl hobbles
Painfully in the new depths
Of the subway, and painfully
We shift our eyes. The bare rails
And black walls contain
Labor before her birth, her twisted
Precarious birth and the men
Laborious, burly—She sits
Quiet, her eyes still. Slowly,
Deliberately she sees
An anchor’s blunt fluke sink
Thru coins and coin machines, 
The ancient iron and the voltage
In the iron beneath us in the child’s deep
Harbors into harbor sand.

Norbert Lange, geboren 1978 in Gdingen/Polen, aufgewachsen Rheinland; studierte Philosophie/Kunstgeschichte an der FU Berlin; Kreatives Schreiben am DLL 2002-2006; lebt in Berlin. Arbeit als Redakteur: Radar, eMultipoetry, Karawa.net (gemeinsam mit Tobias Amslinger und Léonce Lupette). Bücher: Rauhfasern (Gedichte), Lyrikedition, 2005; Das Geschriebene mit der Schreibhand (Aufsätze), Reinecke & Voss, 2011. Übersetzungen: Kevin Prufer, Wir wollten Amerika finden(zusammen mit Susanna Mewe), Luxbooks 2011); George Oppen, Die Rohstoffe (ebenfalls bei Luxbooks). Herausgaben: Bernhard Koller, Die Zusammenhänge Lyrikedition, 2008; Schreibheft 77 – Charles Olson (Als Mitherausgeber neben Gerd Schäfer und Norbert Wehr), Rigodon Verlag 2011.

Vulkan

Auf dem Weg zur Straße ist der Hausbesitzer
Kurz verloren in der Knochenkälte
Da draußen. Halbinsel
Die weit in die Bucht ragt
Und Waldgebiet – Heimisch geworden

Sind der Schweißer und der Schweißerbogen
Im Eisennetz der Untergrundbahn:
Wir konnten einander nicht entkommen,
Nicht in den Wäldern, nicht hier. Das lahme Mädchen hinkt
Gepeinigt in die neuen Tiefen
Der U-Bahn und unter Schmerzen
Tauschen wir Blicke. Die blanken Schienen
Und rußigen Wände bergen
Arbeit aus der Zeit vor ihrer Geburt, ihre krumme
Unsichere Herkunft und die Männer
Unermüdlich, stämmig – Sie sitzt
Reglos, ihre Augen ruhen. Schleichend,
Doch immer klarer sieht sie
Die plumpe Schaufel eines Ankers
Sinken durch Münzen und Münzmaschinen,
Das alte Eisen und die elektrische Spannung
In dem Eisen zu unseren Füßen, in der Tiefe des Kindes
Sich verbergen im Hafensand.

Lea Schneider wird ein Langgedicht des chinesischen Dichters Yan Jun vorstellen.

Im Folgenden ein Auszug aus: gegen alle organisierten lügen (反对一切有组织的欺骗) von Yan Jun. Die Übersetzung erscheint kommenden Monat im Magazin #19 der Bundeskulturstiftung.

 [...]人们怀疑,是因为血压刺激着大脑,但人们也崇拜,难道是因为饥饿?所以要反对螳螂的演说,要反 对有洁癖的科学家,她伤害了我!并且进一步反对知识分子化装成流氓的样子。同理,反对森林化装成鸟类旅居的木屋,最终被卖艺的带走,囚禁到歌里,失了火, 像梦一样消

[...]

听说,声音循环着,可以唤醒夜班工人;血液坠落着,可以击中50年代出生的黑人。因为你随手记下了空气和木屐的样子,所以下午会变得更长些,让小偷从山坡上下来,呆呆地看着落日。那些在天空中开会的家伙,会跳着舞,掉下来。人们也聚集着,可以出发了。

欢迎来到地下!

从来就没有朋克理论,
只有朋克行动。

死便埋我。

相信爱情和其他日常用品的无限性。

世界是你们的。 

反对娱乐记者扭曲的笑容。

在生锈的钉子上歌唱。

走得开心点。

[...]

Lea Schneider wurde 1989 in Köln geboren und hat seitdem in Galway, Shanghai und Berlin gelebt, wo sie seit 2008 Komparatistik und Sinologie studiert. 2009 war sie Mitbegründerin der Lyrikgruppe G13 (http://gdreizehn.wordpress.com), seitdem sind ihre Texte u.a. in open poems 2010, Poetry East West Vol 4 undBelletristik 11 erschienen. 2011 wurde sie zum poesiefestival berlin, zum Zeitkunstfestival, zum International Poetry Festival Beijing und zum poet bewegt-Wettbewerb eingeladen. Sie arbeitet momentan an ihrem Debütband, der im Herbst 2013 beim Verlagshaus J. Frank | Berlin erscheinen wird, koordiniert ein deutsch-chinesisches Buchprojekt und übersetzt chinesische und taiwanesische Lyrik ins Deutsche.
[...]wenn man zweifelt, liegt es am blutdruck im großhirn, aber entsteht verehrung wirklich aus hunger? darum – gegen die rede der gottesanbeterin, gegen die mysophobische naturwissenschaftlerin, vor allem aber gegen intellektuelle, die sich als diebe verkleiden. außerdem gegen wälder, die so tun, als seien sie holzhäuser für fremde vögel; sie werden fortgetragen von straßenkünstlern, die ihre kunst verkaufen, in träume gesperrt, die feuer fangen und in den tälern dieser kunst verschwinden, für immer…

[...]

man sagt, dass geräusche herumgehen können und die nachtschichtarbeiter wecken, dass blut fallen kann und die gesichter schwarzer menschen trifft, die in den 50ern geboren wurden. deine gleichgültigen skizzen von holzsandalen und luft werden den nachmittag verlängern, bis die diebe von allen hängen kommen und entgeistert den sonnenuntergang betrachten.

willkommen im untergrund!

es gibt hier keine punktheorie, höchstens punkpraxis.

begrabt mich falls ich tot bin.

glaubt an die ewigkeit der liebe und anderer dinge des täglichen gebrauchs.

die welt gehört euch.

gegen unterhaltungsjournalisten und ihr verzerrtes grinsen.

singt ein lied auf rostigen nägeln.

geht ein bisschen glücklicher.

[...]

Ulf Stolterfoht präsentiert uns seine vor Kurzem im Verlag Wunderhorn erschienenen Übertragungen der Texte von Tom Raworth
Tom Raworth, geboren 1938 in London, hat seit Mitte der sechziger Jahre mehr als vierzig Bücher veröffentlicht, zuletzt 2009 unter dem Titel »Earn Your Milk« gesammelte Prosa bei “Salt Publishing”. Die Gedichte des Bands »Logbuch« entstammen den 2003 bei “Carcanet Press” erschienenen »Collected Poems«, einem 576-seitigen Rückblick auf ein reiches, lyrisches Lebenswerk.

You’ve ruined my evening / You’ve ruined my life

i would be eight people and then the difficulties vanish
only as one i contain the complications
in a warm house roofed with the rib-cage of an elephant
i pass my grey mornings re-running the reels
and the images are the same but the emphasis shifts
the actors bow gently to me and i envy them
their repeated parts, their constant presence in that world

i would be eight people each inhabiting the others’ dreams
walking through corridors of glass framed pages
telling each other the final lines of letters
picking fruit in one dream and storing it in another
only as one i contain the complications
and the images are the same, their constant presence in that world
the actors bow gently to me and envy my grey mornings

i would be eight people with the rib-cage of an elephant
picking fruit in a warm house above actors bowing
re-running the reels of my presence in this world
the difficulties vanish and the images are the same
eight people, glass corridors, page lines repeated
inhabiting grey mornings roofed with my complications
only as one walking gently storing my dream

Ulf Stolterfoht, geboren 1963 in Stuttgart, lebt in Berlin.
Lyriker und Übersetzer, zuletzt: Tom Raworth – Logbuch,
Heidelberg: Wunderhorn 2011. Knappe der Lyrikknappschaft
Schöneberg.

Du hast mir meinen Abend kaputt gemacht /
Du hast mir mein Leben kaputt gemacht

ich würde gern acht leute sein und alle schwierigkeiten wären verschwunden
nur als einer stecke ich voller komplikationen
in einem warmen haus mit dem brustkorb eines elefanten als dach
verbringe ich meine morgende damit die filme noch mal abzuspielen
und die bilder sind dieselben doch der akzent verschiebt sich
die darsteller verbeugen sich freundlich vor mir und ich beneide sie
um ihre wiederkehrenden rollen, ihre unablässige präsenz auf dieser welt

ich würde gern acht leute sein jeder bewohnte die träume der anderen
sie wanderten durch korridore mit glasgerahmten seiten
verrieten sich gegenseitig die schlußzeilen von briefen
pflückten in einem traum obst und kellerten es ein im nächsten
nur als einer stecke ich voller komplikationen
und die bilder sind dieselben, ihre unablässige präsenz auf dieser welt
die darsteller verbeugen sich freundlich vor mir und beneiden mich um meine
grauen morgende

ich würde gern acht leute sein mit dem brustkorb eines elefanten
obst pflücken in einem warmen haus darüber sich verbeugende darsteller
noch mal die filme abzuspielen über meine präsenz auf dieser welt
alle schwierigkeiten wären verschwunden und die bilder sind dieselben
acht leute, glaskorridore, seite zeilen wiederholt
graue morgende bewohnen mit meinen komplikationen als dach
allein als ein freundlicher wanderer der meinen traum verstaut


Tags:, , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

KREUZWORT am 23.01. mit BOEGE, JACKSON, STALLBAUMER & TEZKAN

17 Jan

Nach einem wunderbaren letzten Kreuzwort-Abend, der uns mit verquollenen Augen, rumpelnden Mägen und zufrieden-besonnenem Lächeln aufwachen ließ, nehmen wir nun frisch und unverkatert Fahrt auf. Am Mittwoch werden wir noch Brigitte Struzyk, Ulrich Koch und Peter Wawerzinek in der Lettrétage belauschen und -gutachten, bevor’s am Freitag wieder eine Portion Kunst gibt. Immerhin: Akute Handlungsbereitschaft im Haus am Lützowplatz. Mark Greif ist nicht dabei, der ist zu dem Zeitpunkt leider in jeder Feuilletonsparte jedes Mediums überhaupt. Dafür haben wir das pfundige Lyriksternchen Manuel “Ramboel Stalldoomer” Stallbaumer bei uns, der nicht nur mit mir zusammen ein Buch verlosen wird, das wohl niemand haben möchte, nein, er hat einen weiteren alten Bekannten eingepackt: Hakan Tezkan kommt ebenfalls aus Leipzig herüber und liest Prosa. Unterstützung findet die Gattung auch durch Luise Boege. Zudem freuen wir uns, Hendrik Jackson begrüßen zu dürfen und mit ihm Alexej Parschtschikow - jedenfalls textlich, Hendrik liest Übersetzungen von Parschtschikows Lyrik.

Die ganz nüchternen und nackten Daten: 23.01.2012, ab 20h im Damensalon in der Reuterstraße 39 (Nähe U Hermannplatz und/oder Schönleinstraße), 3€ Damage, eventuell ein Buchgewinn. Alles klar?

Übrigens möchten wir an dieser Stelle Nora Bossong zum Peter-Huchel-Preis gratulieren. Wieder einmal zeigt sich: Wer häufig bei Kreuzwort auftaucht, kann nur gewinnen. Weitere Personen, die zukünftig noch gewinnen werden und warum:

Luise Boege, geboren 1985 in Würzburg, lebt und arbeitet in Berlin. Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Veröffentlichungen von Lyrik und Prosa in Anthologien und Zeitschriften, zuletzt Entwürfe und Lichtungen. Auszeichnungen unter anderem Open Mike 2006.

Mein Blick scheint etwas kaputtzumachen an den Dingen, denn ich träumte (nehme ich an) einmal von einem dritten Auge, das über meinem eigentlichen Auge (dem rechten) wuchs, und ich fragte mich, gemeinsam mit den bei mir seienden Menschen (Freunde oder so), ob das Bedeutung habe, oder ob dritte Augen nicht einfach so wüchsen (man hatte schon davon gehört in diesem Kreis, also sowohl von der möglichen Bedeutung dritter Augen als auch der Möglichkeit von Nichtbedeutung dritter Augen), also war beides möglich und berechtigte Annahme. Ich konnte ohnehin nicht mehr als vorher auch schon sehen, obwohl ich ja hätte müssen (mit dem dritten Auge). Das juckte (das Auge, und die anderen waren auch lang schon weggeglitten von dem Gespräch, hin zu etwas, das ich, traumüblich, nicht ansehen konnte, etwas, das ich möglicherweise selbst ausstrahlte, ins blinde Zentrum meines Blickfeldes). Seitdem bin ich sensibilisiert für meine eigene Ausdehnung (ich ahne sie).

Hendrik Jackson, geboren 1971 in Düsseldorf. Lebt als freier Autor, Übersetzer und Herausgeber (lyrikkritik.de) in Berlin. Er veröffentlichte die Bändebrausende Bulgen – 95 Thesen über die Flußwasser in der menschlichen Seele, edition per procura 2004, Einflüsterungen von seitlich, Morpheo Verlag 2001, sowie als Übersetzer aus dem Russischen Marina Zwetajewas Poem vom Ende/Neujahrsbrief, edition per procura 2003. Zuletzt erschienen der Gedichtband Dunkelströme, kookbooks 2006, und der Essayband Im Innern der zerbrechenden Schale. Poetik und Pastichen, kookbooks 2007. Hendrik Jacksons Gedichte wurden unter anderem mit dem Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium 2002, dem Wolfgang-Weyrauch-Förderpreis 2005, dem Hans-Erich-Nossack-Förderpreis 2006 und dem Friedrich-Hölderlin-Förderpreis 2008 ausgezeichnet. Vor Kurzem erschien im Merve Verlag Helm aus Phlox. Zur Theorie des schlechtesten Werkzeugs zusammen mit Ann Cotten, Daniel Falb, Steffen Popp und Monika Rinck.

Hendrik wird Gedichte von Alexej Parschtschikow lesen, die er aus dem Russischen übersetzt hat. Erschienen sind sie im Band Erdöl bei kookbooks.

Das liest sich dann so:

Igel

Igel: ein dunkler Prophet, der die Wurzel des Himmels zieht,

dessen Nadelbett den Leib Sebastians durchspießt.

 

Sein Rücken: eine Vielheit, geschöpft wie durch ein Sieb,

und der doch in sich, ganz, abgesondert blieb.

 

Zisch ihn an – er  erlischt, gleichsam durchbohrt. Trollt

sich fort. Pass auf, daß er nicht in den Kragen rollt!

 

Der Igel – ein Schlosserutensil; Tölpel, der einen Twist hinlegt.

Abfallkorb an der Haltestelle, von einer Schneewächte verdeckt.

 

Bei Frauen stehen seine Nadeln still, wie in Futteralen.

Verträumten Männern wird er das Kinn zermahlen.

 

Das Verschwinden des Igels – ein trockener Auspuffknall.

Auferstanden? –Dann schüttel dich aus! Nadeln überall!

 

Manuel Stallbaumer, geboren 1990. Aufgewachsen und unter pompösen Umständen größtenteils erwachsen geworden in Aidlingen. Studiert seit 2009 am Literaturinstitut in Leipzig, veröffentlicht hin und wieder Gedichte. Top: War 2011 für den Open Mike nominiert. Flop: Hat nicht gewonnen.

-1wodkatampons als kleinster gemeinsamer nenner
meiner generation. zum zeitpunkt des versagens
der actimelabwehrkräfte trafen wir uns zum

abarbeiten an der ödnis / an molekülgeschwadern
penibel genaue verortung im irgendwo der felder
und als hauptattraktion: german angst wo einer stand
auf dem geländer eines stegs an
einem künstlich angelegten see
und sprang / ich hinterher

(unnötig anzumerken: ‘s war august
der vierundzwanzigste oder so vor uns
eine noch zu erbauende vorstadt mit
getthoprädestination)

hakan tezkan, geboren 1989, seit 2009 studium am deutschen literaturinstitut leipzig, ein paar veröffentlichungen.

Die Mutter und der Vater saßen bereits am Tisch und warteten. Darauf zu sehen: in der Mitte ein Glaskrug gefüllt mit Wasser, darum herum Schalen, aus denen es dampfte, außerdem Teller, Besteck, Servietten. M stand am Fenster und fuhr mit den Fingern über die Scheibe, zeichnete die Konturen der Geräte auf dem Spielplatz nach: bunte Klettergerüste, Rutschen, Wippen, ein Sandkasten. Es hatte geregnet, im Sandkasten lagen aufgeweichte Bieretikette und anderes Papier. Die Eltern unterhielten sich darüber, über den Regen, die Sonne, die sich nicht blicken ließ, über das Wetter allgemein; darüber konnte man immer sprechen. M verließ jetzt den Raum, man hörte Türen sich öffnen und schließen, Rascheln, Schritte, dann wieder Türen, kam zurück. Ob er sich nicht setzen wolle, sagten die Eltern dann. Das mache sie ganz nervös, dass er in der Wohnung umher laufe wie ein Streuner. Er setzte sich. Kurz darauf fing er an, mit den Füßen zu wippen, der Tisch zitterte, man hörte das Besteck auf der weißen Tischdecke, auf dem Holz, man hörte es dort ganz deutlich zittern und die Mutter und der Vater schauten M an, sagten erst nichts, schauten ihn bloß an, als würde er wissen, was sie damit meinten; und er wusste auch, was sie meinten, er reagierte bloß nicht. Er solle damit aufhören, sagte der Vater schließlich. M ließ die Beine sofort still und stand auf, stellte sich wieder ans Fenster. Ein Hund pinkelte gerade in den Sandkasten, sein Herrchen war nicht zu sehen. In einer der Wohnungen gegenüber ging das Licht an, man sah einen Schatten hinterm Vorhang auftauchen/abtauchen. Die Mutter strich sich ihren Pulloverärmel hoch und guckte auf ihre Uhr. Wiederholte das kurze Zeit danach wieder. Fragte dann, ob W später komme, ob er etwas gesagt habe. Nein, sagte M, und weiter: der wird schon gleich auftauchen. Er könne sich ja schonmal die Hände waschen, sagte die Mutter und M verließ also das Zimmer, ging ins Bad, drehte den Wasserhahn auf. Er hielt seine Hände nicht darunter, betrachtete sich bloß im Spiegel und machte Grimassen, über die er versuchte zu lachen, er lachte aber nicht. Dann drehte er den Hahn zu und ging zurück ins Esszimmer. Er kehrte den Eltern den Rücken und betrachtete die Wand, die Raufasertapete, die er an einigen Stellen schon abgekratzt hatte, über die seine Eltern immer wieder hatten streichen müssen. Man sah die übertrieben weißen Flecken, wenn man genau hinsah, sie waren dann deutlich zu erkennen.

Tags:, , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Kreuzwort am 09.01. mit M. NATT, L. WESTHEUSER, G. GRANDERATH und D. FALB

3 Jan

Reißerische, überironische Späße über Jahresanfang wären an dieser Stelle genauso lahm wie Träne-im-Knopfloch-Lobhudeleien darüber, dass wir’s ohne euch niemals ins dritte Jahr geschafft hätten, welche Erfolge wir für uns verbuchen konnten und was wir noch so vorhaben. Eigentlich haben wir auch nicht so viel vor, wir lassen ja machen. Der Damensalon in der Reuterstraße 39 wird am 09. Januar seine Tür öffnen, die ihr ab 20h aufdrücken könnt, um uns 3€ Eintritt in die Wurstfinger zu stecken. Dann lesen Maria Natt, Linus Westheuser, Greta Granderath und Daniel Falb Texte vor, die nicht mal wir geschrieben haben – die machen das noch selbst. Man kann nicht mal sagen, wir hätten uns überflüssig gemacht, vielleicht waren wir einfach nie wichtig. Wer allerdings im Jahr 1 nach Occupy noch für Aktivismus und Partizipation ist, der kann ja kommen und ganz angestrengt und konzentriert zuhören, Bier trinken oder kickern. Das machen wir dann immerhin auch, das eine von mehr Erfolg gekrönt als das andere. Ratet mal.

Maria Natt, geboren 1988 in Oldenburg. Lebt, liest und schreibt in Berlin, seit 2009 Mitglied der G13. Veröffentlicht Lyrik in Kneipen, Zeitschriften und Anthologien, und auf www.gdreizehn.wordpress.com

sommer herbst morgen berlin 16°C
ich sollte rausgehen ein fenster öffnen wenigstens
akzeptieren dass der morgen ein vormittag ist
ich kann mir nicht helfen
könnte mir großes vornehmen
oder die m4 zum hackeschen
ich denke nicht viel in letzter zeit
ausser durch den regen zu gehen und ja
ganz unmetaphorisch
ich könnte das haus verlassen
mich abgewöhnen oder ausbaden
ich bin nicht gut im begreifen
das mit den jahreszeiten den tagabständen
die sache mit dem frühstück und ja
ich kann mir nicht helfen
und wenn ich rausgehe dann sind da die bordsteinfugen
und die abstände und die zwischenräume
da wo man hintreten darf
dann kann ich durch den regen gehen
und ganz laut august denken
alle sachen wieder hinstellen und kreuze machen
aber helfen dann doch nicht
vielleicht später oder ja ein andermal

Linus Westheuser, geb. 1989 in Berlin. Studiert Soziologie. Seit 2009 Mitglied der Lyrikgruppe G13. Veröffentlichungen in Zeitschriften und zuletzt in der Anthologie des “Zeitkunst”-Festivals 2011.

freiflächen. sinnloses warten auf serien. abstürzende seerosen.
geleeartig aufmerksamkeit. im hintergrund
hat das wetter angefangen. verschränkte arme
zeigen fragliches an. spannbreit am bauch die hand weiß. wolken.
ich habe das nie verstanden. die enge in anflügen. lungen
wenn ich auf plastikschalen rosen sehe. seerosen, nein?
die augen verkniffen zum eindruck. als brächen nicht ständig
esel ins eis. als kämen zwischen einem
finger und dem nächsten nicht alle flüge zu spät.
das wetter verstaut sich immer wieder neu. ich lauer darauf.
unauffällige bodenlosigkeiten wie wenn man
vom luftraum aus auf eine kette von teichen zeigt.
wichtig ist man weiß wenn einer springt
dann springen die anderen auch.

Greta Granderath, geboren 1985 in Gelsenkirchen (NRW), ist Autorin und Theatermacherin. Sie lebt in Hamburg, wo sie 2010 den Masterstudiengang Performance Studies an der Universität Hamburg abschloss.  Zuvor studierte sie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Als Performerin, Dramaturgin oder Autorin war sie an unterschiedlichen Theaterproduktionen beteiligt.

Mit ihren Texten (Lyrik und Prosa) war Greta Granderath u.a. eingeladen zum internationalen Literaturfestival Lit.Cologne und zum Internationalen Poesiefestival Berlin. 2009 las sie in der Endauswahl des 17. Open Mike. 2004 war sie Preisträgerin des Hattinger Förderpreises für junge Literatur.
Ihre Texte wurden in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht, zuletzt in Randnummer 02 (2010) und im Jahrbuch der Lyrik (S. Fischer Verlag, 2009).

 

Stadt der Pelze und Fische

 

ein euphemistischer Hbf (Wandelhalle)
in alle Himmelsrichtungen offen
im Schutz der Kameras entstehen Schlafplätze ex negativo

 

die An- bzw. Abwesenheit von Banknoten
(von Natur aus emergierend)
gleicht einer Symphonie: Mood Media

 

was reimt sich auf Brise? (Flattern)
was ist mittelgroß und schreit im Sturzflug: Meins!
der Sprung über die Elbe (stadtauswärts) als Cliffhanger

 

einer noch nicht gegenfinanzierten Komödie
(super authentische Hafenarbeit)
warum steht eine Blondine an der Werft

 

und wirft Steine ins Wasser? (Post Production)
im Loop: Winteranfang (Weiß auf Weiß)
sagt eine Schneeflocke zur anderen:

 

eine Bordsteinschwalbe macht noch keinen Sommer
Eisschollen schlagen an die größte Flussinsel Europas
Hafengiraffen träumen von Insulanern

 

die sich gegenseitig aufwerten (Bohemian Index)
man unterscheidet in absolute und relative Zeitgeschichte
sagt ein Hamburger zum anderen:

 

was ist prekär und riecht nach Fisch?

 

Daniel Falb, geboren 1977 in Kassel, lebt in Berlin. Studium der Philosophie. Einzelpublikationen: die räumung dieser parks, Gedichte, kookbooks, Berlin 2003; bancor, Gedichte, kookbooks, Berlin 2009; naturezas-mortas sociais – 33 poemas (portugiesisch-deutsch), Sextante Editora, Lissabon 2009. Kürzlich erschienen: Helm aus Phlox. Zur Theorie des schlechtesten Werkzeugs (mit A. Cotten, H. Jackson, S. Popp, M. Rinck), Merve, Berlin 2011. Preise: Preisträger Literaturwettbewerb des „Literaturort Prenzlauer Berg“ 2001; Lyrikdebütpreis des Literarischen Colloquiums Berlin 2005; Stipendiat der Stiftung Niedersachsen 2006

***
die erlegte maschine wird, noch auf der lichtung befindlich, tagelang nicht abgeholt.
der blick auf die ungestellte uhr. kein rudel von beagles nähert sich. denn
sie verströmt keinen geruch. tritt eine so schlechte nachricht ein, wird ein altes foto von mir
rausgesucht, auf dem isch traurig aussehe.
schnitzereien aus ahorn wachsen der maschine dr. alzheimer entgegen, locker im raum,
der spitzabfall eines ganzen bleistifts, die von einem neuen radiergummi
übrig bleibenden krümel, röllchen: wirft man dies in den ganz neuen papierkorb, wird es
unverzüglich rausgeholt und der korb gereinigt.
die in verschiedenen intensitäten von rot eingefärbte karte zeigt nichts bleibendes, sondern,
was sich jetzt bewegt. wie auf nichts,
auf schneebedeckter plane, findet der autoverkehr statt, die ihre bahn
ziehenden autos, unsichtbar auf dem parkplatz.
unsichtbare maschine dr.,
erkennbar allein an den progredierenden schnitzereien, blüten aus ahorn-holz. wollen wir sie
tot oder lebendig? das ist unentscheidbar, denn bewegung
ist leben. an einem windstillen tag lassen wir vier heißluftballons steigen, übermitteln uns
– in luftigen höhen – per handspiegel kurze nachrichten bzw. grüße.

Tags:, , , , , , , , ,

Zeitschriften! Und: KREUZWORT am 12.12. mit D. FRÜHAUF, K. HARTWELL & D. WAGNER

5 Dez

Bevor ich mit dem Sturmhagel an Informationen zum nächsten KREUZWORT-Abend am 12.12. mit David Frühauf, Katharina Hartwell und David Wagner beginne, hier noch zwei kurze Hinweise in nur semi-eigennütziger Sache:

Wir lieben ja Zeitschriften und lesen sie vor dem Schlafgehen, nach dem Aufstehen, im Bus, beim Überqueren der Straße und auch bei gelegentlich sich ergebenden Krankenhausaufenthalten, wenn wir mal wieder angefahren wurden. Besonders angetan haben es uns die randnummer literaturhefte, die es bei unseren Lesungen ab sofort für billige 5€ zu kaufen gibt. Dafür gibt es in der vierten, soeben erschienenen (enenen!) Ausgabe nicht nur fantastisches Artwork und wahnsinnig gute Collagen von Mitherausgeberin Simone Kornappel (an der Stelle Gratulation unsererseits für eine Publikation ganz anderer Art), sondern diese hat zusammen mit ihrem Kollegen Philipp Günzel auch eine sehr schmucke Textauswahl getroffen. Es warten Konstantin Ames, Dennis Büscher-Ulbrich, Nina Bußmann, Kristoffer Patrick Cornils, Max Czollek, René Hamann, Hendrik Jackson, Bülent Kacan, Nicolai Kobus, Jan Kuhlbrodt, Tristan Marquardt, Robert Monat, Stephan Reich, Monika Rinck, Tibor Schneider, Sabine Scho, Mathias Traxler, Michael Zoch, Dmitry Golynko (übersetzt von Alexander Filyuta) und Birgit Kreipe (im Interview mit Simone Kornappel) mit neuen Texten auf. Grund genug, am 12.12. 5€ mehr einzustecken und sich eine randnummer mitzunehmen – wir verdienen da selbstverständlich nichts dran, sondern leiten das Geld an Simone und Philipp weiter, die sich mit der hochwertigen Ausgabe in Unkosten gestürzt haben.

 

Kostenlos war allerdings die erste Ausgabe der Zeitschrift Sachen mit Wörtern, von denen letztes Mal bereits ein paar auslagen und samt und sonders in diversen Taschen verschwanden. Wer kein Printexemplar mehr abbekommen hat, sich aber trotzdem ein Interview mit uns durchlesen möchte (hier nur kurz der Hinweis, dass der im Gespräch erwähnte Abend in Kooperation mit fixpoetry schon gelaufen ist), der kann das hier in aller Ruhe tun. Interessant genug und dank der Illustrationen von Petrus Akkordeon auch schmuck anzusehen.

Aber nun Butter bei die Fische, ich halte mich kurz: Am 12.12. ist wieder KREUZWORT! Das letzte Mal im turbulenten Jahr 2011, bevor es dann im Januar weitergeht. Wir freuen uns auf drei Mal Prosa von David Frühauf, Katharina Hartwell und David Wagner (bevor jetzt jemand naseweis wird: Insgesamt drei Mal, nicht jeweils!). Das wie mittlerweile ja bestens bekannt aus unserer Lieblingstrinkanstalt, dem Damensalon in der Reuterstraße 39 nahe der U-Bahn-Stationen Hermannplatz und Schönleinstraße. Das Ganze kostet 3€, Einlass ab 20h.

David Frühauf, geboren 1987 in Braunau am Inn, Oberösterreich. Seit 2007 Germanistikstudium, 2009 Aufnahme des Studiums “Sprachkunst” an der Universität der angewandten Kunst Wien, seit 2010 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

Ich hätte nicht zu sagen gewusst, woher du stammtest oder ob es solch eine Region überhaupt je gegeben hatte, die nicht erst durch meinen Zuspruch, mein Einsagen – mit flatternden Händen, mit flüsternden Gliedern – als Erfindung, ja, möglicherweise als Erinnerungslandschaft in mir und durch dich entstehen konnte. Doch nichts widerfuhr dir, nichts durch dich. Es schien, als wärst du von Beginn an gewesen, einzig um sagen zu können: Es gibt -; und dann darin zu verschwinden, unsichtbar zu werden, wie in Wiederholung übergangen, damit das Gedächtnis mit Sicherheit sich selbst auslösche – keine dieser Silben würde je über deine Lippen gekommen sein, oder sich als dir eigen zu verstehen gegeben haben. Dass du so flüchtig bist, rief ich, so vage und wölbend, so splitternd, zerrissen, beständig zugleich, wie mehrfach gespiegelt, meint: an meiner statt, um Stellen versetzt, verzerrt, und dich dadurch einer Anrede entzögst; revozierte Marter, ja, epiphane Bildflut und -flucht, und du zwischendurch aufschrecktest, als hätte dir jedes (weitere) Wort etwas anhaben können, hätte sich dir aufgedrängt und dich auf eines davon zu reduzieren versucht. Was für Sätze wären das, aus welchen Buchstaben wären sie gemacht? Jeder einzelne befremdete dich zutiefst, und ich wagte kaum zu atmen, befürchtete das Schlimmste eintreten gelassen zu haben: dass ich eines Tages nicht mehr aus dem Vergessen erwachen würde und all die an dich gerichteten Appellationen auch nach wiederholtem Male ungehört blieben. Welche dieser Masken würde sich dann dennoch vereinnahmen lassen, welche ließe dich zurück, in Keimen, in kleineren Mengen, um daraus zu schöpfen, zu erschließen, mich daran zu halten und welche verstünde sich noch darauf, dich in derselben Weise zu nennen, zu rufen, ohne stets denselben Namen zu verwenden und ohne zu antworten?

Katharina Hartwell, 1984 in Köln geboren. 2003 bis 2010 Studium der Anglistik und Amerikanistik in Frankfurt am Main. Seit 2010 Master „Literarisches Schreiben“ am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2006 und 2010 Preisträgerin “Junges Literaturforum Hessen-Thüringen“. 2009 MDR Literaturpreis. 2010 Arbeitsstipendium des LCB und Finalistin beim 18. Open Mike. Debüt „Im Eisluftballon – Erzählungen“ im Poetenladen Verlag erschienen. 2011 Aufenthaltsstipendium Künstlerdorf Schöppingen sowie Arbeitsstipendium der Jürgen Ponto-Stiftung.

Auszug aus dem Romanprojekt “Das fremde Meer”:

Du hörst jetzt die erste Geschichte. Du musst die Augen nicht öffnen, musst dich nicht bewegen, musst nicht mit dem Kopf nicken und ihn auch nicht schütteln. Heute Nacht nehme ich dich mit auf eine Reise, auf hundert Reisen nehme ich dich mit, und vielleicht sind wir dorthin unterwegs, wo du noch nie hin wolltest, wo keiner zu Hause sein möchte. Und vielleicht wirst du allein sein, einsam sein, wirst denken, dass ich dich nicht finden werde, nicht weiß, wo du bist, keiner weiß, wo du bist, und du warten musst, wie Rapunzel in ihrem Turm, wie Schneewittchen im Sarg aus Glas, wie Dornröschen hinter der Hecke. Mach dir keine Sorgen, halte still, halte dich gerade, halte Ausschau, warte, bis sich eine Tür öffnet, jemand den Raum betritt, jemand deinen Namen sagt, jemand durch die Fluten, durch den Wald, durch die Straßen, durch die Nacht zu dir kommt und dich an die Hand nimmt.

David Wagner, geboren 1971, wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, darunter mit dem Walter-Serner-Preis, dem Dedalus-Preis für Neue Literatur und dem Georg-K.-Glaser-Preis. Er lebt in Berlin. Im Jahr 2000 veröffentlichte er seinen Debütroman »Meine nachtblaue Hose«. Sein jüngster Roman, »Vier Äpfel«, stand auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2009.

David Wagner wandert durch die Stadt, allein, manchmal in Begleitung. Was ist die Stadt? Wie lässt sie sich beschreiben? Immer wieder stößt er auf die Trümmer der deutschen Geschichte. Wagner erzählt, wie sehr sich die Stadt in den letzten zehn Jahren verändert hat. Er macht ein Praktikum als Türsteher in der »Flittchen Bar«, trifft die Füchse auf der
Pfaueninsel und einen müden Bürgermeister neben einem Bärenkostüm. Er spaziert durch die Randgebiete und durch den alten Westen. Er geht die Baustellen ab und erinnert sich an Baulücken. David Wagner läuft seit zwanzig Jahren kreuz und quer durch Berlin. Er ist ein Stadtwanderer, »in Halbtrance, gepaart mit dem Willen zur illusionslosen Genauigkeit«, wie die Wochenzeitung Die Zeit meinte.

»Welche Farbe hat Berlin?« versammelt größtenteils unveröffentlichte Texte, die in den letzten Jahren entstanden sind.

Das liest sich so:

DIE MÜLLTÜTE

Ich will bloß den Müll hinuntertragen in den Hof, unten aber, ich habe die zugeknotete Abfalltüte noch in der Hand, gefällt mir die Nacht so gut, es riecht nach Frühling, daß ich hinaus auf die Straße gehe. Ich biege um zwei Ecken und stehe schon vor dem Café Haliflor – entscheide mich aber, die Luft ist so süß, weiterzugehen.

Fast alle Fenster in den Fassaden der Choriner Straße, es ist gleich Mitternacht, sind schon dunkel. Ich komme an dem alten, zweistöckigen Molkereigebäude und der Protzbaustelle Choriner Höfe vorbei, überquere die stille Kreuzung mit der Zehdenicker Straße, auf der Torstraße halte ich mich links. Vor dem Kaffee Burger, die Reformbühne ist aus, steht ein Bekannter auf dem Bürgersteig und raucht. Wir wechseln ein paar Worte, er sagt nichts zu der Mülltüte, die ich in der Hand halte.

Ich gehe weiter und biege in die Alte Schönhauser Straße, noch immer stehen dort diese seltsamen Bürocontainer mit Camouflage-Bemalung auf dem unbebauten Grundstück Ecke Linienstraße. Die Nacht, es ist Sonntag, ist ruhig, ich höre nur eine italienische Reisegruppe singen. Sie johlen in einiger Entfernung, sie grölen, sie haben gute Laune. Ich bleibe vor dem Espresso- und Kaffeemaschinengeschäft stehen, mir gefallen finnische Porzellantassen ein paar Schaufenster weiter, schließlich betrachte ich Umhängetaschen, die aus alten LKW-Planen genäht wurden.

Ich merke, daß ich die Mülltüte immer noch mit mir herumtrage, schaue mich um, weit und breit ist kein Mülleimer zu sehen. Von der Münzstraße komme ich in die Max-Beer-Straße, kehre nach wenigen Schritten aber wieder um, mir fällt ein, daß dort eine Freundin wohnt, der ich nun lieber nicht begegnen möchte, nicht mit einer Mülltüte in der Hand. Ich bewundere die nackten Betonwände in einem zum Ladenlokal umgebauten Plattenbau-Erdgeschoß und biege in die stille Almstadtstraße ein.

Es ist dreiviertel eins, und wenn mich jemand fragen würde, was machst du um diese Zeit mit einer Abfalltüte in der Hand vor dem Schaufenster der Buchhandlung Pro qm, ich wüßte keine Antwort. Ich wollte gar nicht spazieren gehen, ich bin heute schon unterwegs gewesen, ich wollte nur den Müll hinuntertragen. Scheint so, als hätten meine Schuhe ohne mich entschieden. Sie sind einfach losgegangen. Das Gehen hat sich verselbständigt, und ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob ich selbst, ob tatsächlich ich es bin, der hier einen Fuß vor den anderen setzt. Geht die Stadt vielleicht mit mir spazieren? Die Füße unterbrechen ihre Tätigkeit, als zwei sich laut unterhaltende Amerikaner auf mich zukommen, ziemlich betrunken sagen sie Hi und fragen, natürlich auf Englisch, wo sie hier Dope kaufen könnten. Mir fällt nichts anderes ein, als sie in den Weinbergspark zu schicken.
Ich gehe weiter, finde wieder in meinen Rhythmus, den eigenen Geh-Rhythmus, der es manchmal so schwierig macht, mit oder neben anderen zu gehen. Am besten geht es sich doch allein, denke ich – widerspreche mir dann aber, fallen mir doch sofort zwei, drei, vier Personen ein, mit denen ich sehr gerne gehe und schon viel gegangen bin. Ich komme wieder zur Torstraße und stoße auf diese rätselhafte retro-avantgardistische Architekturskulptur an der Ecke Rosa-Luxemburg-Straße, ist das historistischer Expressionismus? frage ich mich, wie immer, wenn ich dieses Gebäude sehe. Und stehen dort, nirgends brennt Licht, vielleicht alle Wohnungen leer? Ein Nachbargrundstück ist noch unbebaut, hinter dem grell beleuchteten Werbezaun, der die Brache zur Alten Schönhauser hin umschließt, liegen abgerissene Plakate, leere Flaschen und ein kaputter Kinderwagen.

Einen Moment lang bin ich versucht, meine Mülltüte dazu zu werfen, trage sie dann aber, sie ist ja nicht schwer, doch die Schönhauser Allee hinauf, vorbei an der schönrenovierten Ex-Ruine Pfefferberg. Das riesige, viel zu perfekte spanische Touristenrestaurant hat schon geschlossen. Ich biege in die Schwedter Straße ein, überquere die Choriner und stehe wieder vor dem Haliflor. Anne, Sonntag ist ihr Abend an der Bar, sieht mich und winkt. Ich setze die Tüte ab, gehe hinein, bestelle ein Bier und erzähle, sie hält das natürlich für eine Ausrede, daß ich bloß den Müll hinuntertragen wollte. Zwei Franzosen, die neben mir am Tresen trinken, unterhalten sich über Neukölln. Die Tüte werfe ich später in den Müllcontainer im Hof.

Tags:, , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Kreuzwort am 28.11.: KREIPE, MANTEL, ROLOFF & STEINBRÜCK

16 Nov

Okay, das dürfte den meisten nun schon klargeworden sein über unsere Lettrétage-Übernahme, aber: Letztens erst wurde unsere scharmante kleine Lesereihe ein Jahr alt. Yay us! Mittlerweile sind wir schon bei der dritten Location angekommen, dem bezaubernden Damensalon in der Reuterstraße 39. Wie wir eigentlich dort hingekommen sind? Mit der U8 über die Stationen Schönleinstraße oder Hermannplatz, bei größerer Abenteuerlust haben wir die Busse 194 oder M29 genutzt. Carolin kann sogar bequem zu Fuß laufen, was allerdings bei der Wahl dieser schönsten der schönen Kreuzköllner Kneipen nicht ausschlaggebend war.

Jedenfalls werden wir am 28.11. erneut dort aufschlagen und begrüßen ab 20h freudigst euch und außerdem zwei alte Bekannte sowie zwei neue Gesichter, die mitsamt ihren Körpern aus dem eventuell ja okkupierten Frankfurt am Main einreisen! Lutz Steinbrück war schon am 11.10. bei uns und verkaufte mir damals seinen ersten Lyrikband mit Widmung für seine Oma (“…dies ist nun meine Dichtersprache … es ist eben alles sehr modern!”) und gut einen Monat später gab sich Birgit Kreipe am 08.11. bei uns (damals noch im Schatzi Neuberg) die Ehre. Ihr zweiter Lyrikband ist grade in Arbeit – vielleicht nimmt sie ja Vorbestellungen entgegen, sollte jemand mit einer persönlichen Widmung seiner oder ihrer Großmutter eine Freude bereiten wollen. Wir freuen uns auch sehr über Marcus Roloff und Julia Mantel, die extra aus Frankfurt anreisen werden, um bei uns zu lesen – eine Gelegenheit, die sich selten auftut.

Deswegen 3€ Eintritt und etwas Nostalgiebereitschaft sowie Entdeckungslust einpacken und sich am 28.11. in den Damensalon begeben, um dem finanzmetropolitanen Stoffwechsel (Stoff… Textilien… Text…, ihr wisst schon) mal hautnah zu erleben.

 

Birgit Kreipe,

geb. in Hildesheim. Kindheit & Jugend auf dem Land. Studium der  Psychologie und Germanistik in Marburg, Wien

und Göttingen, lebt in Berlin.

Kurzprosa und Gedichte sind in vielen Zeitschriften und Anthologien erschienen (zuletzt in lichtungen, randnummer, in: Schneegedichte, hrsg. von Ron Winkler, im Jahrbuch Lyrik 2011)

Im Juni 2010 erschien wenn ich wind sage, seid ihr weg, Verlag im Proberaum, Klingenberg.

Im Winter 2011/12 erscheint “schönheitsfarm” im Verlagshaus J. Frank, Berlin

Birgit Kreipe ist Mitglied im “forum der 13″.

 

löwen 

 

schaumkronen des windes, geflügelt

ihr hierhier in der mündung nordost

 

antwort auf die wiederholte

frage des meers: wo ist der strand?

 

letzter zuruf für taucher und träumer

zwischen boje und windpark gespannter

 

anker für boote und wolken

schweben von blau zu blau

 

magie für bäume im hinterland

die verstreut vom wasser träumen

 

gespielt auf dem gras, auf dem dünenkamm

heute die antwort für die, die das meer suchen.

 

julia mantel,

jahrgang 1974, studium der angewandten kulturwissenschaften in lueneburg,
seit 2000 konzentration auf lyrik, teilnahme an der textwerkstatt darmstadt unter der leitung von
kurt drawert, zahlreiche publikationen in anthologien, regelmaessige lesungen bundesweit.

lebt als autorin, strickkuenstlerin und sprecherin in frankfurt am main.

www.unvermittelbar.de

letzte veröffentlichung:

“dreh mich nicht um”
mit illustrationen von petrus akkordeon
fixpoetry-verlag/ hamburg 2011

 

für thomas brasch

streich mir das haar

aus der stirn,

 

ich habe bretter

vorm kopf, die

die welt bedeuten,

 

berühre mich dort,

wo ich nie gewesen bin.

 

Marcus Roloff,

geboren 1973 in Neubrandenburg (DDR), lebt als Lyriker und Übersetzer in Frankfurt am Main. Studium der Neueren deutschen Literatur, Philosophie und Kulturwissenschaft an der HU Berlin. Literarische Veröffentlichungen seit 1997, zuletzt u.a. in “Neue Rundschau”, “wespennest”, “Lyrik von JETZT zwei”, “alles außer Tiernahrung” und “Jahrbuch der Lyrik 2011″. Im Herbst 2010 erschien im gutleut verlag Frankfurt/M. sein dritter Gedichtband “im toten winkel des goldenen schnitts”.

 

balcke + heym

überm winter die landschaft durch watte & licht-
schrulle leer. eisiger werder. er wolle den raureif
feiern. wenn er sterbe seien die menschen tot. wie
stottern sei das nur dass nichts hängen bleibe denn
da werfe man ja die silben in eine art doppelten
boden. die welt klappe nach hinten. aber eigentlich
stottere niemand. das sei nur reminiszenz an die
rememorierte gegend zwischen havel & havel.

 

Lutz Steinbrück,

geboren 1972 in Bremen. Studierte Germanistik und Anglistik in Oldenburg/Niedersachsen. Seine Magister-Arbeit „Fremde Heimat“ über Vechta in der Lyrik Rolf Dieter Brinkmanns erschien 2007 im Oldenburger BIS-Verlag. Seit 2004 lebt er in Berlin. Schreibt Lyrik, Artikel für Print- und Onlinemedien und macht Musik mit der Band „Nördliche Gärten“. Im September 2008 erschien sein erster Lyrikband „Fluchtpunkt: Perspektiven“ im Lunardi Verlag (Berlin). Sein zweiter Gedichtband „Blickdicht“ folgte im März 2011 im Verlagshaus J. Frank (Berlin). Einzel-Veröffentlichung von Gedichten in Zeitschriften (u.a. Poet, Ostragehege, lauter niemand, randnummer), in Anthologien (u.a. Deutscher Lyrikkalender 2011, Versnetze 3) sowie in Online-Portalen (u.a. Poetenladen, Fixpoetry, Lyrikmail). Nominierung für die 2.Lesung des Münchner Lyrikpreises 2011.

“Steinbrück scheut sich nicht, gesellschaftliche Realitäten in ebenso klarer wie scharfer Sprache aufzugreifen und diese in einem Zerrspiegel ad absurdum zu führen: wir sind auf Kurs / und es ist an der Zeit / unter Deck aufzutauchen / um einzuschlafen. Eine Lyrik, die souverän ihrer eigenen Logik folgt und weit davon entfernt ist, in moralisierende oder agitatorische Banalitäten abzudriften. Kein selbstgewisses lyrisches Ich, kein Agitieren von einem sicheren Standpunkt aus. Stattdessen entwirft Steinbrück surrealistische Szenarios auf der Höhe der Zeit mit dichtem Blick auf das Alltägliche. Scheinbare Gewissheiten, die sich auflösen, Perspektiven, die gebrochen werden und pointierte Devisen, gerne als ironische Aufforderung zur Leichtigkeit, wenn es etwa heißt: bitte nehmen Sie / ihr Leben doch / nicht zu persönlich.”

 

Götterclique, geschlossen

 

Du traumhaftes Mikrofaserland

wo die Beatmung der Reisebusse stagniert

wird der mit dem längsten Steuerknüppel

Klassensprecher dieser Autobahn

 
macht noch immer in Trikot-Etagen

macht billig macht das sein Garten ein Turm wird

sein Schwager hat die Elbe neu designt

und leuchtet davon ohne anzuhalten

 
die Ausweisung der Wettkampfzonen

stimmen sie ab im Club eine Art von Heim

hier

hier bleibt die Kälte im Dorf

Tags:, , , , , , , , , , , , , , , ,

Kreuzwort am 14.11.: crauss. / Breyger / Krämer / Schmid

6 Nov

Wenn man keine Ahnung hat, welchen semi-humoristischen Aufhänger man für den nächsten Blogeintrag zum nächsten Kreuzwort-Abend am 14.11. ab 20h hat, weil denken irgendwie anstrengend ist, dann hilft die wordpress-Statistik weiter: “straßenstrich nähe schönleinstrasse”, so kann man uns über google finden, scheint es. Schön. Statt sex kommen aber eher – Wahnsinnskalauer – text workers zu uns und aus der voyeuristischen bzw. ecouteuristischen (gibt es wirklich, das Wort) Perspektive muss man lediglich 3€ Eintritt hinlegen. Um das zu konkretisieren: Aus der Nähe des Straßenstrichs bzw. der U Schönleinstraße oder aber der U Hermannplatz kommt man ja sehr schnell in die Reuterstraße 39 und somit in den – weitere Wahnsinnspunchline von Wortspiel in 3, 2, 1,… – (Anstands-)Damensalon. Dort warten dann Yevgeniy Breyger – welcher auch am 16.11. in der Lettrétage lesen wird, dort allerdings PROSA, bei uns LYRIK -, Thorsten Krämer mit Prosa, Annina Luzie Schmid und crauss. kommen ebenfalls lyrisch.

In alfabetischer Order:

Breyger, Yevgeni: wurde 1989 in der ukraine geboren, lebt seit 1999 in deutschland. studiert kreatives schreiben an der uni hildesheim. hat mehrere preise und stipendien gewonnen, darunter ein arbeitsstipendium der stiftung niedersachsen und den mit 2000€ dotierten selma-meerbaum-eisinger literaturpreis.hat in zeitschriften und anthologien veröffentlicht, u.a: konzepte, bella triste, poet, wortwuchs.

funker

nimm dein tierpräparat in die hand, hier kannst du
nicht bleiben: geweihe, gewehr aufgehängt. moment,

du zeichnest mich ab. etwas kleines im nacken,
bestimmst du die art, den gehalt? schiene. zurück,

nimm dein tierpräparat, behalts. du faltest einen
doppelten knoten ins bild, ziehst mich auf. schleife

zwischen die hufen, geschenkt. spul an den anfang,
klemm das ding unter die arme, spann es dir ein.

crauss.:

(1971) ist ganz aus dem takt geraten, seit er vom städtischen museum als gogo-tänzer engagiert wurde. tingelt seitdem durch verschiedene textspelunken und legt sich, wenn er genug getrunken oder eine lakritzvergiftung hat, mit motorradhelden an. bücher, burschen, bilder und brandaktuelles auf www.crauss.de

(c) marvellous

Hier wird erkenntlich dass cräuss.sche Texte mehr Fäden haben als dieser Blogeintrag, dort bekommt man eine utopische/dystopische (man weiß es nicht) Zukunfts- oder Vergangenheitsvision zu Florians in Berlin, die vielleicht am 14. eintrefen wird oder Teil der Vergangenheit gewesen sein könnte. Kurz: Klicken & crauss. lesen!

Krämer, Thorsten: geboren 1971, lebt in Köln. 1998 erschien sein erstes Buch, “Ich heiße Hal Hartley”, seit diesem Sommer ist das fünfte erhältlich: “Der graue Cardigan”. Daneben zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien sowie Arbeiten für Radio und Fernsehen.

Ab Januar 2012 startet die Reihe krämer’s monthly mit jeweils einem Band pro Monat. www.thorstenkraemer.de

Aus “Der graue Cardigan”:

Meistens bin ich es, der das Besteck vom Frühstück in die Spülmaschine räumt. Aber nicht direkt. Vom Tisch wandert es zunächst in die Spüle, entgegen aller Weisheit in Sachen Organisation und Prozesse. Die besagt, dass man einen Gegenstand nicht öfter als notwendig in die Hand nehmen soll. Es ist schlicht ineffizient, das schmutzige Besteck erst einmal in die Spüle zu legen und dann, vielleicht eine halbe Stunde später, von der Spüle in die Spülmaschine zu befördern. In Wahrheit ist diese Handlungsweise natürlich nicht nach den Kriterien der Wirtschaftlichkeit ausgerichtet, vielmehr steht die Kommunikation im Vordergrund. Das schmutzige Besteck in der Spüle ist ein Angebot zur Teilhabe, ich biete ihr damit die Möglichkeit, ihrerseits aktiv zu werden. Ich lege das Besteck in die Spüle, sie räumt es von dort in die Spülmaschine. Auf diese Weise sind wir beide beteiligt, das Besteck verbindet uns. Das ist ein schöner Gedanke, finde ich, aber in der Praxis funktioniert das leider nicht so gut. Entweder ignoriert sie das Besteck in der Spüle einfach, oder sie fragt mich, warum ich es nicht gleich in die Spüle geräumt habe. Auf diese Frage aber antworte ich nicht, sie muss schon selbst dahinter kommen. Wenn man genau hinhörte, könnte man sogar einen leicht vorwurfsvollen Unterton in ihrer Stimme heraushören, aber ich bin meistens zu unkonzentriert, um so genau auf jede Nuance ihrer Stimme zu achten.

Schmid, Annina Luzie: Bloggerin, Social Media Beraterin, freie Autorin. Urheberin des GIRLS CAN BLOG Projektes (seit 2010) und des Litblogs Words On A Watch (seit 2007). Veröffentlicht in diversen Print- und Online-Magazinen. Geboren in Zürich im Jahr 1983, derzeit wohnhaft in Berlin.
www.anninaluzieschmid.net und http://wordsonawatch.blogspot.com/

ich in tüll laken lackkleid nag am fensterrahmen bricht licht in triangelstrahlen staub wendet sich blendet und ich urban es urbakterium will unter wasser ober flächen molekül sein mir von dir mit spitzen lippen zeigen lassen wie die fische machen algen mähen zwischen heiligen korallen mit dir fieberpirouetten drehen in tiefsee kissengraben sinken auferstehen als dampf noch einmal durch die nacht als regen wieder niedergehen…

Tags:, , , , , , , , , , , , , , ,

KREUZWORT am 24.10.: Marfutova, vom Brocke & Unterweger

20 Okt

Folks! Wir können endlich wieder einigermaßen geregelt schlafen, denn “außerbetrieb” ist vorbei. Wer aus Trauer darüber leise vor sich hinweinend Johannisbeerkraut kaut, den dürfen wir ganz unhomöopathisch beruhigen: Kreuzwort übernimmtwieder den Staffelstab! Wir geben uns keine Schonzeit und bringen am 24.10. wieder Literatur in den sympathischen Damensalon in der Reuterstraße 39 in Kreuzkölln (U Schönleinstraße oder U Hermannplatz, Busse 194 oder M29). Unsere neuen Gastgeber öffnen ihre Pforten extra für uns, Einlass ist ab 20h. Diesmal auch elektrisch amplifiziert, versprochen. Wir sind doch professionell und so Kram.

Für 3€ Eintritt gibt’s auch drei Dichtermenschen und wir freuen uns auf ein sehr abwechslungsreiches Programm mit Lyrik und Prosa von YULIA MARFUTOVA, SONJA VOM BROCKE und ANDREAS UNTERWEGER, den man ja eher selten in Berlin erwischt.

YULIA MARFUTOVA, 1988 in Moskau geboren, lebt in Berlin und studiert dort Germanistik. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien.
Textprobe:

Der Ton in meinem Ohr, der immer da ist, wird überlagert vom Schreien der Nachbarn in der Wohnung unter mir und dann vom Schreien ihres Babys. Es ist ein Kanon verschiedenster Tonlagen und -stärken und ich entfliehe aufs Dach; dafür wohne ich schließlich im Dachgeschoss. Ich steige durch das Fenster, es ist nicht kompliziert, und setze mich auf meinen Lieblingsziegel, der nur deshalb mein Lieblingsziegel ist, weil ich immer auf ihm sitze; ich weiß auch nicht, warum.
Der Abend umschließt mich. Er duftet nach Regen; ich weiß nicht, ob nach vergangenem oder noch kommendem. Ich rieche an ihm. Hier auf dem Dach ist nichts außer dem Abend, seinem Duft und dem Ton in meinem Ohr, einzeln, beharrlich, hoch. Ich lausche in den Abend und in mein Ohr hinein. Mein Ohr, das sich nicht behandeln lässt, weil ich es nicht behandeln lassen will. Ich habe mein Ohr gern, wie es ist. Es leistet mir Gesellschaft.

SONJA VOM BROCKE (geb. 1980), lebt zz. in Berlin. Veröffentlichungen in Literatur- und Kunstzeitschriften (u. a. lauter niemand, Lichtungen, Meise), 2010 ›Ohne Tiere‹ im Verlag Heckler und Koch, Berlin
Textprobe:

[...] Ich liebe Sie. Zum ersten Mal kann ich das sagen. Ich denke Sie ohne Parzelle, bei Ihnen wird galoppiert, kaum Biegung am Saum. Und nach Jahrzehnten noch gäbe es keine Kartoffelchips im Ausschnitt. Zum ersten Mal kann ich das sagen, da das Lieben nicht in der Spitze seiner spitz zulaufenden Tüte erstickt; ich liebe Sie. Sie sind mir flimmernd, Sie kennen das, und zwischen uns saust das Sein. [...]

ANDREAS UNTERWEGER, geboren 1978 in Graz, Studium Deutsche Philologie und Französisch, 2004 abgeschlossen. Lebt in St. Johann/Grafenwörth. Schriftsteller und Rockmusiker (Gitarrist und Sänger der Band ratlos).
Veröffentlichungen von Prosa und Lyrik in Literaturzeitschriften (u. a. manuskripte), Essays zu Wolfgang Bauer. Erhielt den manuskripte Förderpreis 2007 und den Preis der Akademie Graz 2009.

»Andreas Unterweger schreibt zauberhafte, um alle Kanten eines von Beziehungsarbeit geprägten Alltags schwebende Prosa, die trotz ihrer Leichtigkeit nie an der Oberfläche haften bleibt. Und er beherrscht die Schubumkehr – dann bricht er rigoros mit literarischen Bildern, bis es dem Leser den Atem verschlägt.« (Alfred Kolleritsch)
http://www.andreasunterweger.at/

Auszug aus “Wie im Siebenten”:

»Nachts träumten wir vom Meer, und morgens«, schrieb ich in meinem ersten Buch, »lagen dann wirklich immer Muscheln in der Blumenkiste vor dem Fensterbrett – als hätte sie das Meer, das wir, Judith und ich, geträumt hatten, dort angespült.« – In Wirklichkeit war es natürlich ganz anders. In Wirklichkeit hatte Judith die Muscheln selbst in die Blumenkiste gelegt. Abend für Abend nahm sie ein paar Muscheln aus den Nutellagläsern, in denen sie sie aufbewahrte, wusch sie Stück für Stück unter dem Wasserhahn im Vorzimmer, das uns als Küche diente, und legte sie dann in das sandige Beet der Blumenkiste, zwischen die letzten Äste eines zähen Thymians und die paar dürren namenlosen Halme.
Ich weiß nicht, warum sie das machte. Ich habe sie, soweit ich weiß, auch nie danach gefragt. Aber ich weiß noch, was es mit mir machte, wenn ich am Morgen dort, in der Blumenkiste vor dem Fensterbrett, die Muscheln sah. Ich weiß zwar nicht, warum – aber wann immer ich, der ich mich jeden Morgen an das Fenster setzte, um zu schreiben, die Muscheln dort in der Blumenkiste liegen sah, erschien es mir mit einem Mal nicht mehr unmöglich, zumindest nicht ganz unmöglich, dass Träume – zumindest unsere Träume, Judiths und meine – tatsächlich Wirklichkeit werden können. – Und dass das In-Erfüllung-Gehen von Träumen eine gute Sache sei, das verstand sich damals, als wir, Judith und Andreas, in unserem Zimmer im Siebenten zusammenlebten, ohnehin von selbst.
Damals, am Anfang, waren wir uns da noch ganz sicher.

Tags:, , , , , , , ,

außerbetrieb: Abschlusspräsentation “all work and no play”

13 Okt

In drei Sitzungen hat Georg Leß nun Mikro- und Makrokosmos des Horrorfilms durchwühlt, von Kameraeinstellungen bis zu den gängigen Wirkungsmechanismen – immer im Blick: Die Figur des Autors. Klar, so ein bisschen haben wir schließlich auch mit Literatur am Hut. Wer sich also für das Crossover von Slasher, Splatter, Thriller, Gore und Guts und Poesie und Prosa interessiert, sollte seine Blutreserven am Freitag, dem 14.10. in die Lettrétage in der Methfesselstraße 23-25 tragen. 5€ oder 3€ ermäßigt (gilt für Untote, Studierende usw.) im modischen Minileichensack bei sich zu tragen wäre natürlich auch sinnig.

Neben Georg Leß‘ kleiner Zusammenfassung erwarten uns  Furcht und Schrecken von Tom Bresemann, der den Workshop kreativ genutzt hat, sowie weiteres Unheil durch den fluchbringenden Martin Lechner. Und wer weiß, welche Zombies noch in die Lesung reintaumeln – vom Dreifaltigkeitsfriedhof aus sind’s nur 1,3km bis zur Lettrétage, im Leichenwagen ist das ja schnell überbrückt. Bevor ich jetzt noch mehr peinliche Verlegenheitsanspielungen bringe: Kommt vorbei, seid froh und munter beim vorletzten außerbetrieb-Abend!

Tags:, , , , , , , , , , , , ,

außerbetrieb: Die Lettrétage übernimmt KREUZWORT am 10.10. (ACHTUNG: Ortswechsel!)

5 Okt

So sieht’s aus: “außerbetrieb” heißt ja nicht nur, dass wir Tom, Moritz und Katharina in der Lettrétage alle Arbeit abnehmen – nein, die müssen sich auch revanchieren. Deswegen freuen wir uns, das Ende der Sommerpause einleiten zu können und uns dabei trotzdem noch zurücklehnen dürfen.

Passend zur neuen Ära (naja, immerhin: wir gehen ins zweite Jahr!) wechseln wir auch den Veranstaltungsort und befinden uns ab nun an im Damensalon in der Reuterstraße 39, Berlin-Kreuzkölln (das muss ich jetzt schreiben, sonst wird wegen unseres Namens gemeckert).

Genauer: An der Ecke zur Pflügerstraße, erreichbar mit/durch: U Hermannplatz/Schönleinstraße, H Pflügerstraße Bus 194 (aus Fhain), M29. Eintritt beträgt 3€. Eintritt ab 19h45!

Wir werden uns also fein raushalten und zitieren nur aus einem Bekennervideo, welches die Lettrétage auf extremistischen Poesieseiten hochgeladen hat und in dem sie Ziele und Namen nennen:

Die Lettrétage übernimmt Kreuzwort. Aber keine Angst, euch wird weiterhin high-class-adult-entertainment-Poesie vom Feinsten geboten:

Sandra Trojan ist in der Stadt, und schreibt sich während ihres Stipendienaufenthalts in der Villa des lcb am Wannsee die Finger wund. Gönnen wir ihr eine kleine Pause und uns eine Kostprobe ihres Tuns!

Katharina Schultens, Kreuzbergerin und Katholikin, liefert gierstabile Qualität in den Versen ihres diesjährig bei luxbooks erschienen Gedichtbands. Höchste Zeit, die Prophetin der Erkenntnis auch im eigenen Lande zu Wort kommen zu lassen!

Tom Bresemann, geboren in der Hauptstadt der DDR lebt er mittlerweile in der Hauptstadt der Welt: Neukölln. Sein zweiter Gedichtband „Berliner Fenster“ ist soeben erschienen. Come in and find out!

VITEN & GEDICHTE

SCHULTENS

„Schultens’ Verse bleiben haften, ohne klebrig zu sein. So oft sie auch überfordern, so oft fordern sie zum Nachdenken heraus. Diese Lyrik ist noch auf dem Weg begriffen, entwickelt sich aber unaufhörlich fort. Wie ein Fahrzeug, das sich ohne weiteres Eingreifen von außen geradeaus bewegt. Das ist ja schließlich auch die Definition des Begriffes Gierstabilität. Einen besseren Titel hätte der Band nicht haben können.“ (Junge Welt)

Katharina Schultens, geboren 1980 in Rheinland-Pfalz, arbeitet seit 2006 als Forschungsreferentin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Diverse Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien (zuletzt ostragehege, randnummer, shampoo, bella triste, Lyrik von Jetzt II, Neubuch). 2004 ein Debütband im Rhein-Mosel-Verlag; 2011 als zweiter Band  “gierstabil” im Wiesbadener luxbooks-Verlag. Preisgeld gabs auch, besten Dank: 2005, 2007 und 2009.

forum

um zu sprechen, vergiß zunächst alle, die diesen luxus nicht haben. erinnere dich
erst ganz am schluß. dazu später. vergiß (unvollständige liste): traumata – kindliche
inklusive – , ehemalige wie zu erledigende lieben + sorgen, dieses eine geringfügige
scheitern, das sich später als entscheidender punkt erwies, tod angehöriger und
geburt etwaiger kinder, gib überhaupt dein geschlecht ab: falls du mitten im raum
stehen solltest, wirfs nach hinten, es fängt garantiert wer, den bügel zur anderen
hand, es dir anschließend überzuziehn. die schönheit, falls du sie trägst, leg ab
falls dein spezifisches alter sich mit überzeugung zu wort melden sollte, im rahmen
von erkenntnissen darüber, was jeweils jüngere unbedingt wissen müßten, dann
ignorier es, mit überzeugung und selig. ignorier auch den impetus zur wiederholung
schieb die emphase zur seite, spar die evokation jedweder baratmosphäre oder des
zugehörigen kippens vom hocker ins bett: fort, laß bloß nicht bleiben, sondern sein
und unter diesen voraussetzungen, die ich kurz mal bezeichnete als: entferne
den schutz – steh nicht im akkord, der dann einsetzt. laß die trance denen
die sie beherrschen. sprich, was dann übrig, bestenfalls denen, die übrig
(s.o.) aus.

TROJAN

Ein kleiner zusammengekauerter König ziert das Cover. Das kann trügen. Denn die Gedichte der studierten Amerikanistin und Journalistin sind nicht märchenhaft, nicht romantisch. Und eigentlich auch nicht lyrisch. Was wohl tut, wenn man sich an sich einmal wieder den Magen verdorben hat mit gezuckerter deutscher Lyrik. (Leipziger Internetzeitung)

Sandra Trojan, geboren 1980 in Winterberg. Studium der Amerikanistik, Journalisik und Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Leipzig, anschließend am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Arbeitet als Autorin und Übersetzerin und unterrichtet kreatives Schreiben an Schulen. Derzeit ist sie Stipendiadtin des lcb.

Ihr Debüt ‘Um uns arm zu machen’ erschien 2009 im Verlag poetenladen.

Läutern // Zu müde in Bienen zu sprechen
Ich sollte ganz einfach sprechen: von dir, und von mir, Pathogenen.
Von Lippen, schlaff hängenden Netzen, von letzten Worten
ins Dunkel gemurmelt: Machs gut. // Machs gut.

Ein wachsbeflecktes Wort deckt jedes zweite Bild ab.
Ich will doch nur gewahren, was darunter liegt:

ein Zwang, der die Mundhöhle infiziert
eine Litanei, die meist auf Assonanzen stößt.

Nie hört es auf: Zu tief hast du die Akkorde
mit deinen Händen gehämmert, geborgte Worte, spitz
wie Meißel, nur nicht so wahr. // Und endlich zu den Bienen:

nicht von Natur aus garstig, nur ihr Terrain bewahrend
mit Tendenz zum Jähzorn, ist die Dame dahin oder fort //

ist was ich schrieb, aber wurde so müde, so elend mir
von ihrem Dröhnen, dass ich die Wange gegen die Tischkante rieb

// und weinte.

BRESEMANN

Bresemanns Kritik an den Verhältnissen ist subtil – und vor allem poetisch. (Berliner Literaturkritik)

„Das ist schlechter als drittklassiger Poetryslam“ (Raoul Schrott bei der Endrunde des Leonce und Lena Preises 2011)

Tom Bresemann, geboren 1978 in Berlin, Lettrétage und S³ LiteraturWerke Mitbegründer, Herausgeber, Übersetzer, Hundebesitzer, Krawattenträger, Espressosuchtgeschädigter etc. (diese fläche steht nun ihrer werbung frei)

aktuelles Buch: Berliner Fenster (Berlin Verlag) // berlinerfenster-gedichte.de

wenn
                          Auf das Notwendige kann ich verzichten.

wenn ich reich bin ziehe ich nur noch 100%
rein zerstoßenes geld durch die nase.

wenn ich reich bin baue ich kein haus,
ich kauf mir eure.

wenn ich reich bin gestatte ich nur noch apartesten
gleichnissen meiner langweile ausdruck zu verleihen.

exquisite buffetstrecken voll ausgestorbener
köstlichkeiten werde ich, wenn ich reich bin, veranstalten.

wenn ich reich bin werde ich auch schwul.

alle werden mich lieb und teuer halten
denn ich werde verstehen die leere auszukosten.

Tags:, , , , , , , , , , , , , , ,

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

Join 29 other followers